In London ist es noch früh am Tag, Adam Lambert jedoch präsentiert sich vor der Zoom-Linse bereits wie das blühende Leben. Gerade war er im Frühstücksfernsehen, jetzt hat der vielseitige Sänger, der seit zwölf Jahren als Frontmann von Queen sowie am New Yorker Broadway – zuletzt spielte er im Stück «Cabaret» – von sich reden macht, Zeit für ein Gespräch über sein selbstbetiteltes Album «Adam». Das verblüfft mit rohen, harten, an Nine Inch Nails und Massive Attack erinnernden Klängen. Wir unterhielten uns aber auch über das Ende seiner Beziehung, seinen Umzug von Los Angeles nach New York, den langen Weg zur Selbstakzeptanz sowie die Sicht des LGBT*-Aktivisten Lambert auf den politischen Backlash weltweit.
DISPLAY: Adam, das Album heisst wie Sie. Das ist meistens ein Zeichen für «Dieses Album ist mein persönlichstes». Wie ist das bei Ihnen und «Adam»?
Adam Lambert: Dieses Album ist mein persönlichstes (lacht). Doch, das ist wirklich Fakt. Am besten lässt sich das Projekt so zusammenfassen: «Adam» ist ein Porträt von mir, genau jetzt, im Jahr 2026, geprägt von den letzten Jahren. Und auch davon, wie ich mir die nächsten Jahre erhoffe. Es fühlt sich wie eine ehrliche Darstellung dessen an, wer ich gerade bin. Inklusive aller guten, aber auch aller meiner schlechten Seiten.
Sind Sie denn zufrieden damit, wer Sie sind und wo Sie gerade stehen im Leben?
Auf jeden Fall. Ich bin jetzt 44, und ich habe in den vergangenen Jahren viel Arbeit in meine Selbstakzeptanz gesteckt. Es dauert eine Weile, bis man sich wirklich im Spiegel ansehen und alle Seiten von sich selbst annehmen kann – auch die Seiten, von denen man weiss, dass sie nicht die besten sind. Aber ich denke, ich bin dazu jetzt in der Lage.
Welche Seiten an sich können Sie nur schwer akzeptieren?
Ich habe ein paar schlechte Angewohnheiten. Ich bin faul, und ich gehe auch immer noch gerne aus, trinke und feiere mit Freunden. Das kann viel Spass machen, aber am nächsten Morgen wacht man auf und fragt sich, was das denn eigentlich wieder sollte
Das lockere Leben eines gut situierten Wieder-Singles?
Tja, so ist es wohl. Ich bin aus einer langen Beziehung herausgekommen, genau als ich mit der Arbeit an diesem Album begonnen hatte. Und definitiv sind viele Emotionen aus dieser Trennung in die Musik eingeflossen.
Es gibt eine Ballade in der Mitte des Albums, «Am I OK?», auf der Sie sehr verletzlich klingen.
«Am I OK?» ist nur eine Woche nach der Trennung entstanden. Der Song stellt sehr rohe, direkte Fragen: Warum fühle ich mich so taub? Ging es mir jemals so schlecht? Wird das jemals wieder besser? Dieses Lied ist für mich der Herzschlag des Albums. Der Song gibt den Ton an, er ist eine Art trotziges Statement nach dem Motto: Aus dem Weg, ich mache mein Ding (lacht).
Haben Sie das New Yorker Nachtleben schätzen gelernt?
Absolut. Es ist klebrig, es ist dreckig da unten, aber ich liebe es. Ich lebe in der Lower East Side in Manhattan, dort geht es ruppig zu. Ich war so lange in L.A., wo ich ruhig gelebt habe, oben in den Hügeln, in einem schönen Haus mit viel Grün. New York hat mich mit seiner geballten Schmutzigkeit wiederbelebt. Als Kreativer verändert sich etwas, wenn man sich in so eine Umgebung begibt. Ausserdem: In Los Angeles bist du in einer Blase, fährst Auto, baust Mauern, hast kaum Kontakt zu Fremden. In New York lernst du ständig neue Leute kennen. Das ist gut für die Seele und sehr bereichernd.
War es eine bewusste Entscheidung, sich musikalisch an den 90ern zu orientieren – man hört Björk, Massive Attack, Portishead, sogar Lady Gaga heraus?
Ja, das war bewusst. Bevor ich mit dem Album angefangen habe, habe ich mir erst die klangliche Landschaft vorgestellt und eine Playlist mit Musik zusammengestellt, auf die ich stark reagiere. Vieles davon war älteres Material aus den 90ern – diese industrielle Mischung aus Alternative und elektronischer Musik, die damals und bis in die frühen 2000er so gut funktioniert hat. Ich mag keine Musik, die eindeutig nur einem Genre zuzuordnen ist, ich mag das Vermischen. Nine Inch Nails ist ein gutes Beispiel, oder Massive Attack, Portishead, auch die Chemical Brothers oder Goldfrapp. Sie alle hatten einen grossen Einfluss auf meine Produktion. Und stimmlich sind Künstler wie Prince, George Michael oder Michael Jackson prägend für mich. Ich habe alle diese Einflüsse in den Mixer geworfen – am Ende ist daraus ein leckerer Smoothie entstanden.
Sie haben Ihre Karriere als Musiktheater-Darsteller begonnen. War die Arbeit am Broadway eine neue Erfahrung oder eine Rückbesinnung?
Mit «Cabaret» hat sich für mich nicht nur ein Traum erfüllt, sondern tatsächlich auch ein Kreis geschlossen. Und ich habe mich in diesem Theaterumfeld wohl gefühlt. Die Theatermenschen sind meine Leute, ich verstehe sie besser als jede andere Gruppe von Menschen. Das fühlte sich einfach gut an. Und dazu noch in «Cabaret» zu spielen, das ein so kraftvolles Theaterstück ist und angesichts des erstarkenden Faschismus in der Welt so bedrückend aktuell ist. Es fühlte sich an, als wäre ich Teil von etwas Wichtigem, das Substanz und Tiefgang hat und das Publikum zum Nachdenken bringt.
Wie ist denn Ihre Sicht auf den Rechtsruck in der Welt?
Was für eine grosse Frage! Ich finde das schrecklich, einfach nur schrecklich.
Ist das düster klingende «Adam»-Album auch eine Reaktion auf unsere Zeit?
Ja, ich denke schon. Ich hatte bei diesem Album angesichts der Weltlage zwei Möglichkeiten: Ich hätte ein komplett eskapistisches Werk schaffen können, welches all das ignoriert und einem erlaubt, davor wegzulaufen – das kann ja auch wirklich schön sein, dafür gibt es einen Bedarf, denn es ist eine Art Medizin. Oder ich konnte mich auf die Ängste, die Wut, die Dunkelheit einlassen, die wir gerade erleben, und mich dem stellen. Und dafür habe ich mich entschieden. Es gibt im Album durchaus auch leichtere Momente, aber ein grosser Teil davon ist dunkler, weil das gerade meiner Sicht auf die Dinge am nächsten kommt.
Sie sind von einer liberalen Stadt in eine noch liberalere gezogen. Haben Sie je überlegt, die USA ganz zu verlassen?
Der Gedanke ist mir nicht fremd, aber noch bin ich nicht so weit. Ich habe neulich einen Artikel darüber gelesen, welches die Warnsignale dafür sind, dass es Zeit ist, ein Land zu verlassen, das Richtung Faschismus rutscht. Irgendwann gibt es dann kein Zurück mehr für eine Gesellschaft.
Sehen Sie als eine der weltweit bekanntesten Stimmen der queeren Community einen Rückschritt bei unseren Rechten, verglichen mit dem Beginn Ihrer Karriere 2009?
Das Pendel schwingt zurück, das spürt man deutlich. Besonders für die trans Community ist es gerade hart. Das ist traurig, weil in den letzten 20 Jahren Fortschritt gemacht wurde – bei Sichtbarkeit, Akzeptanz, Toleranz und Verständnis. Denn
«Homophobie, Rassismus oder Fremdenfeindlichkeit kommen oft aus Unwissenheit, aus der Angst vor dem Unbekannten.»
Gerade weil die LGBT*-Community so stark in Medien, Kunst und Unterhaltung vertreten ist, konnten wir ein bis zwei Jahrzehnte lang unsere Geschichten erzählen und vielschichtige Darstellungen queerer Erfahrungen teilen. Leider will diese reaktionäre Bewegung jetzt einfach das Band zurückspulen, 30 oder 40 Jahre zurück. Das ist so seltsam, so funktioniert das nicht.
Rückschritte gibt’s ja nicht nur in den USA, sondern fast überall – auch in Europa gibt es Kräfte, die versuchen, frühere Zeiten wiederherzustellen.
Ich weiss. Doch ich bin nicht ausschliesslich pessimistisch. Ich glaube, das wird eine stärkere Gegenkultur hervorbringen.
«Es braucht etwas Zeit, aber sobald die liberale, weltoffene Seite an Fahrt gewinnt, werden wir die Dinge wieder hinbiegen können.»
Aber ich fürchte, es wird eine zähe und langwierige Auseinandersetzung.
Ganz was anderes: Haben Sie eigentlich eine neue Liebe gefunden?
Nein, noch nicht. Ich bin offen dafür, aber ich habe nicht wirklich danach gesucht. Ich war so sehr auf das Album fokussiert, dass ich mich nicht wirklich umgesehen habe. Es ist witzig: Viele meiner aggressiveren oder sexuelleren Songs lassen die Leute denken, ich sei privat auch so. Auf der Bühne bringe ich diese Energie, aber im echten Leben bin ich weniger aggressiv, viel schüchterner. Ich bin freundlich, aber nicht der Erste, der auf jemanden zugeht. Viele dieser Songs, wie etwa «Eat U Alive», sind Fantasien, die ich in meiner Kunst auslebe.
Sie gaben vor kurzem ein Konzert in Berlin. Ist die Stadt ein besonders gutes Pflaster für Sie?
Mich verbindet eine persönliche Geschichte mit Deutschland: Ich habe mit 22 etwa sechs Monate in Berlin gelebt, für ein Musical. Ich habe die Stadt und alles, wofür sie steht, wirklich geliebt. Es war eine augenöffnende Zeit für mich – ich kam als sommersprossiger, rothaariger Typ dort an und ging mit schwarzweiss gestreiftem Schachbrett-Haar und Ohrring wieder zurück. Berlin hat mir viel beigebracht, viel gezeigt, und dafür liebe ich die Stadt.
Hat Berlin also einen Mann aus Ihnen gemacht?
Zumindest einen cooleren Mann.
