Während an der Front die Panzer rollen und Russland Schwule, Lesben, bi und trans Menschen zu Extremisten erklärt, suchen Evgeny und Maksym einen Ausweg. Ihre dramatische Reise führt sie aus einer gnadenlosen Diktatur quer durch Europa, zwingt sie zu einer überstürzten Hochzeit in Skandinavien und endet in einem Vorort von Paris. Eine Geschichte über die Ohnmacht des Krieges, das bedrückende Gefühl, überlebt zu haben, und einen traumatisierten ukrainischen Flüchtlingshund namens Lucifer.
Die Texte des antiken griechischen Philosophen Platon im heutigen Moskau lesen? Das wäre ein direkter Weg ins Gefängnis. Doch als Evgeny noch ein Kind war, verschlang er Bücher über das antike Griechenland und studierte im Gymnasium Platons «Symposium». Darin preist der Philosoph die Liebe zwischen Männern als höchste Form der Zuneigung – ein Stoff, der heute von der russischen Zensur vernichtet wird.
Der Russe erlebte in seiner Jugend die finalen Jahre der Sowjetunion, den letzten Rest der Perestroika und Gorbatschows optimistische Reden im Fernsehen mit. Für Evgeny war das prägend.
«Die Erkenntnis, dass die tiefe Liebe zu einem Menschen das Wichtigste ist – unabhängig vom Geschlecht –, war mir klar, lange bevor ich das Wort ‹gay› zum ersten Mal hörte.»
So erinnert sich der heute 44-Jährige. Ein dramatisches Coming-out brauchte Evgeny nie, denn Kategorien interessieren ihn nicht. «Ich habe Menschen nie aufgrund ihrer Sexualität in Gruppen eingeteilt», erklärt der Akademiker. Es sei ihm nie in den Sinn gekommen, sich darüber zu identifizieren. «Wir sind alle gleich in dem Sinne, dass wir fähig sind, andere zu lieben und uns um sie zu kümmern, und das ist das Wichtigste.» In seiner Jugend spürte Evgeny zwar den Druck, «ein echter Mann» sein zu müssen, homophobe Beleidigungen erlebte er jedoch nicht. Als introvertierte Persönlichkeit hielt er sein Privatleben unter Verschluss.
Seine Eltern wurden irgendwann einfach mit der Tatsache konfrontiert, dass er Männer liebt.
Maksym, Evgenys Partner, hatte einen völlig anderen Start ins Leben. Er kam nach dem Zerfall der UdSSR in der unabhängigen Ukraine zur Welt. Seine Eltern dienten beim Militär. Die Familie zog von Kaserne zu Kaserne und lebte oft in der Nähe kleiner Städte. Maksym verbrachte Zeit in der Zentralukraine und im Donbass, wo seine Mutter herstammt. Später zog die Familie nach Wassylkiw, einer historischen Stadt nahe Kiew. Maksym besuchte die Schule in der Hauptstadt. Sein Unterricht fand komplett auf Ukrainisch statt, obwohl seine Familie mehrheitlich Russisch sprach.
Auch Maksym wusste seit seiner Kindheit um seine Sexualität. Ein klassisches Coming-out bei den Eltern brauchte er nicht, denn sie waren tolerant. «Als Kind sagte ich, dass ich lieber eine Puppe als ein Spielzeugauto möchte», erzählt der 33-Jährige. Daraufhin ging sein Vater, ein Oberst der Armee, mit ihm in den Laden und kaufte ihm eine. Der brutale Zusammenprall mit der Realität kam erst an der Universität. Er gestand einem Kommilitonen seine Gefühle. Der fühlte sich unwohl dabei. Am nächsten Tag wusste der ganze Campus Bescheid. Maksym verliess die Uni.
Flucht vor dem Alter
Die Wege der beiden kreuzten sich in Kiew – und zwar durch einen Trick gegen die Zeit. Als Evgeny 30 Jahre alt wurde, geriet er in Panik vor dem Älterwerden. Er stieg in Moskau in ein Flugzeug und flog in die Ukraine, um eine kleine Geburtstagsparty zu feiern. Durch die Zeitverschiebung blieb er eine Stunde länger jung… Auf dieser Feier in Kiew tauchte plötzlich Maksym auf. Ein gemeinsamer Freund hatte ihn mitgebracht. «Ich war ein Geburtstagsgeschenk, das man nicht mehr zurückgeben kann», sagt der studierte Kunsthistoriker trocken, aber mit einem Lächeln auf den Lippen. Inzwischen sind die beiden seit 14 Jahren ein Paar.

Heute treiben sich die Liebenden manchmal auch gegenseitig in den Wahnsinn. Maksym sucht oft endlos nach dem perfekten Outfit, was Evgeny die Nerven raubt. Evgeny zitiert dazu passend den französischen Schriftsteller François de La Rochefoucauld: «Unsere Tugenden sind meistens nur verkleidete Laster.»
Im Gegenzug verliert sich Evgeny regelmässig in seiner Arbeit und will Aufgaben nachholen, wenn es längst Zeit für Freizeit wäre. Zudem tut sich der Forscher schwer damit, Nein zu sagen. Dennoch hält die beiden viel zusammen. Der 44-Jährige liebt Maksyms Sinn für Ästhetik, seine Liebe zum Detail, seine Freundlichkeit und seine Weltoffenheit.

Dostojewski und vier Sprachen
Sie sind ein russisch-ukrainisches Paar. In Moskau mussten Evgeny und Maksym das oft verstecken. «In einer Grossstadt gilt das ‹Don’t ask – don’t tell›-Prinzip», stellt Maksym klar. Niemanden interessiere es wirklich. Innerhalb der Beziehung veränderte der Krieg wenig. Maksym ordnet dies historisch ein: «Wir waren schon eine Weile vor dem Krieg zusammen – selbst wenn man bedenkt, dass der Krieg eigentlich 2014 begann, lange vor der grossen Invasion, als es schliesslich allen bewusst wurde.»

Das Umfeld von Evgeny wandelte sich jedoch stark. «Ich verbringe inzwischen mehr Zeit mit unseren ukrainischen Freunden als mit den russischen», sagt der Moskauer. Es falle Russen generell schwer, miteinander zu kommunizieren, weil die Angst vor Kritik und gesellschaftlicher Ausgrenzung gross sei. Das hätten schon Dostojewski und Turgenew vor fast 200 Jahren beschrieben. Die staatliche Propaganda zwinge die Menschen dazu, in Gesprächen aggressiv beweisen zu wollen, dass nur sie recht haben und alle anderen falschliegen. Das erfordert im Alltag strenge Regeln: Wer befreundet bleiben will, muss die Politik ausklammern und klare Grenzen zum Privatleben ziehen.
Die Sprache in den eigenen vier Wänden ist ein Spiegelbild dieser Dynamik. Maksym versteht Russisch perfekt, doch die Rechtschreibung treibt den Ukrainer manchmal in den Wahnsinn. Evgeny kämpft derweil mit den Vokalen. Ein «и» oder «е» steht in beiden Sprachen für unterschiedliche Laute. Das macht Textnachrichten auf Ukrainisch für ihn zur Qual. Als Kind besass der Russe ein dreisprachiges Märchenbuch auf Russisch, Ukrainisch und Belarussisch. Evgeny liebte Sprachen und lernte so ein wenig Ukrainisch. 2022 stellten viele ihrer gemeinsamen Freunde auf Ukrainisch um. Das Paar schaute fortan alle Netflix-Serien in Maksyms Muttersprache.
Das aktive Sprechen strengt Evgeny noch immer an. Was für die beiden heute in ihrem Exil in Frankreich die grösste Hürde ist: Sie müssen teilweise zwischen vier Sprachen an einem einzigen Tag wechseln.

Zensur im Putin-Land
Die Toleranz der 1990er-Jahre ist im Putin-Land heute längst tot. Evgeny erinnert sich, dass es damals Clubs und Bars gab, auch wenn er grosse Menschenmengen meidet und nie einen Moskauer Club von innen gesehen hat. Als er an der Universität nach einer bestandenen mündlichen Prüfung den Raum verlassen wollte, fragte ihn der Professor, ob sie sich nicht aus der «Central Station» kennen würden. Evgeny schämte sich damals beinahe dafür, als schwuler Mann nicht einmal den berühmtesten Treffpunkt der eigenen Stadt zu kennen.

Heute schaut sich der Wissenschaftler die Website dieses Clubs an. Die Allgemeinen Geschäftsbedingungen verbieten strikt, sich mit freiem Oberkörper zu zeigen, sowie jegliches Verbreiten von Propaganda für nicht traditionelle sexuelle Beziehungen. Das sei die einzige Möglichkeit für den Club, weiter zu existieren, merkt Evgeny beiläufig an. Vielleicht sei der Ort heute ein Hetero-Club – oder genauer gesagt: «ein Gay-Club in einer Zwangsjacke».
Queere Organisationen sind kriminalisiert
Seit 2023 stuft Russland die – in Wirklichkeit inexistente – «internationale LGBT-Bewegung» als extremistische Organisation ein. Das Tragen eines LGBTQ+-Symbols reicht für eine Verhaftung. In der Praxis hagelt es Bussen. Wer jedoch von den Behörden beschuldigt wird, die Aktivitäten dieser fiktiven Bewegung zu «organisieren» – was jeden queeren Aktivisten treffen kann –, dem drohen bis zu zehn Jahre Gefängnis. Händchenhalten auf der Strasse ist kein Verbrechen, aber lebensgefährlich. Die Propaganda stellt queere Menschen als Feinde dar. Wer Pech hat, wird bei der Polizei denunziert und wegen Obszönitäten angeklagt – oder Schlimmeres.
Die Repression vernichtet alle Strukturen. Wie die Menschenrechtsorganisation Human Rights Watch dokumentiert hat, verbot der russische Staat allein zwischen März und Mai dieses Jahres neun queere Organisationen. Auch das russische LGBT Network in St. Petersburg gab kürzlich nach einem Gerichtsurteil auf und erklärte via Telegram seine Schliessung. Das Risiko für Mitarbeitende und Hilfesuchende sei zu gross geworden. Jeder, der noch Kontakt zum Netzwerk hat, macht sich strafbar.
Selbst Bücher werden zerstört: In einer russischen Biografie über den italienischen Regisseur und Schriftsteller Pier Paolo Pasolini, der offen homosexuell lebte, ist heute fast die Hälfte des Inhalts schwarz zensiert.
Ukraine: Gay-Life im Bunker
In der ukrainischen Hauptstadt Kiew leben die Menschen generell entspannter. Clubs und Bars existieren dort weiterhin. Der Krieg hat den Alltag jedoch massiv verändert. Einige queere Männer gehen aus Angst vor einer Mobilmachung seltener aus, doch das bedeutet nicht, dass alle nur noch zu Hause bleiben. Im Gegenteil: Viele verbringen inzwischen täglich Zeit in Luftschutzbunkern, treffen sich dort mit Freunden, und das öffentliche Leben geht – so gut es möglich ist – weiter.
Die Ausgangssperren und die ständige Gefahr haben das Leben verändert, aber nicht vollständig zum Erliegen gebracht.
Gleichzeitig helfen queere Soldaten durch ihre Präsenz und eigene Verbände dabei, LGBTQ+-Menschen in der ukrainischen Gesellschaft sichtbarer zu machen – sie kämpfen nicht nur gegen den russischen Angriff, sondern auch um einen Platz in einer Gesellschaft, die sich im Krieg neu erfindet.
Hastige Liebesheirat in Dänemark
Das Klima in Moskau schnürte Evgeny über Jahre hinweg die Kehle zu; er fühlte sich dort schon lange nicht mehr zu Hause. Eine Verfassungsänderung und die Pandemie zeigten ihm deutlich, dass der Staat mit den Menschen machen kann, was er will. Evgeny erhielt ein Jobangebot aus Frankreich, und das Paar beschloss, diese Chance zu nutzen. Das französische Konsulat weigerte sich jedoch, Maksym ein Visum für Familienangehörige auszustellen, weil sie als unverheiratetes Paar vor dem Gesetz keine Familie waren. Eine gemeinsame Einreise war deshalb unmöglich.

Dänemark war der Ausweg. Es war das einzige Land, in dem sie zu dieser Zeit schnell heiraten konnten. Mit der Heiratsurkunde im Gepäck flogen sie nach Paris. Etwas Schlimmes passierte direkt nach der Ankunft: Maksym wurde positiv auf Covid getestet. Der Test war für den Flug nicht obligatorisch gewesen, aber sie wollten ihre Freunde, die sie abholten, nicht gefährden. Sie isolierten sich tagelang in einem Flughafen-Hotel. Später bezogen sie ein Airbnb. Der Vermieter war ein Schweizer Expat. Er sprach fliessend Russisch, und seine Familie gehört heute zu ihren engsten Freunden in Frankreich.
Ein zersägter Baum und neun Katzen
Evgeny hatte einen Job, doch die Wohnungssuche in Paris war hart. Im Februar 2022 brach in der Ukraine mit der grossen Invasion die Hölle los. Maksyms Eltern sassen im Kriegsgebiet fest, und das schwule Paar konnte ihnen nicht helfen. Maksyms Bruder war bei ihnen in Paris zu Besuch. Die ausweglose Situation gipfelte in einer verzweifelten Aktion: Um zwei Uhr morgens begannen Evgeny und Maksym, den noch in der Wohnung stehenden Weihnachtsbaum in Stücke zu zersägen und nach draussen zu tragen. Sie waren psychologisch blockiert und brauchten irgendein Ventil für ihre Hilflosigkeit. «Es war wenigstens irgendetwas, das wir tun konnten», erinnert sich der Russe.

Sobald es einigermassen sicher war, konnten sie Maksyms Eltern zur Flucht überreden. Zwischen Ausgangssperren und Bombenalarm mussten diese schnell packen. Sie nahmen nur ihre neun Katzen mit und flohen im Auto nach Paris. Dabei versuchten sie Gefahrenzonen zu umfahren, in denen russische Truppen Jagd auf unschuldige Flüchtlinge machten.
Über ein Jahr lebte die gesamte Familie in einer 40-Quadratmeter-Wohnung zusammen. Wieder bei den Eltern zu wohnen, war nicht einfach.

Schuld und Genf
Heute, nachdem Maksyms Eltern in eine eigene Wohnung gezogen sind, leben Evgeny und Maksym wieder allein in ihrer Bleibe. Doch diese Sicherheit hat ihren Preis. Viele ihrer queeren Freunde in Russland können nicht weg. Sie finden im Ausland keine Arbeit oder müssen für ihre Familien sorgen. Sie verstummen aus Angst oder rechtfertigen sogar das System. «Ich hatte jeden Tag dieses bedrückende Gefühl, im Gegensatz zu anderen überlebt zu haben und in Sicherheit zu sein», gesteht Evgeny gegenüber DISPLAY.
«Es ist ein Privileg, in einer westlichen Gesellschaft zu leben, in der man seine Meinung frei äussern darf.»
Frankreich war für ihn keine zufällige Wahl. Schon als Teenager kaufte er sich ein Lehrbuch und lernte die Sprache, weil Französisch für ihn der Schlüssel zur Welt war. Das zahlte sich aus. Er konnte in Frankreich sofort auf Französisch unterrichten. Er reflektiert seine neue Heimat dabei differenziert. Frankreich sei ein schönes Land mit interessanten Traditionen, habe aber auch Herausforderungen wie eine enorme Bürokratie, hohe Steuern und die Tendenz vieler Franzosen, alles ständig zu kritisieren. «Aber insgesamt ist es eine gut funktionierende Gesellschaft», betont der Wissenschaftler. Menschen mit unterschiedlichen Ansichten blieben im Dialog, und es gebe eine grundlegende Solidarität, die sicherstelle, dass niemand ohne Essen oder medizinische Versorgung bleibe: etwas, woran viele andere Länder scheitern. «Die französischen Werte liegen mir am Herzen, und ich freue mich, einen Beitrag zu dieser Gesellschaft leisten zu können.»

Beruflich untersucht Evgeny heute, wie soziale Systeme das Leben von Menschen prägen. Seit 2022 erforscht er, wie die Zivilgesellschaft in Russland mit dem autoritären Wandel umgeht. Warum ist manchen der Krieg egal und wieso finden andere den Mut zu Widerstand? Zuvor arbeitete er oft mit internationalen Forschenden zusammen.
Im Frühjahr 2020 reiste er für einen Workshop des Zurich Intergroup Project in die Schweiz. Die Veranstaltung wurde von Tabea Hässler organisiert. Tabea hat eine Professur für Sozialpsychologie und Gruppenbeziehung inne und leitet das Global LGBTIQ+ Health Project, an dem Evgeny beteiligt ist.

Nächstes Jahr werden sie und 130 Kolleg*innen aus 70 Ländern eine globale LGBTQ+-Umfrage durchführen, um die Gesundheit, Inklusion und das Wohlbefinden von queeren Menschen weltweit zu fördern. Vor ein paar Monaten kehrte Evgeny in die Schweiz zurück. Er besuchte eine Konferenz zur Selbstbestimmungstheorie in Genf. Diesmal reiste Maksym mit. Sie wohnten bei Freunden, besuchten Museen und schwammen im Lac Léman.
Maksym organisiert heute in Frankreich zusammen mit ukrainischen Kunstschaffenden kulturelle Events. Er liebt Design und Innenarchitektur und richtet das neue Haus ein, in dem sie heute wohnen. Es steht in Mantes-la-Jolie, rund 50 Kilometer westlich von Paris.
Ein traumatisierter Hund namens Lucifer
Zur Familie gehört nun auch ein Hund. Eines Nachts, noch als sie mit Maksyms Eltern und den neun Katzen in der engen Wohnung lebten, wachte Maksym mitten in der Nacht mit einem einzigen Gedanken auf: Er brauchte einen Hund – und dieser Hund müsse Lucifer heissen. Ein paar Wochen später zogen die Eltern aus, und wie durch Zufall stiessen sie in einem Online-Forum auf genau diesen Hund. Lucifer entpuppte sich als weisser Zwergspitz und war einfach unwiderstehlich. Evgeny wehrte sich anfangs, da er keinerlei Erfahrung mit Hunden hatte. Doch als er ihn sah, konnte er dem Tier nicht widerstehen. Lucifer wurde 2022 in Krywyj Rih unter russischem Bombardement geboren. Aus dieser Gegend stammt auch Evgenys Grossvater, der in den 1930er-Jahren nach Russland kam.

Am Valentinstag 2024 adoptierte das Paar den kleinen Hund. Ein Trauma auf vier Pfoten. Lucifer hatte Panik vor lauten Geräuschen und fürchtete sich vor Fremden und anderen grossen Hunden. Die beiden vermuten, dass er in der Ukraine ausgehungerten Strassenhunden begegnet ist, die ihre Besitzer verloren hatten. «Wir wussten im ersten Monat nicht einmal, ob er bellen kann», sagt Evgeny. Maksym kannte sich jedoch aus: Er hatte bereits als Teenager einen traumatisierten Hund. Sie gaben Lucifer Zeit. Nach zwei Jahren ist der Hund entspannt. Er reist gerne, geht in die Natur und bellt, wenn seine menschliche Herde beim Spazierengehen seiner Meinung nach nicht dicht genug zusammenbleibt.

Wenn Evgeny und Maksym heute auf ihre Herkunftsländer blicken, zeigen sich zwei völlig unterschiedliche Tragödien. In seinen Studien von 2018 fand der Wissenschaftler ein fatales Paradoxon heraus: Viele queere Menschen in Russland gaben damals an, zufrieden zu sein, auch wenn sie keine Rechte auf Eheschliessung oder gesellschaftliche Sichtbarkeit besassen. Sie wollten keine Aufmerksamkeit. Gleichzeitig zeigten genau diese Menschen, die ihre eigenen Rechte verleugneten, deutlich höhere Werte bei Depressionen und Ängsten als jene, die für Gleichberechtigung einstanden.
Evgenys Hoffnung für die Zukunft in Russland ist radikal. «Die queere Community muss aufhören, diesen furchtbaren Preis zu zahlen», fordert der Forscher. Zu tun, als sei eine schlechte Situation erträglich, mache alles nur noch schlimmer.
Die leise psychologische Zerstörung in Russland steht in brutalem Kontrast zur lauten, physischen Zerstörung in der Ukraine. Auf die Frage nach seinem grössten Wunsch für queere Menschen in seiner Heimat hat Maksym nur eine Antwort. Sie ist so kurz wie herzzerreissend:
«Überleben. Das ist mein einziger Wunsch für jeden in der ukrainischen Community.»
Ein Wunsch, der für all seine Landsleute gilt, die in diesem Krieg um ihr Leben kämpfen.
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Ein Text von Mark Baer
