Das Ende der Kreativität
Du wolltest schon immer tanzen, singen oder jonglieren können? Kein Problem. China hat den KI-Bildgenerator Seedance 2.0 veröffentlicht. Der kreiert Videos mit deinem Gesicht, die nicht mehr von der Realität zu unterscheiden sind. Ist das der Anfang vom Ende der Kreativität?
Von Frank Richter
«Es geht ganz schnell», sagt mein Freund. «Wir müssen nur dein Gesicht einscannen und deine Stimme aufnehmen.» Wir vermessen die biometrischen Daten meiner Visage, wie man es macht, wenn man ein neues Handy konfiguriert. Danach muss ich drei Sätze auf Englisch einsprechen, damit die KI meine Stimme klonen kann. Das war’s. Ab sofort besitze ich jedes Talent der Welt. Ich kann tanzen, ich kann singen, ich kann Wasserskifahren.
Egal, welche Aufforderung ich der KI gebe, innert vier Minuten kreiert sie ein Video von mir.
Seedance 2.0 heisst das neuste Wunderwerk von ByteDance, die Firma hinter TikTok. Der Bildgenerator für 15 Franken monatlich lässt den User bis zu 120 KI-generierte Videos erstellen.
Katzen mit sechs Beinen
Bisher war ich überzeugt, KI-generierte Videos direkt zu erkennen. Im Zweiwochen-Rhythmus schickt mir meine Mutter per Instagram irgendwelche Tiervideos. Katzen, die vorm Hochwasser flüchten oder Hunde, die eine Pyramide bilden. Nach spätestens sechs Sekunden ist für mich klar, dass die Filmchen KI-generiert sind. Die Bewegungsabläufe sind falsch, die Tiere haben zu viele Beine, Licht und Schatten wirken irgendwie disproportional.
Nicht so bei Seedance 2.0. Wir geben folgenden Prompt ein «Lass mich im Anzug in einem ausverkauften Saal das Publikum zu meiner neuen Show ‘#LOVEMYJOB’ begrüssen.» Die KI tut wie geheissen. Licht und Schatten sind perfekt. Die Menschen im Publikum sehen echt aus. Die KI hat sogar meine Augenringe kopiert. Ich sehe aus wie Tom Cruise an einem schlechten Tag. Einzig mein «Deutsch» klingt noch etwas gar Englisch, weil das Sprachmodel aktuell auf Englisch und Chinesisch beschränkt ist.
Crowdwork wie bei den Profis
Mein Freund zeigt mir eine weitere Funktion der App. Ähnlich wie beim westlichen TikTok- oder Instagram-Feed gibt es auch hier die Möglichkeit, sich vom Algorithmus Kurzvideos vorschlagen zu lassen. Der Unterschied ist jedoch: Jedes davon ist komplett KI-generiert.
Ich sehe also Videos von irgendwelchen chinesischen «Regulas», die normalerweise in der Buchhaltung einer Versicherung arbeiten, hier aber tanzen sie vorm Eiffelturm zu Gangnam Style oder brettern mit einem Ferrari durch Tokio.
Wir sehen sogar das Video eines Nutzers, den die KI zum Comedian gemacht hat. In seinem Video unterhält er sich mit einem Publikum, das es nicht gibt und erwidert lustige Sachen auf ihre Antworten. Zweimal muss ich tatsächlich lachen. «Shit», denke ich, die KI kann sogar Crowdwork.
Die Entwertung von Talent
Ich stelle mir aktuell folgende Frage: Wird Seedance 2.0 Social Media zerstören? Ehrlich gesagt ist das sogar meine Hoffnung. Denn warum soll ich mir Comedy-Sketche angucken, wenn ich weiss, dass die Leute nur ihr Gesicht eingescannt haben und die KI den kreativen Teil übernommen hat?
Wenn User*innen dank der KI plötzlich alles können, welchen Wert hat dann Talent überhaupt noch? Denn in Zukunft würde tatsächliches Talent mit der KI gleichgesetzt werden oder, noch schlimmer, direkt als Fake gesehen. Und wenn die KI dann auch noch Food-Content, Ferientipps oder lustige Tiervideos kreiert, ich allerdings weiss, dass es weder die Tiere noch das Essen, noch diese Version der Feriendestinationen gibt, worin liegt der Reiz, mir das anzusehen?
Meine Hoffnung ist, dass sich die Nutzer der Social-Media-Plattformen in Zukunft nach Realität sehnen, da ja alles Präsentierte fake ist. Möglicherweise wächst die Sehnsucht, wieder echte Live-Shows zu besuchen oder an echte Destinationen zu reisen. Möglicherweise ist es den Leuten aber auch schlichtweg egal, ob der Content echt oder fake ist, solange er unterhält. Das wäre dann der komplette Niedergang der Kreativbranche, denn mit dem Output der KI kann niemand von uns mithalten.
Aber fuck it, immerhin kann ich in Zukunft Wasserskifahren und Jonglieren.

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