Désirée Nick ist Schauspielerin, Autorin und Entertainerin. Vor allem in Entertainment-Formaten sorgt die vielseitige Künstlerin seit Jahren für Furore. 2004 gewann sie «Ich bin ein Star – Holt mich hier raus!». Weniger bekannt ist hingegen ihre Arbeit für Film und Theater, dabei sind ihre Rollen nicht weniger legendär. 1995 hatte sie ihre erste Filmrolle in «Neurosia» von Rosa von Praunheim, weitere Rollen folgten. Rosa von Praunheim zählte zu den bedeutendsten Figuren der deutschen LGBTIQBewegung. Bereits seit Jahren ist die schrille Désirée eine Ikone vieler Gays, Dolls, Queers, Lesben und anderen des Regenbogenspektrums. Wir sprachen mit Désirée Nick per Videocall.
Frau Nick, kürzlich habe ich den Film «Neurosia – 50 Jahre pervers» des schwulen Filmemachers Rosa von Praunheim gesehen. Wie sind Sie zum Film gekommen?
Désirée Nick: Die meisten Leute schauen heute gar nicht mehr in die Vergangenheit, sondern sehen nur, was gerade an ihnen vorbeirauscht. Aber wenn man sich informiert, sieht man, dass ich einen grossen und breit gefächerten Background im Film habe. Rosa von Praunheim hatte mich damals gefragt, ob ich den Film mitentwickeln will, und wenn man den Film von 1995 sieht, frage ich mich wirklich, wie die Leute darauf kommen, LGBT* sei ein neues Thema. Ich weiss nicht, warum dieser Film nicht mehr im Bewusstsein der Öffentlichkeit ist. Nur wenn man die Historie und Vergangenheit kennt, kann man selbst erkennen, wo man überhaupt steht.
Rosa von Praunheim war der deutsche John Waters.
Ja, so kann man es sagen. Obwohl wir damals kein Geld hatten. John Waters hatte Geld, der ganze Trash kostete viel. Es ist ressourcentechnisch gesehen ein unfairer Vergleich, aber vom Spirit und Vibe her absolut vergleichbar.
War es für Sie eine Selbstverständlichkeit, sich damit auseinanderzusetzen? Die Gesellschaft war damals um ein Vielfaches homo- und queerfeindlicher als heute.
In Berlin nicht so sehr. Wir hatten vor der Wende in Berlin keine Militärpflicht und keine Sperrstunde. Liberale, bunte Charaktere aus Westdeutschland sind hierhergekommen. Berlin war so unattraktiv in der Mauerzeit, dass die Stadt den Leuten, die hierhergezogen sind, sogar eine «Berlinzulage» gezahlt hat.
Das klingt wie ein Traum.
Aussteigerinnen, Exzentrikerinnen, Künstler*innen sind hierhergezogen. Es war ein Schwulenparadies. Dann gab es das Chez Romy Haag. Ein bekanntes Cabaret, in dem auch Romy selbst aufgetreten ist. Viele internationale Stars wie David Bowie haben sich hier sehr wohlgefühlt.
Sehen Sie eine Veränderung zu heute?
Ja klar, es gibt enorme Investitionen im Immobilienbereich. Aber trotz aller Gentrifizierung ist Berlin auch heute noch keine Geldstadt und will es auch nicht sein.
Wie sehen Sie die heutige Entwicklung? Man liest immer wieder von homophoben Attacken.
Ja, wissen Sie, diese Attacken gab es immer. Früher wurden queere Menschen aber enorm geächtet. Oft zusammengeschlagen, geprügelt, ausgeraubt. Nehmen wir den berühmten Moderator, der viel für die Entwicklung des deutschen Fernsehens getan hat, Alfred Biolek. Er outete sich erst mit 72, nachdem Rosa sein Schwulsein in einer Fernsehshow öffentlich gemacht hatte. Er war schon immer schwul, hatte sich aber nicht getraut. In der gleichen Show outete Rosa den Komiker Hape Kerkeling. Die haben sich jahrelang nicht getraut wegen des ganzen Gegenwinds. Auch der deutsche Schlagersänger Patrick Lindner hat sich mit seinem Coming-out die Karriere kaputt gemacht. Sein volkstümliches Publikum hat ihm das nicht verziehen. Dann hat er mit seinem Partner auch noch ein Kind adoptiert – zu viel des Guten fürs deutsche Bürgertum. Patrick Lindner hat darunter gelitten. Das alles gibt es heute nicht mehr, dachten wir zumindest. Das queerfeindliche Attentat am CSD in Berlin hat uns auf grauenhafte Art eines Schlechteren belehrt.
Werden Sie auch diskriminiert?
Ja klar, ich bin eine grosse, schlanke Frau und sehe nicht gerade wie eine Rentnerin aus. Da gibt’s natürlich auch Hass. Wenn man gross, blond, reich und erfolgreich ist, wird man erst recht diskriminiert. Neuerdings sogar von Dragqueens. Mein Stil ist eine grosse Inspiration für Dragqueens, und ich entdecke dort immer wieder die eine oder andere Pointe von mir – das empfinde ich als grosse Ehre!
Belastet Sie der Pointenklau nicht?
Nein, ich kann mich nicht an den Bildungslücken anderer orientieren. Ich orientiere mich an gebildeten Menschen und erfolgreichen Künstler*innen. Auch unter Dragqueens gibt’s Frauenhasser. Es gibt natürlich auch ganz tolle Drags.
Wenn Sie imitiert werden, ist das doch eigentlich das grösste Kompliment.
Da haben Sie völlig recht. Gerade durch eine schlechte Kopie erstrahlt das Original umso mehr.
«Es ist eine Ehre, wenn Drags mich zum Vorbild nehmen»
Sehen Sie Ihre Kunstfigur auch als politische Figur?
Klar setze ich mich gegen extremistische Strömungen ein, aber grundsätzlich sehe ich mich durch und durch als Künstlerin und liberale Berlinerin. In die Politik mische ich mich aber nicht ein. Ich habe eine grosse Followerschaft in der queeren Community. Das ist so eingetreten, ich habe es nie darauf abgesehen.
Wie gehen Sie mit Konkurrenz um?
Wer Talent hat, braucht sich nicht zu fürchten. Eine Natascha Ochsenknecht zum Beispiel hat weder Substanz noch Leistung, die existiert einfach in den Medien. Ein riesiger Unterschied zu mir.
Sie sagen selbst, Sie seien in einem Weiberhaushalt ohne Geld aufgewachsen.
Korrekt, das kann man so sagen. Kein Geld zu haben, war nicht ungewöhnlich in Berlin. Meine Mutter hat mir immer gesagt, dass ich wahnsinnig reich sei. Reich an Talent, an Ideen, Phantasie, Gesundheit und reich an Bildung. Geld war kein grosses Thema. Wir haben uns nie arm gefühlt. Manchmal entwickelt man eine andere Lebensform, die auch sehr schön ist, wenn man nicht viel Geld hat. Meine Oma hat Sachen immer selbst geschneidert oder geändert. Sehr kreativ durch Handarbeiten, sehr angenehm gekocht, die sogenannte Arme-Leute-Küche. Sowas wie Kartoffelpuffer mit Apfelmus, extrem lecker.
Bildung ist auch Kapital, gemäss Pierre Bourdieu.
Absolut, Kultur und Bildung hatte ich immer. Wenn mich jemand zu den grossen Modehäusern an der Bahnhofstrasse schleift, kann ich danach trotzdem noch genauso unkultiviert wie vorher sein. Das hat mit Kultur nichts zu tun. Dieses vordergründige Zeigen finde ich geschmacklos. Dahinter verbirgt sich eine Unsicherheit. Menschen, die extrem wohlhabend sind, sind ja eher diskret unterwegs.
Protzerei ist nicht Ihr Ding.
Nein, die Persönlichkeit muss strahlen.
Sind Sie also auch auf den Achtsamkeits-, Yoga- und Meditationszug aufgesprungen?
Nein, ich bin Balletttänzerin. Alle, die es nicht schaffen, werden Yoga-Lehrerinnen. Das interessiert mich nicht, ich habe einen anderen Background. Pilates hingegen liebe ich.
Der Spagat zwischen Reality-Formaten und Hochkultur gelingt Ihnen sehr gut. Ist das auch eine Geldfrage?
Überhaupt nicht. Ich habe mich immer sehr vielseitig bewegt. Ich sehe Reality-Formate als Erweiterung meines Portfolios.
Wo sind Sie demnächst zu sehen?
Im September gibt es eine neue Show im Wintergarten in Berlin. Diese Show werde ich zehnmal machen. Mit dieser Personality-Show gehe ich anschliessend auch auf Tournee. Nächstes Jahr bin ich auf Theater-Tournee mit «Spiel gewinnt». Die Rolle habe ich schon in Hamburg gespielt.
