Im Juni sind Regenbogenflaggen kaum zu übersehen. Städte feiern Pride, Unternehmen färben ihre Logos bunt, und in vielen Schaufenstern liegen plötzlich T-Shirts mit Botschaft. Gleichzeitig zeigt der neue «Ipsos LGBT+ Pride Report 2026», dass gesellschaftliche Zustimmung keineswegs selbstverständlich ist.
Für die Studie wurden zwischen dem 24. April und dem 8. Mai insgesamt 19’019 Menschen in 26 Ländern befragt. Die Schweiz gehört nicht dazu. Schweizer Werte lassen sich aus dem Report deshalb nicht ableiten. Relevant sind die Ergebnisse trotzdem: Sie zeigen, wie sich die Stimmung in zahlreichen Ländern verändert. Und sie liefern mit Deutschland einen Vergleich aus der unmittelbaren Nachbarschaft.
Nur knapp die Hälfte sagt Ja zu queerer Sichtbarkeit
Im Durchschnitt der 26 untersuchten Länder befürworten 49 Prozent, dass queere Menschen offen mit ihrer sexuellen Orientierung oder Geschlechtsidentität umgehen. 2021 waren es noch sechs Prozentpunkte mehr.
Auch die Zustimmung zur Ehe oder einer anderen Form der rechtlichen Anerkennung gleichgeschlechtlicher Paare sinkt. Aktuell sprechen sich 66 Prozent dafür aus. Das sind acht Prozentpunkte weniger als vor fünf Jahren.
Die höchsten Zustimmungswerte misst Ipsos in Spanien und Thailand. In Spanien befürworten 70 Prozent offen gelebte Queerness. Selbst dort zeigt die Entwicklung über mehrere Jahre allerdings leicht nach unten.
Auch bei Unternehmen wird die Zur allerdings leicht nach unten.
Auch bei Unternehmen wirdückhaltung grösser: Nur noch 42 Prozent unterstützen Marken, die sich aktiv für die Gleichberechtigung queerer Menschen einsetzen. Seit 2021 ist dieser Wert um sieben Prozentpunkte gesunken.
Deutschland liegt im hinteren Drittel
Besonders deutlich fällt die Entwicklung in Deutschland aus. Nur 44 Prozent der Befragten finden es richtig, dass queere Menschen offen leben. Das sind zwei Prozentpunkte weniger als im Vorjahr.
Deutschland liegt damit unter dem Durchschnitt der untersuchten Länder von 49 Prozent und sogar knapp hinter Polen mit 45 Prozent. In Irland liegt der Wert bei 59 Prozent, in den USA bei 49 Prozent.
Auch öffentliche Zuneigung bleibt für viele ein Problem. Nur 41 Prozent der Befragten in Deutschland unterstützen es, wenn queere Menschen ihre Zuneigung in der Öffentlichkeit zeigen. Das sind drei Prozentpunkte weniger als 2025.
Eine stärkere Repräsentation der LGBTQIA+-Community in Film, Fernsehen und Werbung befürworten 30 Prozent. Fast ebenso viele, nämlich 27 Prozent, lehnen sie ab.
Schutz ja, Gesetze eher weniger
Auf den ersten Blick ist die Zustimmung zum Schutz vor Diskriminierung relativ hoch. 74 Prozent der Deutschen finden, dass Lesben, Schwule und bisexuelle Menschen vor Benachteiligung am Arbeitsplatz, bei der Wohnungssuche und beim Zugang zu Dienstleistungen geschützt werden sollen.
Fragt man nach konkreten Gesetzen gegen Diskriminierung aufgrund sexueller Orientierung oder Geschlechtsidentität, sinkt die Zustimmung allerdings auf 45 Prozent. Beide Werte liegen vier Prozentpunkte tiefer als im Vorjahr.
Bei der Ehe für alle bleibt die Haltung vergleichsweise stabil. 70 Prozent der Befragten in Deutschland befürworten, dass gleichgeschlechtliche Paare heiraten dürfen. Weitere neun Prozent sprechen sich zumindest für eine andere Form der rechtlichen Anerkennung aus. Acht Prozent lehnen jede Form der Anerkennung ab.
Besonders wenig Rückhalt für trans Menschen
Bei den Fragen zu trans Menschen wird der Rückgang noch deutlicher. 72 Prozent der Deutschen finden grundsätzlich, dass trans Personen vor Diskriminierung geschützt werden sollen. Gegenüber dem Vorjahr ist dieser Wert um drei Prozentpunkte gesunken.
Nur 48 Prozent befürworten eine dritte Option in offiziellen Dokumenten wie Reisepässen. 40 Prozent lehnen sie ab.
Besonders stark fällt der Rückgang bei geschlechtsangleichenden Behandlungen aus: Lediglich 39 Prozent unterstützen, dass die Krankenversicherung die Kosten übernimmt. Das sind zehn Prozentpunkte weniger als 2025. Fast die Hälfte der Befragten ist dagegen.
Noch tiefer ist die Zustimmung im Wettkampfsport. Nur 22 Prozent finden, dass trans Athlet entsprechend ihrer Geschlechtsidentität antreten dürfen. 2021 waren es noch zehn Prozentpunkte mehr.
Was der Report für die Schweiz sagt
Für die Schweiz enthält der Report keine eigenen Daten. Die Zahlen lassen sich deshalb nicht einfach übertragen. Es wäre interessant zu wissen, wie stabil die Zustimmung hierzulande ist, sobald es nicht nur um Regenbogenflaggen geht, sondern um konkrete Fragen: Wer soll offen leben können? Welche Rechte gelten für alle? Und wie verbindlich soll der Schutz vor Diskriminierung sein?
Der Report liefert darauf keine Schweizer Antworten. Er zeigt aber, dass gesellschaftlicher Fortschritt nicht einfach bestehen bleibt, sobald er einmal erreicht wurde. Zustimmung kann sinken. Auch dort, wo Pride längst Teil des Sommers geworden ist.
Zur Studie
Der «Ipsos LGBT+ Pride Report 2026» basiert auf einer Online-Befragung in 26 Ländern. Zwischen dem 24. April und dem 8. Mai wurden 19’019 Personen befragt. In Deutschland umfasste die Stichprobe rund 1000 Menschen im Alter zwischen 16 und 74 Jahren.
In 16 der untersuchten Länder, darunter Deutschland, ist die Internetdurchdringung laut Ipsos hoch genug, damit die Stichproben als repräsentativ für die jeweilige Bevölkerung in den untersuchten Altersgruppen gelten können.
Der ausgewiesene Länderdurchschnitt ist nicht nach Bevölkerungsgrösse gewichtet und stellt deshalb kein repräsentatives weltweites Gesamtergebnis dar.
