Die stille Macht: Wer die Schweizer Queer-Community wirklich bewegt

Community

Wer prägt die queere Schweiz? Von Bundesbern über TV-Bühnen bis TikTok: Einfluss hat viele Gesichter. DISPLAY hat nachgefragt, wer die Community selbst für besonders einflussreich hält – und warum.

Sie sitzen im Bundeshaus, moderieren zur besten Sendezeit oder erreichen mit einem einzigen TikTok-Video mehr Menschen als frühere Generationen mit jahrzehntelangem Kampf: Wer in der Schweiz als einflussreiche queere Person gilt, folgt keiner Logik von Geld oder Macht, sondern der Frage, wer wirklich etwas verändert. DISPLAY hat nachgefragt, welche Persönlichkeiten die VIP-Community selbst als ihre wichtigsten Stimmen sieht.

Wer ist der einflussreichste Schwule der Schweiz? Die Frage klingt simpel, doch schon beim ersten Versuch, sie zu beantworten, zerfällt sie in ein Dutzend andere Fragen. Denn es kommt eben darauf an, wie man Einfluss überhaupt definiert. Braucht Einfluss ein Amt, eine Bühne, eine Kamera? Oder reicht es, einfach sichtbar zu sein, ein Gesicht, das zeigt, dass Schwulsein längst keine Schlagzeile mehr sein muss?

Wer Einfluss über Geld und Macht definiert, landet schnell bei internationalen Namen. In der Schweiz bleibt er meist diskreter. Als positives Beispiel nennt Beat A. Stephan den zurückgetretenen Apple-Chef Tim Cook. Als warnendes Gegenbeispiel führt der DISPLAY-Chefredaktor den Milliardär Peter Thiel an, der über politische Verbindungen queere Anliegen im Namen einer ultrakonservativen Ideologie bekämpfe.

Sichtbarkeit ohne Brimborium

In Bundesbern gehorcht Einfluss anderen Regeln. Schweizer Politiker regieren nicht per Dekret wie viele grosse Player der Weltbühne, die Macht ist hierzulande feiner austariert. Dennoch haben queere Parlamentarier immer wieder Hebel in Bewegung gesetzt – so wie Claude Janiak, der auf Bundesebene als einer der ersten offen schwulen Politiker der Schweiz gilt.

Der heute 77-jährige ehemalige Baselbieter SPStänderat und Nationalratspräsident erinnert sich, dass es 1999 keine Selbstverständlichkeit war, offen aufzutreten. «In der Politik gewinnt man an Einfluss, wenn man ohne Berührungsängste offen und überzeugt seine Positionen vertritt.»

Claude Janiak

Seine persönliche Realität war sein bestes Argument: Ob beim Partnerschaftsgesetz oder der Stiefkindadoption legte er Diskriminierung sachlich dar und überzeugte so. Ohne Verbissenheit. «Vorbilder sind zweifellos auch heute noch wichtig, im Zeitalter der sozialen Medien wohl noch mehr», sagt der Basler, der sich seit 1998 im Gay-Business-Club network engagiert. «Aber die Sache und nicht das Ego sollte im Zentrum stehen», betont er, und gesteht ehrlich, dass er aus der Politik heute nur noch wenige queere Personen kennt, vor allem aus seiner eigenen Partei. Seine Formel bleibt trotzdem: «Sichtbarkeit ohne Brimborium bringt am meisten.»

Ein politischer Weggefährte ist der Zürcher SP-Nationalrat Martin Naef, der offen und offensiv mit seinem Schwulsein umgegangen ist. Im Zusammenhang mit einer Medienanfrage zum Thema Outing hat Martin einmal gesagt: «Dass ich schwul bin, weiss ja sowieso jeder Strassenpfosten. Was soll ich da zum Thema Outing beitragen?» Genau diese Haltung schätzt Beat Stephan an ihm besonders.

Martin Naef (Bild: Kevin Truong)

Der DISPLAY-Chefredaktor zählt von den heute amtierenden Nationalräten Patrick Hässig von der GLP zu den queeren Vorbildern. Patrick selbst formuliert es zurückhaltender: «Einflussreich ist für mich, wer etwas bewegt. Das können politische Entscheidungen sein, aber genauso Menschen, die anderen Mut machen, authentisch zu leben», sagt er. «Positive Sichtbarkeit ist enorm wichtig», findet Patrick, gleichzeitig brauche es Menschen, die Verantwortung übernehmen und etwas verändern; in der Politik, in Unternehmen oder im Vereinsleben. Sie öffnen Türen, und ihr Engagement sorgt dafür, dass diese offenbleiben.

«Ich versuche auch, eine Art Vorbild zu sein, gerade für Menschen, die ihren eigenen Weg erst noch suchen», sagt der Politiker. Er wünscht sich, dass die sexuelle Orientierung irgendwann keine Schlagzeile mehr ist, sondern einfach eine Facette eines Menschen.

Ein Nationalrat bei Pink Cross

Ähnlich pragmatisch sieht es der Luzerner GP-Nationalrat Michael Töngi, der sich auch bei der grössten Schwulenorganisation der Schweiz engagiert. «Ich kann mit der Kategorie ‹einflussreich› nicht so viel anfangen», sagt er. Jede Person bewirke an ihrem Platz etwas. Die einen in der Politik, andere durch öffentliche Präsenz.

«Genauso wichtig sind jedoch Menschen in der Verbandsarbeit. Oder all jene, die im eigenen Umfeld hinstehen und bei einem homophoben Witz nicht schweigen. Gesellschaftliche Fortschritte gibt es nur im Zusammenspiel verschiedener Menschen an unterschiedlichen Orten», findet der Krienser. Wer bekannt sei, habe die Möglichkeit, der Community ein Gesicht zu geben und sich für ihre Ziele einzusetzen, meint Michael weiter, «aber die wichtigen Reformen haben in den letzten Jahrzehnten immer jene getragen, die aktiv vorausgegangen sind»

Michael Töngi

Dass sich ein Nationalrat bei Pink Cross engagiert, bezeichnet Beat Stephan als «ein starkes Zeichen». Einfluss zeigt sich aber nicht nur im Bundeshaus, sondern dort, wo Bekanntheit auf Sympathie trifft. Beliebte Persönlichkeiten des öffentlichen Lebens wie Tagesschau-Moderator Michael Rauchenstein, die Theaterlegenden Erich Vock und Hubert Spiess können das Image der Schwulen bei den Heteros verbessern. «Schliesslich sind das ja nicht sexgeile Monster, sondern ganz nette Normalos, die man sich als Schwiegersohn vorstellen könnte», erklärt Beat.

Michael Rauchenstein (Bild: SRF)

Sportmoderator Olivier Borer spielt gemäss Michael für die Community eine wichtige Rolle, insbesondere im Zusammenhang mit Regenbogenfamilien. Und Alexander Wenger hat mit dem Podcast der Zurich Pride vielen queeren Geschichten eine Plattform gegeben. Zudem hat er sich als Präsident der Pride für die Rechte der queeren Community engagiert.

Olivier Borer (Bild: SRF)

Vom Bildschirm ins Wohnzimmer

Besonders TV-Gesichter haben über Jahrzehnte das Ansehen der Community beim älteren Publikum verändert. Einer davon ist Reto Lipp, langjähriger Moderator des SRF-Wirtschaftsmagazins «Eco». Für ihn steht vor allem Piet Baumgartner für Wirkung nach aussen. In seinem Stück «Schwuler Lehrer!» am Zürcher Theater Neumarkt brachte der Regisseur das Thema Mobbing gegen einen schwulen Lehrer auf die Bühne. «Das halte ich für einen guten Einfluss auf die Gesellschaft», so der frühere Radio- und TV-Journalist.

Piet Baumgartner (Bild Sabine Bobst)

Für die grosse Sichtbarkeit im Schweizer Fernsehen steht für viele Befragte ein anderer Name: Sven Epiney. Sein tränenreicher Heiratsantrag an seinen heutigen Mann Michi, live zur besten Sendezeit, hat die Fernsehgemeinde bewegt. Der Moment machte das Paar weit über die Community hinaus sichtbar. In derselben Kategorie wird von verschiedenen Seiten oft Kurt Aeschbacher genannt. Der «Paradiesvogel» bemühte sich zwar nie aktiv um ein Coming-out, wurde aber zur prägenden Figur. Für den heutigen Fotojournalisten Patrick Rohr war gerade Aeschbacher zentral. Der Walliser erinnert sich an einen roten Teppich mit Kurt Aeschbacher und dessen damaligem Partner Andrin Schweizer, ein Bild, das damals grosse Aufmerksamkeit auslöste. Es machte Kurt zu einem Vorbild für Schwule in der Schweiz – auch für Patrick, der damals noch ein junger Fernsehmoderator war.

«Ich liebe einen Mann»

Der ehemalige Gesprächsleiter der Sendung Arena lebt seit 34 Jahren in Zürich, aufgewachsen ist er im Kanton Glarus und im Wallis. Als er 2001 am ersten CSD in Sitten teilnahm und ein Blick-Journalist ihn danach anrief, entschied er sich, in die Offensive zu gehen: Die Folge war eine Blick-Front mit dem Titel «Arena-Moderator Patrick Rohr: Ich liebe einen Mann». Später, 2005, zeigten sich Patrick und sein Mann Simon als Paar auf dem Titelblatt der Schweizer Illustrierten; unter dem Titel «Ja, wir lieben uns». Simon und Patrick setzten in den Abstimmungskämpfen um das Partnerschaftsgesetz und die Ehe für alle durch ihre Sichtbarkeit ein wichtiges Zeichen.

Heute reist Patrick Rohr für Reportagen um die Welt und trifft immer wieder queere Menschen in schwierigen Ländern. In Uganda berichtete er über die prekäre Situation der Community, wo trotz grosser Gefahr etliche bereit waren, vor seine Kamera zu treten. «Am meisten erreichen können Simon und ich, indem wir weiterhin öffentlich als Paar auftreten und zeigen, wie selbstverständlich das sein sollte», so Patrick.

Auf die Frage, wen er selbst als einflussreich empfindet, nennt der Medien-Coach zum Beispiel Michael Elsener. Heute macht der Comedian sein Schwulsein zu einem wichtigen Teil seiner Programme. «Sehr mutig», findet Patrick, weil Michael auf humorvolle Weise erzählt, was ein queerer Mensch bei seinem Coming-out erleben muss. Übrigens ist auch Michael von der Heide ein Vorreiter: Der Sänger machte in seiner ganzen Karriere nie ein Hehl aus seinem Schwulsein.

Michael Elsener

Auch die Politikerinnen Anna Rosenwasser und Tamara Funiciello erwähnt Patrick, die lesbischen und bi Frauen mehr Sichtbarkeit im Bundeshaus verschafft haben.

Rohr nennt zudem Luca Papini aka Tara LaTrash: Tara hielt mit ihrer ungezwungenen Art dem Schreckensbild, das die politische Rechte von Drags zeichnet, einen fröhlichen Gegenentwurf vor Augen. Dazu nennt er den Autor Simon Froehling, dessen Roman «Dürrst» für den Schweizer Buchpreis nominiert war.

Veränderungen geschehen für Patrick Rohr auch im Kleinen: zum Beispiel, wenn der Präsident einer kleinen Landgemeinde selbstverständlich mit einem Mann zusammenlebt, oder wenn die Eltern einer jungen trans Frau genauso stolz zu ihr stehen, wie sie das gemacht haben, als sie noch ihr Sohn war. «Es gibt noch viel zu tun, auch um das in all den Jahren Erreichte nicht wieder zu verlieren», sagt Patrick Rohr.

Die Kämpfer der ersten Stunde

Ganz oben auf der Einflussreichen-Liste des selbständigen Fotografen stehen Ernst Ostertag und sein verstorbener Mann Röbi Rapp. «Ikonen» nennt Patrick die beiden. Die Community habe ihnen viel zu verdanken. Schon zu Zeiten des legendären Netzwerks von «Der Kreis» und über all die Jahrzehnte hinweg hätten sie – trotz massiver Widerstände – unermüdlich für die Rechte der Community gekämpft.

Ernst Ostertag selbst, heute 96-jährig, sieht seine Rolle deutlich nüchterner als all jene, die ihn feiern. «Es freut den uralten Mann. Er bildet sich aber nichts ein», sagt er DISPLAY gegenüber. Für ihn ist Einfluss vor allem eine Bürde, keine Trophäe. «EinflussreichSein ist eine gefährliche Droge», sagt Ernst. Sie könne zur Ego-Inflation führen, einer hohlen Blase. «Es geht um die Sache, nicht um die Person», betont der frühere Lehrer. «Politisches und gesellschaftliches Wirken ist die Voraussetzung für Sichtbarkeit», sagt der Wegbereiter der Schweizer Schwulenbewegung, «und die schafft Bekanntheit.» Dazu braucht es Menschen, die etwas verändern wollen. «Dafür setzen wir uns ein, jede und jeder an ihrem und seinem Ort, so gut und so sichtbar, wie es geht. Das ist eine Lebensaufgabe.»

Ernst Ostertag und Röbi Rapp

«Heute stehen noch immer gewisse Öffnungen an, etwa bei den gleichen Rechten in der Arbeitswelt», sagt Ernst Ostertag. Es gebe aber auch neue Probleme: «Die erreichte Sichtbarkeit queerer Lebensweise weckt Gegenkräfte, die damit nicht leben wollen, die auch gewalttätig werden».

Diese Gegner störten nicht nur die offene Gesellschaft, sondern seien als Feinde der Menschenrechte auch eine fundamentale Gefahr für jede Demokratie. «Wir Angegriffenen müssen diese Gefahr öffentlich machen», fordert Ernst Ostertag. «Das ist eine Aufgabe für uns alle.»

Auf junge Talente angesprochen, nennt der Zeitzeuge eine Reihe von Namen: die Drag Mona Gamie, bürgerlich Tobias Urech und den politisch tätigen Aktivisten Florian Vock. Dazu ältere Stimmen wie Barbara Bosshard von queerAltern und den Genfer Grünen-Politiker Yves de Matteis. Vorbilder aller Art spielen immer eine Rolle, ist er überzeugt. Schön wäre es, findet Ernst Ostertag, gäbe es mehr offen queere Influencer, die sich pointiert, frech und witzig für die Anliegen der Community einsetzten.

Mona Gamie

«Authentisch bleiben»

Für eine jüngere Generation steht laut dem Event-Veranstalter Reto Hanselmann ein anderer Name: Cyrill Carter aus dem Luzerner Hinterland. In seiner Schulzeit wurde der heute 24-Jährige jahrelang abwertend als «d‘Schwochtle vo Buttisholz» bezeichnet.

Der Zürcher findet, dass Cyrill genau dort Wirkung entfaltet, wo sie heute oft entsteht: in den sozialen Medien. «Er sagt, was er denkt, und verarbeitet Erlebnisse aus seinem Alltag in seinen Videos», erklärt Reto. Dadurch erreiche Cyrill auch Menschen, die sich sonst kaum mit Homosexualität auseinandersetzten.

Reto Hanselmann

Auf TikTok und Instagram verfügt Cyrill über eine grosse Reichweite. Der junge Content Creator beschreibt seinen Einfluss so: «Immer mehr Leute kommen auf mich zu und sagen mir, dass ich eine Hilfe war bei ihrem Coming-out, oder dass meine Videos dazu beigetragen haben, mutiger zu sein, sich selbst zu sein.» Cyrill weiss, dass er polarisiert: Entweder wird er als Ikone gefeiert oder als crazy abgestempelt, oft werde er auch falsch verstanden. «Bei Social Media ist es schwierig zu beeinflussen, wie eine Message bei den Leuten ankommt», sagt er. Am wichtigsten sei es ihm, sich selbst treu zu bleiben und authentisch zu sein: «Genau dies ist mein Erfolgsrezept.»

Cyrill Carter

Besonders persönliche Momente teilt er dabei ganz bewusst: homophobe Erlebnisse, seine Zeit im Militär, Geschichten von zuhause, die er normalerweise nicht erzählen würde. «Mein Vater betitelte mich als Schande für seinen Familiennamen, weil ich so bin, wie ich bin», erzählt Cyrill. Mit solchen Geschichten will er zeigen, dass niemand allein ist und man nie aufgeben soll, wenn man in einer schwierigen Situation steckt.

Sowohl der 45-jährige Event-Profi Reto Hanselmann als auch Patrick Rohr bringen als kraftvolles und einflussreiches Beispiel den Schwinger Curdin Orlik ins Spiel. «Er inspiriert mich, weil er für mich ein Mensch ist, der für sich selbst, seine Persönlichkeit und sein eigenes Leben einsteht», sagt Reto. «Gerade im traditionellen Umfeld des Schwingsports braucht es Mut, offen hinzustehen.» Curdin habe damit Menschen erreicht, die sich zuvor noch nie mit Homosexualität auseinandergesetzt hätten, ist Reto überzeugt.

Sichtbarkeit an vielen Orten

Am Ende zeigt sich: Einfluss lässt sich nicht auf Geld oder Macht reduzieren. Er entsteht dort, wo Menschen sichtbar bleiben, Verantwortung übernehmen und für ihre Sache einstehen: an ganz unterschiedlichen Orten zugleich. Genau das macht die Stärke der Schweizer Queer-Community aus.

Mark Baer

Redaktion
DISPLAY Magazin

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Veröffentlicht:

02.09.2026

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