Das Schweizer Radio und Fernsehen sei zu queer, zu woke, von linken Schwulen unterwandert. Das kritisieren viele Befürworter*innen der SRG-Halbierungsinitiative. Ist dem tatsächlich so?
Was würden wir verlieren, wenn die SRG massiv geschwächt würde? DISPLAY hörte sich in der Community um.
Bild SRF Medienportal | Montage Adobe Stock | Nextforce
Die SRG versorgt uns täglich in vier Landessprachen, auf insgesamt sieben Fernseh- und 17 Radiosendern sowie online. Davon profitieren Junge und Alte, Land- und Stadtmenschen gleichermassen. Und ja, zugegeben, unter den Tausenden von SRG-Mitarbeitenden finden sich auch einige Gays.
Wir erfreuen uns beispielsweise an Sven Epineys professionellen Moderationen und seinem Heiratsantrag vor laufenden Kameras. Wir lauschen gebannt den «Tagesschau»-Nachrichten aus dem Mund von Michael Rauchenstein, bewundern die Ruhe, mit der Mario Grossniklaus die «Arena»-Raubtiere bändigt, hören Dani Fohrlers Gesprächen am Radio zu und, und, und…
Auch die Galerie früherer Gays im Schweizer Radio und Fernsehen lässt sich sehen: Kurt Aeschbacher, Patrick Rohr, Charles Clerc – sie alle waren für uns Identifikationsfiguren.
Lieber woke als reaktionär
Und ja, wir stehen dazu: Wir sind queer und lieber woke als reaktionär. Insofern wollen wir die SRG nicht zerschlagen. Denn wenn wir sie fertigmachen, wird das Leben für uns nicht billiger, sondern teurer. Viele Sportübertragungen, insbesondere jene kleinerer Sportarten, würden gestrichen oder wären höchstens noch über teure Streamingdienste zugänglich. Die kosten schnell einmal Hunderte von Franken und sind damit massiv teurer als die 27 Rappen, die wir bei einer Annahme der Initiative sparen würden.
Und Hand aufs Herz: Auch wenn das Klischee behauptet, die queeren Menschen hätten null Bock auf Sport, haben wir alle Freund*innen, die sich gern mal einen Fussballmatch oder ein Skirennen reinziehen.
Und klar, gerade junge Gays schauen nicht so diszipliniert fern wie ihre Grosseltern. Sie sitzen nicht punkt 19.30 Uhr vor der Glotze und schauen die «Tagesschau». Trotzdem profitieren auch sie von den Angeboten der SRG. Sie bietet sauber recherchierte Information auf vielen Kanälen, auch online, die uns hilft, uns im KI-generierten Fake-News-Dschungel zurechtzufinden. Auch Junge nutzen den grossen Fundus der kostenlosen Mediatheken von SRF, RTS und RSI. Damit wäre es bei einem Ja wohl vorbei.
Kulturszene Schweiz in Gefahr
Und wenn News nicht so dein Ding sind, dann vielleicht die Musik. Die SRG unterstützt jährlich 300 Festivals und macht so viele bezahlbare Kulturevents erst möglich. Sie fördert junge Schweizer Talente und ermöglicht grosse Karrieren.
Überhaupt können viele Schweizer Musiker*innen kaum leben von dem, was der kleine Schweizer Markt hergibt. Das Schweizer Radio spielt ihre Musik und beschert heimischen Künstlern Einnahmen – etwas, das viele private Sender nicht tun, da sie vor allem internationale Superhits spielen.
Viele Filme aus der Schweiz und für die Schweiz wären ohne die Ko-Produzentin SRG gar nie möglich gewesen. Die Kosten für die Herstellung eines Films sind nämlich gleich hoch, ob der Streifen nun für ein internationales Riesenpublikum oder für ein Schweizer Nischenpublikum gedreht wird.
Etliche Gay-Filmperlen wären uns so vorenthalten geblieben. «F. est un salaud» war so freizügig, dass kein anderer als SRF seinen Film koproduziert hätte, sagt der schwule Schweizer Filmregisseur Marcel Gisler. Auch «Mario», das berührende Filmdrama über die Liebesbeziehung zweier Fussballer, wäre ohne SRF nicht möglich gewesen:
Vor 30 Jahren hat die SRG meinen Film «F. est un salaud» koproduziert. Schwuler Sex auf dem Bildschirm war sehr gewagt für die Zeit, die SRG hat es gewagt. Viele Gays haben mir berichtet, dass diese Sichtbarkeit wichtig für ihr schwules Selbstverständnis war. Auch meine weiteren Filme mit queerem Inhalt, «Rosie», «Electroboy» und «Mario», den Film über einen schwulen Fussballer, hätte ich ohne die SRG nicht finanzieren können.
Unabhängige Medien sind für Minderheiten wie die LGBTQ+-Community von zentraler Bedeutung, weil sie Sichtbarkeit und Teilhabe ermöglichen. Die Halbierungsinitiative zielt auf die Schwächung des kulturellen Auftrags, der Vielfalt ernst nimmt und schützt.Marcel Gisler, Regisseur
Ein Algorithmus kennt keine Moral
Es geht nicht an, einfach eine mir nicht passende Unterhaltungssendung aus dem Riesenangebot herauszupicken und deswegen gleich den ganzen Service public abzuschaffen. Wer so etwas fordert, unterschlägt, dass der allergrösste Teil der Gebührengelder in die Information fliesst; ein weiterer grosser Teil geht an den Sport. Unterhaltung ist dagegen ein kleiner Posten. Und Hand aufs Herz: Wir alle brauchen nicht nur furztrockene Information – auch Unterhaltung tut uns gut, gerade in diesen düsteren Zeiten.
Es ist absurd zu glauben, dass die Reduktion der Gebührengelder den kleinen Schweizer Privatsendern zugutekäme. Auch Werbegelder fliessen nicht in Schweizer Nischenprodukte, sondern kommen den von reaktionären Plutokraten gesteuerten Tech-Plattformen zugute. Und leider sind Meta, Google, X, Facebook, Telegram, TikTok und wie sie alle heissen mögen alles andere als queerfreundlich. Ihre Algorithmen pushen alles, was Klicks generiert. Wenn Hassnachrichten gegen unsere Community, Fake News, Polarisierung und Desinformation für Traffic sorgen, werden sie gepusht. Gnadenlos. Denn ein Algorithmus kennt keine Moral.
Stimmen aus der Community zur Anti SRG-Initiative
Zuerst einmal möchte ich mit zwei grossen Missverständnissen aufräumen: Die Initiant*innen behaupten, mit der Hälfte des Geldes könne sich die SRG auf ihren Kernauftrag, die Information, beschränken. Das ist absoluter Blödsinn: Der Kernauftrag der SRG beinhaltet gemäss Konzession neben der Information auch Kultur, Unterhaltung und Sport, also alles, was eine Gesellschaft zusammenhält. Würde die SRG nur noch Information senden, würde das Publikum abwandern, und die SRG wäre bald tot – und das ist genau das, was die Initianten wollen, um Medien nach ihrem Gutdünken zu gestalten.
Und damit sind wir beim zweiten Missverständnis: Die Initiant*innen behaupten immer wieder abwechslungsweise, die SRG sei links oder ein «Staatssender», auf jeden Fall sei sie abhängig von der Politik, vor allem der linken Politik. Auch das ist Blödsinn.
Ich habe 15 Jahre als Journalist und Moderator, unter anderem der «Arena», für das Schweizer Fernsehen gearbeitet, und ich habe nie einen Beeinflussungsversuch irgendeiner Art von irgendwem erlebt.
Die SRG ist unabhängig, sowohl von der Politik als auch von der Wirtschaft, und genau das ist ihre Existenzberechtigung. Deshalb ist für mich klar: Die Schweiz braucht die SRG, denn nur sie bildet unser Land mit all seinen Unterschieden, seinen Minderheiten und in seiner ganzen Vielfalt ab. Kein privater Anbieter ist interessiert, Sendungen über das Puschlav oder das Obergoms zu machen, weil sie kommerziell nichts bringen – und als LGBTQ+-Community wären wir höchstens noch als schrille Quotenbringer*innen interessant, aber sicher nicht als Stimme unserer lebendigen Demokratie.Patrick Rohr, Journalist, Fotograf, Moderator, Kommunikationsberater
Wir können nicht von Medienschaffenden fundierten, unabhängigen Journalismus erwarten und ihnen gleichzeitig die Grundlage dafür entziehen. In Zeiten, in denen faschistische Kräfte wieder erstarken, sind Solidarität und fact-checked Informationen unverzichtbare Werkzeuge des Widerstands. (Zitiert nach Instagram).
Anna Rosenwasser, Kolumnistin und Nationalrätin ZH/SP
Unabhängige, journalistisch arbeitende Medien sind für mich zentral für eine funktionierende Demokratie – und deshalb besonders wichtig für Minderheiten.
Radio und Fernsehen bieten Orientierung in einer Zeit, in der Information oft fragmentiert, emotionalisiert oder bewusst verzerrt wird. Gerade für gesellschaftliche Minderheiten wie die gay Community sind verlässliche Medienräume entscheidend: Sie schaffen Sichtbarkeit, Kontext und Schutz vor Vereinfachung und Stigmatisierung.
Minderheitenrechte leben davon, dass Themen differenziert, respektvoll und faktenbasiert behandelt werden – nicht von Lautstärke oder Empörung. Öffentlich-rechtliche Medien leisten hier einen wichtigen Beitrag, weil sie journalistischen Standards verpflichtet sind und nicht primär Reichweite oder Polarisierung belohnen.
Medienkompetenz bedeutet für mich deshalb auch, den Wert von unabhängigen Medien zu erkennen und zu schützen. Eine Schwächung dieses Systems trifft nicht zuerst die Mehrheit, sondern jene, deren Stimmen sonst zu leicht überhört werden.
Dyami Häfliger, Verlagsleiter Weber Verlag AG,
Thun, GLP
Es wird bei einem «Ja» teurer, nicht billiger! Denn der geringen Ersparnis stehen neue Kosten gegenüber, namentlich durch zusätzlich benötigte Pay-TV- und Streaming-Abos, Verlust von (Lieblings-)Sendungen, die heute frei zugänglich sind und Freude machen, durch einen rückläufigen Schutz vor Desinformation und durch mehr Werbung «gratis» dazu.
Unterhaltung müsste man künftig nämlich entweder durch zahlungspflichtige Streamingdienste konsumieren oder bei werbeverseuchten Verseichtungsmedien wie Pro7/Sat1 (gerade eben von Berlusconi-Medien aufgekauft), weil der kommerzielle Schweizer Fernsehsender gute Unterhaltung wie beispielsweise Schweizer Serien niemals gewinnbringend produzieren kann. Der Schweizbezug ginge darüber hinaus noch verloren.
(Zitiert nach der Kolumne #Korrigendum).Jacqueline Badran, Unternehmerin und Nationalrätin ZH/SP
Die Halbierungsinitiative zerstört Meinungsfreiheit, kritisches Denken und unsere Solidarität.
Ausserdem schadet sie unseren Regionen. Deshalb NEIN am 8. März.Piet Baumgartner, Theaterschaffender
News, Kultur, Sport, Wissenschaft und Jassen: Die Bedeutung der Vielfalt unserer SRG zeigt sich darin, dass jede:r etwas anderes keinesfalls wegsparen möchte. Was also soll gestrichen werden, wenn das Budget reduziert wird? Darauf sollten sich die Befürworter:innen dieser unsäglichen Initiative einigen können. Können sie nicht. NEIN zu diesem Unfug!
Johannes Sieber, Kulturunternehmer, Politiker GLP







