Frisch erwacht das dänische Frühjahr in Kopenhagen: Zwischen royaler Kulisse und ungezwungener Offenheit entdeckt man eine Stadt, in der schwule Reisende Kultur, Natur und ein offenes Miteinander geniessen.
Kaum geht die Frühlingssonne über den Dächern von Nyhavn auf, scheinen die langen, dunklen Wintermonate nur noch eine ferne Erinnerung zu sein. Dann strömen die Menschen in Kopenhagen nach draussen, ordnen Tische vor Cafés und nutzen die ausgedehnten Velowege mit einer Gelassenheit, als hätte man das kühle Grau längst abgeschüttelt. Mittendrin eine Stadt, die königliches Erbe und moderne Toleranz ohne grosses Aufsehen verbindet.
Alte Werte, neu gelebt

In Dänemark leben rund 5,6 Millionen Menschen, knapp ein Viertel davon in der Metropolregion Kopenhagen. Die Stadt gilt seit Jahren als eine der lebenswertesten Europas, was mit grosszügigen Freiräumen, sauberem Hafenwasser und einer entschiedenen Haltung gegenüber Diskriminierung zusammenhängt. Dass Dänemark 1989 als weltweit erstes Land gleichgeschlechtliche Partnerschaften anerkannte, fügt sich in dieses Bild. Kaum jemand runzelt die Stirn, wenn zwei Männer am Nyhavn händchenhaltend flanieren oder ein Frauenpaar sich vor Schloss Amalienborg küsst.
Auch die architektonische DNA der Stadt ist geprägt von Historie und Gegenwart. Schloss Christiansborg dient heute als Parlamentssitz und symbolisiert die Verbindung von Monarchie und Demokratie. Rund um Strøget bestimmen Designgeschäfte, vegane Bäckereien und Pop-up-Galerien den Takt einer weltoffenen Grossstadt.
«Studiestræde»: Bars für Nachtvögel

Eine Stadt, die sich schon früh für LGBT-Rechte einsetzte, pflegt auch ein lebendiges Nachtleben. Wer abends loszieht, findet viel in Gehdistanz rund um die Strasse Studiestræde. Hier reihen sich mehrere Bars und Clubs aneinander: von «Centralhjørnet», einer der ältesten Schwulenbars der Welt, über die «Cosy Bar» bis hin zu «Kiss Kiss», «Masken» oder «Jailhouse CPH» mit seinem augenzwinkernden Gefängnis-Dekor.
Auch in der Nähe des Rådhuspladsen pulsiert die Szene: Das «Nevermind» erinnert mit seinem Mix aus Pop-Hits und ausgelassener Stimmung an das Heaven in Zürich – ist aber grösser und oft bis in die frühen Morgenstunden geöffnet, täglich, auch unter der Woche. Wem es im Mainstream zu eng wird, findet wenige Schritte entfernt «Den Anden Side», einen neueren Club mit elektronischen Beats, einer queerfreundlichen Politik und Darkrooms. Wer Raum für queere Kultur und künstlerische Experimente sucht, wird bei «Warehouse9» fündig – Performances, Installationen und Workshops abseits der Clubszene.
Kunst im Freien

Das «Louisiana Museum of Modern Art» in Humlebæk ist in 40 Minuten mit dem Zug zu erreichen — moderne Kunst, klare Architektur und Meerblick, mit Weitblick bis hinüber nach Schweden. Bei Dronningmølle erstreckt sich die Heide- und Hügellandschaft «Rusland»: Dort zeigt der Statue Park 14 Skulpturen des dänischen Bildhauers Rudolph Tegner, frei zugänglich inmitten von Heidekraut und sanften Erhebungen. Es hat schon etwas Mystisches, wie die Statuen mitten im Nichts emporragen.
Ein Frühling, der sich nicht aufdrängt

Wenn im April und Mai das Licht klarer wird und die Tage sich strecken, zeigt Kopenhagen seine spielerische Seite. Dann öffnen die Aussenbereiche der Cafés, die Menschen versammeln sich an den Ufern des Hafens, und im «Tivoli», einem der ältesten Vergnügungsparks der Welt, frischt die Nostalgie auf. Wer gerne feiert, sollte wissen, dass die jährliche Pride jeweils im August ein ganz besonderer Höhepunkt ist. Ein zweiter Blick auf Kopenhagen lohnt sich allemal: In Hinterhöfen, Altstadtwinkeln und kleinen Läden verbergen sich Geschichten, die das dänische Hygge lebendig halten.
Von Maurice Müller, Kopenhagen · Bilder: Adobe Stock, Centralhjørnet, Louisiana Museum of Modern Art







