Es war einer dieser Tage, auf die man sich das ganze Jahr freut.
Wir von DISPLAY waren in Berlin. Wir haben den CSD erlebt, Fotos gemacht, Menschen getroffen und gefeiert. Ich war mit meinem Mann unterwegs, gemeinsam mit unseren Berliner Freunden. Wir haben getanzt, gelacht, uns umarmt und geküsst.
Es war einfach ein wunderschöner Tag.
Als die Demonstration zu Ende war, gingen wir nicht nach Hause.
Wir gingen weiter an eine Party.
Die Musik wurde lauter. Die Drinks wurden mehr. Die Gespräche länger.
Wir haben gefeiert.
Und wir hatten keine Ahnung.
Keine Ahnung, dass zur gleichen Zeit ein Anschlag den Berliner CSD erschütterte.
Keine Ahnung, dass Menschen um ihr Leben kämpften.
Keine Ahnung, dass dieser Abend für viele nie mehr derselbe sein würde.
Wir waren einfach beschäftigt mit Feiern.
Erst irgendwann später griff ich zum Handy.
Die ersten Meldungen.
Ein Anschlag.
Eine Tote.
Viele Verletzte.
Die Ermittler gehen derzeit von einem islamistisch motivierten Anschlag aus. Über vieles wird noch ermittelt. Doch ehrlich gesagt spielte das in diesem Moment für mich keine Rolle.
Ich sass einfach da.
Und dachte:
Wir waren dort.
Warum fühlt sich Freude plötzlich falsch an?
Seit diesem Abend geht mir eine Frage nicht mehr aus dem Kopf.
Darf ich mich überhaupt noch über diesen Tag freuen?
Ich habe mir unsere Fotos angesehen.
Wir lachen.
Wir tanzen.
Wir sehen glücklich aus.
Und plötzlich fühlte es sich falsch an.
Nicht, weil wir etwas falsch gemacht hätten.
Nicht, weil wir etwas hätten verhindern können.
Sondern weil sich Glück und Tragödie plötzlich denselben Tag teilen.
Psychologen nennen dieses Gefühl Überlebendenschuld (Survivor’s Guilt). Das bedrückende Empfinden, selbst unversehrt und glücklich gewesen zu sein, während andere im selben Moment etwas Unvorstellbares erleben mussten.
Es ist keine Schuld.
Aber manchmal fühlt sie sich trotzdem so an.
Was macht das mit uns?
Ich habe immer geglaubt, dass sich ein CSD anders anfühlt als der Rest der Welt.
Sicherer.
Freier.
Fast wie eine kleine Utopie für einen Tag.
Ein Ort, an dem wir einfach wir selbst sein dürfen.
Vielleicht war das naiv.
Vielleicht brauchten wir genau dieses Gefühl.
Und vielleicht tut es gerade deshalb so weh, dass es an diesem Abend zerbrochen ist.
Ich merke schon jetzt, dass sich etwas verändert hat.
Beim nächsten CSD werde ich wahrscheinlich automatisch nach Fluchtwegen schauen.
Ich werde Menschenmengen anders wahrnehmen.
Vielleicht drehe ich mich öfter um.
Nicht, weil ich in Angst leben möchte.
Sondern weil man etwas, das einmal passiert ist, nicht einfach wieder vergisst.
Und genau das macht mich traurig.
Nicht der Gedanke, wieder feiern zu gehen.
Sondern der Gedanke, dass sich Feiern vielleicht nie mehr ganz gleich anfühlen wird.
Aber Angst darf nicht gewinnen.
Unsere Community musste sich Sichtbarkeit nie schenken lassen.
Jede Pride ist das Ergebnis von Menschen, die irgendwann beschlossen haben, sich nicht länger zu verstecken.
Genau deshalb war Pride nie einfach nur eine Party.
Sie war immer eine Demonstration.
Eine Demonstration, die tanzt.
Die laut ist.
Die bunt ist.
Die zeigt:
Wir sind da.
Vielleicht ist genau das der Grund, warum uns dieser Anschlag so tief trifft.
Weil nicht nur Menschen angegriffen wurden.
Sondern ein Ort, an dem wir uns sicher gefühlt haben.
Werden wir jetzt anders feiern?
Ich glaube: Ja.
Nicht leiser.
Nicht kleiner.
Aber bewusster.
Vielleicht umarmen wir unsere Freundinnen und Freunde etwas länger.
Vielleicht sagen wir öfter, wie schön es ist, gemeinsam hier zu sein.
Vielleicht schauen wir tatsächlich einmal mehr über die Schulter.
Aber wir werden wieder tanzen.
Nicht, weil wir vergessen.
Sondern weil wir uns nicht nehmen lassen wollen, was Pride seit jeher bedeutet.
Haltung ist hot. Gerade jetzt.
Das Motto des Berliner CSD lautete in diesem Jahr:
«Haltung ist hot.»
Während der Parade klang dieser Satz wie ein Slogan.
Heute bedeutet er für mich etwas anderes.
Haltung bedeutet nicht, keine Angst zu haben.
Haltung bedeutet, sich von dieser Angst nicht bestimmen zu lassen.
Am Tag nach dem Anschlag kamen wieder Menschen zusammen. Sie legten Blumen nieder, hielten inne und trauerten gemeinsam.
Niemand konnte rückgängig machen, was passiert war.
Aber viele zeigten, dass sie sich ihre Sichtbarkeit nicht nehmen lassen.
Unsere Gedanken sind bei der Familie der getöteten Frau, bei allen Verletzten und bei den Menschen, die diesen Abend miterleben mussten.
Und vielleicht nehmen wir alle etwas anderes von diesem Berliner CSD mit nach Hause als geplant.
Nicht nur Trauer.
Sondern die Erinnerung daran, warum Pride überhaupt existiert.
Nicht, weil wir feiern wollen.
Sondern weil wir sichtbar bleiben wollen.
Und genau das werden wir auch weiterhin tun.
