Spanien verdrängt Malta von der Spitze des europäischen LGBTQ+-Rankings

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Spanische Nationalflagge weht vor einem historischen Gebäude unter blauem Himmel.
Spanien führt erstmals die ILGA-Europe Rainbow Map 2026 an – und verdrängt Malta nach zehn Jahren von der Spitze. (Bild: Chris Boland auf Unsplash)
Zehn Jahre lang stand Malta unangefochten an der Spitze der europäischen LGBTQ+-Rangliste. Heute ist das vorbei: ILGA-Europe hat die Rainbow Map 2026 veröffentlicht, und Spanien übernimmt die Führung. Die Schweiz hingegen verliert zwei Plätze.

Zehn Jahre lang stand Malta an der Spitze der Rainbow Map, dem jährlichen Ranking von ILGA-Europe, das 49 europäische Länder nach ihren Gesetzen und Politiken für LGBTI-Menschen bewertet. Dieses Jahr ist es vorbei. Spanien übernimmt Platz 1 mit einem Score von 89 Prozent, einem Plus von 11 Punkten. Malta folgt auf Platz 2 mit 88 Prozent, Island auf Platz 3 mit 86 Prozent, Belgien auf Platz 4 und Dänemark auf Platz 5.

Spaniens Aufstieg ist kein Zufall. Die Regierung setzte ihr 2023 verabschiedetes LGBTI- und Trans-Gesetz konsequent um: Gleichstellungsaktionspläne wurden verabschiedet, eine unabhängige Behörde für Gleichbehandlung geschaffen, und die Entpathologisierung trans Menschen im Gesundheitssystem vollständig durchgesetzt. Auf Bundesebene haben inzwischen 15 von 17 Regionen LGBTI-Schutzgesetze. Einige Regionalregierungen versuchten, diese Schutzgesetze zurückzudrehen, scheiterten aber am nationalen Verfassungsrecht.

Europakarte der ILGA-Europe Rainbow Map 2026, eingefärbt nach LGBTI-Rechtslage: Spanien, Malta und Island in dunkelgrün an der Spitze, Russland und Aserbaidschan in dunkelrot am Ende des Rankings.
Die ILGA-Europe Rainbow Map 2026: Spanien führt mit 89 Prozent, Russland und Aserbaidschan bilden mit je 2 Prozent das Schlusslicht.(Bild: ILGA Europe)

Katrin Hugendubel, stellvertretende Direktorin von ILGA-Europe, kommentiert: «Spaniens Platz eins ist ein starkes Beispiel dafür, was möglich wird, wenn eine Regierung sich bewusst für die Förderung von Gleichstellung entscheidet, anstatt davor zurückzuschrecken.»

Was die Rainbow Map misst

Die Rainbow Map erscheint seit 2009 jährlich und bewertet 49 europäische Länder anhand von 76 Kriterien in sieben Themenbereichen: Gleichstellung und Antidiskriminierung, Familie, Hassverbrechen und Hassrede, rechtliche Geschlechtsanerkennung, körperliche Unversehrtheit von Intersex-Personen, Zivilgesellschaft und Asyl. Die Daten werden in einem Konsultationsprozess mit über 200 Länderexpertinnen und -experten erhoben und verifiziert. Das Ranking misst Gesetze und Politiken, nicht die gelebte Realität. In Spanien etwa sind Übergriffe auf LGBTI-Personen in nur zwei Jahren von 7 auf 22 Prozent gestiegen – trotz Platz 1.

Fortschritt bei trans Rechten – und Rückschritte

Die Rainbow Map 2026 zeichnet kein einheitliches Bild. In Tschechien und Lettland können trans Menschen ihren Geschlechtseintrag neu ohne Sterilisierung ändern – Tschechien war damit bis zuletzt das letzte EU-Land, das diesen Eingriff gesetzlich vorschrieb. Schweden vereinfachte die Verfahren zur rechtlichen Geschlechtsanerkennung und schaffte die Pflicht zu medizinischen Eingriffen für Personen ab 16 ab. Albanien stärkte seinen Diskriminierungsschutz durch ein neues Gleichstellungsgesetz. Österreich ermöglichte nach einem Verfassungsgerichtsentscheid neu vier Geschlechtsmarker für nicht-binäre Menschen.

Auf der anderen Seite: Belarus verabschiedete ein Anti-LGBTI-Propagandagesetz nach russischem Vorbild. Die Slowakei verankerte verfassungsrechtlich, dass es nur zwei Geschlechter gibt, und machte damit eine Änderung des Geschlechtseintrags de facto unmöglich. Portugal arbeitet an einem Gesetzentwurf, der bestehende Trans-Schutzgesetze erheblich einschränken würde. In der Türkei wurden LGBTI-Organisationen aufgelöst, Aktivist:innen strafrechtlich verfolgt. Russland bleibt auf dem letzten Platz; LGBTI-Organisationen werden dort erstmals als «extremistisch» eingestuft.

Die Schweiz stagniert

Die Schweiz liegt auf Platz 20 von 49, mit einem Score von 50 Prozent. Damit verliert sie zwei Plätze, weil Montenegro und Kroatien sie überholten. ILGA-Europe stellt fest, dass die Schweiz seit 2023 keine relevanten Fortschritte erzielt hat, obwohl das Büro für Gleichstellung damals mit einem Gleichstellungsmandat ausgestattet wurde. Beim europäischen Durchschnittsscore von 43 Prozent liegt die Schweiz zwar darüber, beim EU-Durchschnitt von 52 Prozent aber darunter.

Ein Europa, das in zwei Richtungen läuft

Der europäische Durchschnittsscore liegt bei 43 Prozent, der EU-Durchschnitt bei 52 Prozent. Das Schlusslicht bilden Armenien (45.), Belarus (46.), Türkei (47.), Aserbaidschan (48.) und Russland (49.). Rumänien ist mit Platz 42 das EU-Land mit dem tiefsten Score. Hugendubel fasst zusammen: «Die Rainbow Map 2026 erzählt zwei Geschichten gleichzeitig. Eine von echtem Mut, in Spanien, in Gerichtssälen und bei Regierungen, die sich entschieden haben, mit ihren Communities zu stehen. Und eine von wachsender Gefahr, die nicht unterschätzt werden darf. Die Frage, die sich jede europäische Regierung stellen muss, ist: Welche Geschichte will sie mitschreiben?»

Die vollständige Rainbow Map 2026 ist ab heute auf ilga-europe.org abrufbar.

Maurice Müller

Online Redakteur
DISPLAY Magazin

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Veröffentlicht:

12.05.2026

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