Klassische Medienangebote, wie auch das Magazin DISPLAY, befinden sich im Umbruch. Immer mehr verlagert sich ins Digitale. So auch der Medienkonsum. Dies auch deshalb, weil das Angebot im Digitalen individueller ist als jedes klassische Angebot.
Die Gen Z verbringt im Schnitt zweieinhalb bis drei Stunden täglich mit sozialen Medien. Die Tendenz ist allerdings eher sinkend. Denn die Jüngeren sehnen sich nach Stabilität, vertrauensvollen Angeboten und im besten Fall trotzdem möglichst kostenlosem Medienkonsum.
Wie sieht 2026 der Medienkonsum der jüngeren Generationen aus?
Noel, 23, aus Basel sagt:
«Ich konsumiere vor allem News über meinen Instagram-Feed. So sehe ich tagesaktuell, was passiert, und bleibe informiert, auch wenn ich mir aktuell kein Medienabo leisten möchte.»
Damit ist Noel nicht allein. Ein Grossteil der unter 30-Jährigen leistet sich kein Medienabo. Kostenlose Angebote gäbe es genug. Viel eher kuratieren sich die meisten durch ihre Folgelisten und das Wissen des Algorithmus über die eigenen Interessen einen Medienkonsum, der ihnen die Informationen liefert, die sie brauchen.

Viktoria, 22, die in einer WG in Zürich lebt, zahlt gemeinsam mit ihren Mitbewohnern ein Abo für die Wochenzeitung WOZ. «Das wöchentliche Format passt für uns gut, und wir haben die Ausgabe jeweils auf dem Küchentisch. Manchmal diskutieren wir dann auch auf unserem Balkon über Gelesenes. Dadurch, dass wir das Abonnement teilen, fällt es kostenmässig nicht so stark ins Gewicht.»
Viktoria ist mit ihrer WG damit allerdings eher die Ausnahme, auch wenn sich ein globaler Trend abzeichnet:
Die Gen Z sehnt sich nach weniger Überflutung und mehr Sicherheit bezüglich der Wahrheit ihrer Quellen.
Leandro, 25, lebt in Berlin und nutzt den Terminkalender des queeren Magazins Siegessäule, um sich über Partys und Veranstaltungen zu informieren. «Ich finde es zudem gut, dass das Heft an so vielen Orten kostenlos ausliegt. Auch in der Boiler-Sauna blättere ich gern durch die Schwulenmagazine», erklärt er, wie er queere Medien wahrnimmt. «Was mir jedoch auffällt, ist, dass viele dieser Magazine immer noch einen grossen Fokus auf eine ältere Zielgruppe legen. Das ist sicherlich sinnvoll für die Magazine, da diese Leute sie abonnieren. Aber ich frage mich, warum es nicht mehr Themen und Interviews gibt, die auch meine Generation ansprechen.»
Ein Digital-Abo kommt für die wenigsten infrage. Wenn schon zahlen, dann lieber Print – so meinen sie in den Kurzinterviews und erklären, dass sie im digitalen Raum eigentlich ein Streaming-Abo für Medien bevorzugen würden. Noel ergänzt: «Wenn ich schon zahle, dann würde ich auch gerne auf verschiedene Blickwinkel zugreifen.» Und Viktoria meint:
«Ich schätze Print, da ich dann wenigstens mal nicht am Handy bin und mich zudem wirklich tiefgehender mit einem Thema beschäftige.»
Im Gegensatz dazu haben über 90 Prozent der Gen Z mindestens ein Abonnement für digitales Streaming von Musik, Serien, Filmen oder Podcasts. Medienkonsum hat also eine Chance zur Monetarisierung. Nur fehlen die Angebote für Journalismus oft noch.
Wie Social Media unsere Debatten verändern
Während Creator- und Social-Media-Formate zwar junge Zielgruppen erreichen, funktionieren die Mechanismen hinter den Plattformen ganz anders als bei klassischen Medienhäusern, auch wenn diese immer mehr gezwungen sind, auf Trends und Social-Media-Debatten aufzuspringen. Denn Social Media funktionieren primär nicht mehr über lokale oder dem direkten Leben zugeordnete Themen.
Im Gegensatz zu Lokalmedien sind es oft die globalen Inhalte, die am meisten Raum einnehmen. Algorithmen erkennen über Semantik und Interaktionsraten sowie über ein hohes Volumen neuer Beiträge, welche Themen sie in die Feeds der Konsumenten spülen. Dabei sind wir alle kategorisiert und eingeteilt. Wir bekommen nicht mehr jedes globale Thema mit, sondern jene, bei denen der Algorithmus ein besonderes Interesse von unserer Seite vermutet.
Gefangen in Echokammern
Für die Gen Z, aber auch den Rest der digitalen Nutzer:innen bedeutet das, dass wir immer mehr in eigenen Echokammern gefangen bleiben. Der Feed zeigt uns Menschen und Haltungen, die uns nicht herausfordern, sondern uns bestätigen. Die Themen, die vom Algorithmus als nicht relevant genug eingestuft oder von der Content-Flut schlicht verschluckt werden, tauchen in unserer Wahrnehmung nicht mehr auf.
Gleiches gilt für lokale Events oder regionale Persönlichkeiten. Wusste man früher aus der Tageszeitung oder dem Gay-Magazin genau, wo die nächste Party steigt, informiert uns der Feed zwar tagesaktuell über globale Mega-Events wie die Halbzeitshow des Super Bowls oder die Pride in Berlin – währenddessen verschwinden die News, die unseren direkten Alltag betreffen, im Rauschen.
Empörungsbewirtschaftung
Aktuelle Studien wie die JIM-Studie untermauern diesen Trend: Mehr als 60 Prozent der Jugendlichen kommen im Netz regelmässig mit Fake News, extremen Positionen oder ungefilterten Inhalten in Berührung, weil Algorithmen primär auf Eskalation setzen.
Ebenso funktioniert auf Social Media besonders gut Content, der starke Emotionen auslöst. «Rage Bait», also wütend machender Content, performt extrem stark, und selbst Medienhäuser setzen mit polarisierenden Headlines auf diesen Reichweitenmotor.
Von Breaking News überflutet
Wer also nicht aktiv versucht, möglichst viele verschiedene Stimmen zu verfolgen, läuft Gefahr, in algorithmischen Verzerrungen festzuhängen. Laut aktuellen Medienbeobachtungen wie dem Reuters Digital News Report wächst parallel dazu die sogenannte «News Avoidance» – das mürrische Abwenden von Nachrichten, weil die permanente Reizüberflutung ermüdet. Wer zudem lokale Kultur- und Eventinfos verpasst, konsumiert stattdessen ständig das glamouröse, aufregendere Leben von Unbekannten auf dem Bildschirm. Das führt zu einer gefühlten Isolation und einer dauerhaften FOMO (Angst, etwas zu verpassen).
Ebenso sind queere Medien und Creators im Gegensatz zu geschützten Print-Nischen nicht in einem Safe Space unterwegs, sondern im selben Algorithmus, in dem auch hasserfüllte, queerfeindliche Kampagnen Reichweite generieren. Das sorgt dafür, dass selbst beim Konsumieren von Community-News oft ein fahler Beigeschmack bleibt.
Queere Content Creators
Welche digitalen Marken und Creators liefern queeren Content im digitalen Raum?
Junge Menschen suchen vor allem Identifikationsfiguren, die nicht nur News und Fakten aufbereiten, sondern diese auch nahbar präsentieren und Debatten lancieren, die in klassischen Leitmedien oft nicht aufgegriffen werden. Ebenso werden Inhalte über Sprach- und Landesgrenzen hinaus konsumiert.

Matt Bernstein
Bild: @mattxiv
Zu den international erfolgreichsten Creators und Stimmen für queere Debatten zählt der jüdische New Yorker Matt. Mittlerweile analysiert er grössere Debatten auch in seinem Podcast «a bit fruity» (auf Deutsch: ein bisschen gay) und geht tief in die Verstrickungen von Politik, Wirtschaft und gesellschaftlichen Strömungen. Zu seinen erfolgreichsten Community-Formaten zählt «Manifest Monday», bei dem Matts Follower jeden Montag eine Direktnachricht schicken, in der sie schreiben, was sie manifestieren – sprich, welches ihre grössten Wünsche sind.

Fabian Grischkat
Bild: Piper
Das deutsche Pendant, wenn auch deutlich mehr auf allgemeine Politik und Debatten fokussiert, ist der bisexuelle Fabian Grischkat. Der junge Moderator und Content Creator informiert über seine Kanäle mehr als 250’000 Menschen über politische Entscheidungen, Klimapolitik und queere Rechte im globalen Vergleich.

Jo Ludwig
Bild: Celina Aleksander
Während sich viele klassische queere Medien entweder auf schwule oder lesbische Zielgruppen fokussieren, schafft Jo Ludwig mit deren Content eine Anlaufstelle für nicht-binäre und trans Menschen. Ludwig erklärt die Bedeutung vieler Flaggen, klärt über Entwicklungen in der Politik auf und nimmt die Community währenddessen auf der eigenen Identitätssuche mit.

Dimi
Bild: zVg
Aus der deutschsprachigen Medienlandschaft kaum mehr wegzudenken ist Dimi. Mit gefärbten Haaren und einer begeisternden Art seziert er auf seinen Kanälen queere Trendthemen: ob die neuesten Netflix-Highlights, CSD-Analysen oder als Podcast-Host für den öffentlichen Rundfunk. Bei «Willkommen im Club» sprechen er und Sophia Sailer über queere Themen – von Sex und Beziehungen über Politik bis hin zu Gesprächen mit queeren Stimmen, die auf Social Media begeistern.
Queere Medien sind tot, aber sie leben?
Während klassische Medien also schauen müssen, wie sie sich langfristig halten, die bereits existierenden Abonnenten nicht vergraulen und online neue Angebote schaffen, wachsen Creators und Marken heran, die digitale Communities tatsächlich erreichen.
Eigentlich boomt der queere Medienmarkt immer noch, denn 2026 sind wahrscheinlich so viele Menschen in der Schweiz geoutet wie in keinem Jahr zuvor, da die soziale Akzeptanz wächst.
Wie es gelingt, diese wieder zu Lesenden für Magazine wie DISPLAY zu machen, beschäftigt uns nicht nur bei diesem Text, sondern ist unsere Aufgabe für die nächsten Jahre. Wir freuen uns immer über Anregungen, wie wir unsere Angebote noch besser machen können.
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Ein Text von Josia Jourdan
