Zürichs erster queerer Gedenkort entsteht mit Händen aus der Community
Auf dem Friedhof Sihlfeld entsteht das erste queere Denkmal der Schweiz. Es ist aus Sandstein, fast zwei Meter hoch und von Händen aus der Community geformt. Was dahintersteckt, erzählen die Organisator:innen im Gespräch mit Display.
Wer Barbara Bosshard fragt, was sie sich erhofft, wenn am 20. August 2026 das Queer Memorial eingeweiht wird, bekommt eine Antwort mit einem schlichten Wunsch: «Ich denke, auch Tränen der Rührung wird es geben. Wir hoffen, dass ganz viele Menschen – queere und nicht queere, junge und alte – am 20. August zur Feier kommen und dass die Abendsonne uns dabei wärmt.»
Bosshard, Präsidentin von queerAltern Zürich, ist eine der treibenden Kräfte hinter einem Projekt, das in seiner Konsequenz bemerkenswert ist: Zürich bekommt das erste queere Memorial der Schweiz. Einen Gedenkort, der nicht an eine einzelne Person oder ein einzelnes Ereignis erinnert, sondern an das, was queeres Leben in diesem Land über Jahrzehnte bedeutet hat und bedeutet. Ausgrenzung. Aids. Würde. Widerstand.
Was Schweigen hinterlässt
Wieso hat es so lange gedauert, bis ein solcher Ort entsteht? Dominik Steinacher, Co-Präsident von HAZ – Queer Zürich und ebenfalls Teil der dreiköpfigen Projektgruppe, sagt dazu nur: «Diese Frage kann ich nicht beantworten. Hauptsache ist, dass es nun endlich Queer Memorial geben wird.»
Die Zurückhaltung in dieser Antwort sagt vielleicht mehr als eine ausführliche Analyse es könnte. Queere Geschichte ist im öffentlichen Raum der Schweiz kaum verankert. Es gibt vereinzelte Hinweistafeln, etwa in Zürich an der Wand der ehemaligen Barfüsser Bar. Kein Denkmal, das an jene erinnert, die an gesellschaftlichen Strukturen zerbrochen sind. An Menschen, die während der Aids-Pandemie starben und dabei von der Gesellschaft lange stigmatisiert wurden. An Aktivistinnen und Aktivisten, die täglich für Rechte kämpften, die heute als selbstverständlich gelten.
Das Memorial soll genau diese Lücke schliessen. Nicht als Mahnmal im schwerfälligen Sinn, sondern als Ort, der beides trägt: Trauer und Dank. Opfer und Kämpfer:innen. Die Benannten und die Vergessenen.
Sandstein, Mörtel, Regenbogenpunkte
Seit Ende 2024 arbeitet die Gruppe Queer Memorial konkret an der Umsetzung. Das Projekt entstand als direkte Weiterentwicklung des Regenbogengrabfeldes, das am 7. September 2023 auf dem Friedhof Sihlfeld eingeweiht wurde – der ersten queeren Ruhestätte der Vielfalt in der Schweiz. Schon kurz nach der Eröffnung war ein Grossteil der Grabfelder vermietet. Der Bedarf war offensichtlich, das Echo gross. Und schon bei der Kick-off-Sitzung Ende 2021, erzählt Bosshard, sei klar geworden, dass man in einer zweiten Phase ein Memorial für queere Menschen anstreben wolle.
Das Denkmal, das nun entsteht, ist eine rund 180 Zentimeter hohe Stele aus Bollinger Sandstein, durchzogen von Punkten in den Farben des Regenbogens aus farbigem Mörtel. Die Künstlerinnen Judith Schröter und Regine Brandt, die das Projekt gestalterisch verantworten, haben dabei eine Form gewählt, die funktioniert, gerade weil sie nicht aufdringlich ist. «Schlicht», sagt Steinacher. «Und je nach Perspektive, also von wo aus die Betrachterin schaut, ergibt sich ein anderes Bild. Sinnbildlich für die diversen Lebensbiografien queerer Menschen.»
Mit Blattern an den Händen nach Hause
Was Queer Memorial von vielen anderen Denkmälern unterscheidet, ist der Entstehungsprozess. Der Stein wird nicht bestellt und geliefert. Er wird geformt. Vom 26. bis 31. Mai 2026 findet im Atelier von Judith Schröter und Regine Brandt in Oetwil am See eine Werkwoche statt, bei der Menschen aus der Community mitarbeiten können. Wer mitmachen will, braucht keine handwerklichen Vorkenntnisse. Die beiden Künstlerinnen leiten an, erklären, führen. «Die meisten werden am Abend zufrieden, aber mit Blattern an den Händen nach Hause gehen», sagt Steinacher. Wer allenfalls am Gestalten von Queer Memorial mitmachen möchte, kann sich melden bei barbara.bosshard@queeraltern.ch. Die Teilnehmer:innenzahl ist allerdings beschränkt.
Bosshard nennt diesen Gedanken «wunderschön»: «Es bedeutet, dass die queere Community mit den eigenen Händen ein Memorial für die queere Community schafft. Etwas erschaffen verbindet.»
Das ist mehr als eine nette Geste. Es ist eine politische Entscheidung. Ein Denkmal, das die Spuren seiner Macherinnen und Macher trägt, behauptet etwas anderes als eines, das fix fertig aus dem Atelier angeliefert wird: dass diese Geschichte nicht verwaltet, sondern gelebt wird. Dass die Community nicht nur das Publikum ist, sondern der Ursprung.
Finanziert wird das Projekt durch Spenden und die Unterstützung queerer Vereine wie Pink Cross, LOS, TGNS, queerAltern Zürich, HAZ – Queer Zürich sowie der katholischen und der christkatholischen Kirche in Zürich. Die reformierte Kirche der Stadt Zürich entscheidet in den nächsten Wochen, wie sie sich daran beteiligen wird. Steinacher und Bosshard, sowie der dritte im Bund, Bruno Willi von der HIV-Aidsseelsorge, sind für weitere Spenden dankbar. Es fehlen noch rund 10000 Franken. Die beiden Künstlerinnen verzichten vorerst auf ihr Honorar.
Warum jetzt, warum hier
Für jüngere queere Generationen mag ein Ort des Gedenkens auf einem Zürcher Friedhof zunächst weit weg wirken. Die Ehe für alle ist in der Schweiz seit 2022 Realität. Zürich hat eines der lebendigsten queeren Nachtleben Europas. Braucht es da noch ein Denkmal?
Ja. Denn Sichtbarkeit im Feiern und Sichtbarkeit im Erinnern sind zwei verschiedene Dinge. Friedhöfe sind, wie die Einweihungsrede zum Regenbogengrabfeld 2023 formulierte, «Gärten der Zugehörigkeit». Wer auf dem Sihlfeld liegt, gehört dazu. Wer kein Denkmal hat, ist aus dem kollektiven Gedächtnis leichter herauszuhalten.
Steinacher formuliert es so, wie er sich erhofft, dass Menschen in zehn Jahren über diesen Ort sprechen werden: «Wie schön, dass es diesen Ort der Sichtbarkeit queerer Lebensvielfalt gibt. Eine Oase der Kontemplation, der fliessenden Gedanken.»
Am 20. August 2026 wird das Queer Memorial eingeweiht. Mit Reden, Musik und einem anschliessenden Apéro.

Maurice Müller
Online Redakteur
DISPLAY Magazin
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