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Der Mann für heikle Fälle: Jürg Lauber über Coming-out und Krieg

Politik

Jürg Lauber lächelt auf einem Balkon, im Hintergrund See, Bäume und Berge
Top-Diplomat Jürg Lauber, heute Vizepräsident des IKRK (Bild: Tomasz Januszek)
Unmögliche Missionen waren sein Alltag. Top-Diplomat Jürg Lauber über sein Coming-out, kriegerische Konflikte und die akute Gefährdung der Menschenrechte.

Er ist ein Topshot der Schweizer Diplomatie: Jürg Lauber. In seiner langen Karriere vertrat er die Schweiz als Botschafter weltweit, unter anderem bei der UNO in Genf und New York. Ein Höhepunkt seiner Laufbahn war zweifellos das Amt als Präsident des UNO-Menschenrechtsrats in Genf, wo er gegen die Ungerechtigkeiten dieser Welt ankämpfte.

Obwohl er höchste Führungspositionen bekleidete, machte Jürg Lauber aus seiner sexuellen Orientierung nie ein Geheimnis. Damit war und ist der in Genf wohnende Zuger ein wichtiges Role Model für unsere Community.

Im Frühjahr dieses Jahres hat der 63-Jährige die Schweizer Diplomatie verlassen und ist heute Vizepräsident des Internationalen Komitees vom Roten Kreuz (IKRK) in Genf, der bekanntesten humanitären Organisation der Welt.

DISPLAY sprach mit dem Mann, den die NZZ aufgrund seiner mannigfaltigen internationalen diplomatischen Tätigkeiten «Mister Multilateralismus» nannte und bei dem sie argwöhnte, er müsse oft Sisyphusarbeit leisten.

DISPLAY: Jürg Lauber, für unsere Leserschaft wäre es von Interesse, etwas über Ihr Privatleben zu erfahren. Möchten Sie dazu etwas sagen?

Jürg Lauber: Mein Coming-out war etwas harzig, das heisst vor allem spät. Rückblickend würde ich sagen, dass ich es mir selbst schwerer machte, als es eigentlich nötig war. Die damals noch starken Klischees und Ängste haben mich lange gehemmt. Als ich dann endlich so weit war, die Dinge beim Namen zu nennen, reagierte mein privates Umfeld überwiegend positiv.

Ist es allgemein für einen Diplomaten ratsam oder problematisch, sich zu outen? Gerade in queerfeindlichen Staaten dürfte dies ja ein Problem sein.

Die Diplomatie hat wohl den Ruf, tendenziell «queerfreundlich» zu sein, was ich in etwa bestätigen kann. Selbst unter Diplomaten ist man aber selbstverständlich nicht gefeit vor gedankenlosen Sprüchen oder heimlicher Ablehnung. Zudem ist die Diplomatie in mancher Hinsicht noch heute konservativ und letztlich ein Abbild der weiteren Welt. Es stimmt deshalb, dass die Situation im Herkunftsland in der Regel den Ausschlag dafür gibt, wie offen eine Diplomatin oder ein Diplomat zur eigenen Homosexualität steht.

Jürg Lauber sitzt lächelnd an einem Holztisch vor einem silbernen Laptop, die Hand am Kinn
Jürg Lauber (Bild: Tomasz Januszek)

Ich bin von Natur aus zurückhaltend, was mein Privatleben angeht, mache aber auch kein Geheimnis daraus. Bei der Arbeit habe ich nie direkte Diskriminierung oder Anfeindungen erlebt. Dagegen kann ich mich an den einen oder anderen Vorfall erinnern, bei dem ich mir grössere (sprachliche!) Schlagfertigkeit gewünscht hätte.

Höhe- und Tiefpunkte einer Karriere

Welches waren Ihre grössten Erfolge?

Diplomatie ist ein «Teamsport» in dem Sinne, dass es immer mehrere und gelegentlich sehr viele Leute braucht, um Erfolge zu erzielen. Anders als im Sport geht es dagegen nicht darum, einen Gegner zu besiegen. Das Ziel besteht vielmehr darin, eine Lösung zu verhandeln, die von möglichst vielen Beteiligten als Gewinn verstanden wird.

Ich hatte immer mal wieder das Glück, bei solchen Verhandlungen dabei zu sein. Erst als einer von vielen Staatenvertretern, zum Beispiel beim Vertrag über ein Verbot von Antipersonenminen. Später mit mehr Verantwortung, zum Beispiel beim sogenannten Migrationspakt. Beiden Initiativen wurden zu Beginn wenig Erfolgsaussichten eingeräumt. In beiden Fällen gelang der Durchbruch dank solidem diplomatischem Handwerk und einer grossen Zahl von Leuten, die zum Erfolg beigetragen haben.

Welches waren Ihre interessantesten Begegnungen?

Der Beruf bringt es mit sich, dass man immer mal wieder bekannten Persönlichkeiten begegnet. Also zum Beispiel ein Mittagessen im kleinen Kreis mit der Schauspielerin Cate Blanchett, die sich mit grosser Ernsthaftigkeit und genuinem Interesse für das UNO-Flüchtlingshilfswerk einsetzt. Oder – das liegt schon einige Jahre zurück – Händeschütteln mit Ted Sorensen, dem Redenschreiber von John F. Kennedy. Da hatte ich schon meine «star-struck»-Momente, auch wenn solche Begegnungen eher flüchtiger Natur sind.

Dann begegnete ich vielen Menschen, die mich geprägt oder die mich in meinen Vorstellungen und Überzeugungen herausgefordert haben. Ich denke etwa an Philippe Kirsch, den ersten Präsidenten des Internationalen Strafgerichtshofs, der mir während meiner Zeit in Den Haag viel diplomatisches Handwerk beibrachte. Oder an meine Begegnungen mit den Menschen in Burundi, als ich ein UNO-Mandat für dieses Land ausübte. Sie haben mir die komplexen historischen und aktuellen Gegebenheiten des Landes und der umliegenden Region nähergebracht, aber auch die Grenzen dessen aufgezeigt, was internationale Zusammenarbeit bewirken kann.

Welches waren Ihre grössten Enttäuschungen?

«Es macht mich fassungslos zu beobachten, wie wir die Lehren und Ambitionen aus den grossen Katastrophen des frühen 20. Jahrhunderts über Bord werfen: die Freiheit und Würde jeder und jedes Einzelnen. Konfliktlösung durch friedliche Streitbeilegung.»

Nachhaltige wirtschaftliche und soziale Entwicklung des Kollektivs. Nationale und internationale Regeln und Institutionen zur Förderung dieser Ziele.

Ich verstehe und teile die Enttäuschung darüber, dass wir diesen Zielen in rund 80 Jahren noch nicht nähergekommen sind. Ich fürchte aber auch, dass eine Abkehr von diesen Zielen die Menschheit in grosses Elend führen wird.

Verteidiger der Menschenrechte

Wie war es, den UNO-Menschenrechtsrat zu präsidieren?

Es war eine Ehre und eine Herausforderung. Eine Ehre, weil mit der Wahl viel Anerkennung für die Rolle der Schweiz im Bemühen um die Menschenrechte verbunden war. Eine Herausforderung, weil die Erwartungen sehr unterschiedlich und teilweise gegensätzlicher Natur waren sowie vor allem auch wegen des rauen politischen Umfelds und der finanziellen Engpässe bei der UNO.

Wie gingen Sie mit dem Frust um, dass die Grossmächte Entscheide mit Vetos blockieren?

Das Vetorecht gilt nur im UNO-Sicherheitsrat und führt dort leider immer öfter dazu, dass die Staaten nicht in der Lage sind, sich auf gemeinsame Massnahmen zur Verhinderung oder Beendigung eines Kriegs zu einigen.

Im UNO-Menschenrechtsrat hingegen bemühen sich die Staaten um Beschlüsse im Konsens. Wo das nicht gelingt, wird abgestimmt. Jeder der 47 Mitgliedstaaten hat eine Stimme. Keiner hat ein Vetorecht. Dem Menschenrechtsrat gelingt es deshalb, auch zu umstrittenen Fragen Beschlüsse zu fassen.

«Zum Beispiel hat der Menschenrechtsrat im Juli 2025 das Mandat des Experten zum Schutz vor Gewalt und Diskriminierung aufgrund der sexuellen Orientierung und der Geschlechtsidentität verlängert. Da war viel Überzeugungsarbeit nötig.»

Die ausgeprägte Uneinigkeit unter den Staaten, nicht nur den sogenannten Grossmächten, wirkt sich aber natürlich in allen internationalen Gremien aus. Es fällt auch ohne Veto schwer, Beschlüsse zu fassen, die dann auf breiter Ebene Wirkung erzielen.

Während Ihrer Präsidentschaft gerieten Sie im Kontext des Nahostkonflikts in die Kritik, als Ihnen von den USA Zensur vorgeworfen wurde, weil Sie verbale Entgleisungen stoppten. Wie bewahrt man als UNO-Ratspräsident in solch emotionalen Momenten die Würde des Rates?

Es war wohl wichtig, dass ich mich nicht persönlich provozieren liess. Zudem hatte ich schon bei Amtsantritt klargemacht, dass ich auf einem angemessenen Umgangston im Rat bestehen würde. Das habe ich dann versucht, konsequent und unparteiisch durchzusetzen. Zugegebenermassen war das in den oft hitzigen Debatten nicht immer ganz einfach.

Stationen eines Diplomatenlebens

Seit April 2026 ist Jürg Lauber Vizepräsident des IKRK in Genf. Das IKRK ist der wichtigste Partner der Eidgenossenschaft im humanitären Bereich. Es spielt eine Schlüsselrolle beim Schutz der Opfer bewaffneter Konflikte und bei der Umsetzung der Genfer Konventionen.

Zuvor war er Chef der Ständigen Mission der Schweiz beim Büro der Vereinten Nationen und anderen internationalen Organisationen in Genf und hatte auch den Vorsitz im Menschenrechtsrat der Vereinten Nationen inne.

Der ausgebildete Jurist trat 1993 in das Eidgenössische Departement für auswärtige Angelegenheiten (EDA) ein und war in Bangkok, Peking und New York tätig.

Anschliessend übernahm er die Funktionen des Kabinettschefs des Präsidenten des Internationalen Strafgerichtshofs (IStGH) in Den Haag (2007–2009), des Direktors der Abteilung Vereinte Nationen in Bern (2011–2015) und des Leiters der Schweizer Mission bei den Vereinten Nationen in New York (2015–2020).

Seine internationale Karriere begann Jürg Lauber im Dienst der Schweizer Armee bei Friedensmissionen in Namibia (UNTAG) und an der Demarkationslinie zwischen Nord- und Südkorea.

Jürg Lauber sitzt mit überschlagenen Beinen in einem schwarzen Ledersessel vor einem Backsteinkamin
Jürg Lauber (Bild: Tomasz Januszek)

Humanitäre Hilfe in Zeiten des Krieges

Im Zusammenhang mit Ihrem heutigen Mandat als Vizepräsident des IKRK wäre es interessant, von Ihnen eine Einschätzung zur aktuellen Lage mit ihren zahlreichen Krisenherden zu erhalten.

«Die aktuelle Lage macht mir grosse Sorgen. Das IKRK zählt heute weltweit mehr als 130 bewaffnete Konflikte – doppelt so viele wie vor 15 Jahren.»

Die Konflikte dauern länger und werden immer komplexer. Neue Technologien verändern die Realität des Kriegs fundamental und in einem horrenden Tempo.

Die Staaten haben dem IKRK durch die Genfer Konventionen das Mandat gegeben, Menschen zu schützen und zu unterstützen, die von bewaffneten Konflikten und anderen Gewaltsituationen betroffen sind. Die Anforderungen sind folglich enorm und nehmen weiter zu. Die finanziellen Mittel dagegen haben in den letzten Jahren markant abgenommen.

Wir brauchen mehr Unterstützung für humanitäre Hilfe – und wir brauchen vor allem weit grössere Anstrengungen, um Kriege zu verhindern, einzudämmen und zu beenden.

Die allgemeinen Menschenrechte stehen massiv unter Druck durch autokratische Staaten, die diese infrage stellen. Ist es nicht schwierig, deren Einhaltung einzufordern?

Es stimmt, die Menschenrechte stehen auf breiter Front unter Druck.

«An vielen Orten der Welt werden Fortschritte der letzten Jahrzehnte, die wir eigentlich für gesichert hielten, infrage gestellt oder sogar rückgängig gemacht.»

Das muss ich gerade dieser Leserschaft nicht speziell erklären.

Es gibt aber, zum Glück, nach wie vor viele Länder, in denen Menschenrechte respektiert und von den zuständigen Instanzen durchgesetzt werden. Denken Sie zudem an den Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte, den ich als Erfolgsmodell bezeichnen würde.

Selbst Länder, in denen Menschenrechtsverletzungen nicht geahndet werden und die sich nicht an internationale Vereinbarungen halten, können sich der Debatte heute nicht mehr entziehen.

Der Menschenrechtsrat ist kein Gericht und hat keine Zwangsmittel, um Verletzungen der Menschenrechte wirksam zu stoppen. Der Rat bietet aber Möglichkeiten, die Menschenrechtslage in allen Ländern der Welt in der einen oder anderen Form an die Öffentlichkeit zu bringen. Mehr wäre besser, aber es ist besser als nichts.

Am 2. Oktober 2026 war Jürg Lauber Gast beim Network-Clubdinner im Bellevue Palace Bern, im Gespräch mit Tagesschau-Mann Michael Rauchenstein.

Interview Beat A. Stephan | Fotos Tomasz Januszek

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DISPLAY Magazin

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Veröffentlicht:

29.10.2026

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