Drei Dinge müssen erfüllt sein, um zu wachsen:
Täglich posten.
Mit der Community interagieren.
Videos erstellen, bei denen die User länger als drei Sekunden dranbleiben. Das war’s, mehr ist es nicht.
Es braucht keinerlei Kreativität. Es braucht keine schön gefilmten Bilder oder hochwertig geschnittenes Videomaterial. Und ganz wichtig: Man muss nicht tanzen können.
Macht das Spass?
Obwohl die Regeln einfach sind, sind Social Media, man verzeihe mir die Ausdrucksweise, ein Arsch voll Arbeit. Mittlerweile brauche ich fürs Filmen, Schneiden und Posten der Videos auf drei verschiedenen Short-Content-Plattformen zwischen zwei und drei Arbeitstage pro Woche. Wie viel Spass das macht? Am Anfang gar keinen. Man probiert irgendwas aus, investiert viel Zeit und Hirnmasse in etwas Kreatives und wird mit 14 Likes belohnt.
Kreativität ist bei Social Media sowieso nur hinderlich. Es braucht etablierte Formate mit Wiedererkennungswert, die beliebig oft replizierbar sind. Bei mir sind das zum Beispiel Sketche, in denen ich einen abgehobenen Zürcher Millionär oder einen stereotypen Deutschen spiele, sowie Alle-Kinder-Sprüche. Das hat im Grunde genommen wenig mit dem zu tun, was ich auf der Bühne mache, klickt aber massiv besser.
Irgendwann springt man über den eigenen Schatten und sagt sich: Scheiss drauf, ich finde es selbst nur so mittel, aber den Usern scheint es zu gefallen. Man muss das Rad nicht neu erfinden. Bei jedem Marvel-Film kommen ja auch immer die gleichen Figuren und Spannungsbögen vor. Die User wollen Altbekanntes, neu verpackt.
Was bringt das?
Am Anfang gar nichts. Nach zwei bis drei Monaten sieht man die ersten Erfolge. Sobald ein Format mal funktioniert, macht es Spass. Man erhält Zuspruch, Lob, Anerkennung. Und natürlich auch den einen oder anderen Hasskommentar. Das Absurde an Social Media ist: Je mehr etwas polarisiert, desto mehr Reichweite erhält es.
Am Anfang tat ich mich schwer damit, polarisierenden Content zu posten. Als Bühnenkünstler möchtest du ja geliebt werden. Allerdings geht’s reichweitentechnisch extrem ab, sobald sich die Leute in den Kommentaren die Köpfe einschlagen.
Ab 10’000 Followern trudeln dann die ersten Kooperationsanfragen ein, in der Regel für richtig grottige Produkte oder dubiose Dienstleistungen, wie zum Beispiel Online-Casinos. In meinem Fall waren aber plötzlich auch Kooperationsanfragen für Schweizer Unternehmen oder Angebote für Firmenauftritte oder Moderationen dabei. Ausserdem läuft der Vorverkauf für meine Comedy-Shows viel besser.
Was habe ich gelernt?
Berühmt werden nicht die kreativsten, lustigsten oder schönsten Menschen, sondern diejenigen, die den Algorithmus verstehen und regelmässig Content raushauen.
Ausserdem muss man Gegenwind aushalten können. Auf TikTok befindet sich gefühlt der Bodensatz der Gesellschaft. Gesichtslose Profile, die homophoben und rassistischen Dreck mit Schreibfehlern posten. Auf YouTube hingegen sind die meisten nur Konsumenten, die sich von Videos berieseln lassen. Auf Instagram besteht die Mischung aus beidem.
Ich habe gelernt, dass Social Media Spass machen können, wenn man mal ein Format gefunden hat, das funktioniert. Ausserdem habe ich in den letzten zwölf Monaten mit vielen Menschen kooperiert und neue Geschäftsfelder erschlossen. Das sind alles Projekte, die ohne Social Media nicht zustande gekommen wären.
Neuerdings werde ich auch häufiger auf der Strasse angesprochen. Allerdings nie wegen meiner Bühnenausschnitte, sondern meistens wegen des arroganten Zürcher Millionärs. Den fand ich anfänglich peinlich, mittlerweile ist mir die Figur richtig ans Herz gewachsen. Ich kann als Millionär böse sein, und wenn ich in den Kommentaren beleidigt werde, sorgt das für noch mehr Traffic.
Die Nutzbarmachung von Hass. Allein dafür hat sich der ganze Aufwand gelohnt. Falls du dein Social Game aufmöbeln möchtest, schick ’ne DM, ich weiss ja jetzt, wie’s geht. Tu mir einfach einen Gefallen: Nenn dich nicht Influencer. Wir sind Content Creators.
Frank Richter ist mit seinem vierten Soloprogramm unterwegs. Ehrlicher, direkter und wandlungsfähiger denn je. #Lovemyjob ist ein wilder Ritt zwischen messerscharfer Alltagsbeobachtung und rabenschwarzem Humor.
Frank Richter auf Instagram
