Senegal eskaliert die Verfolgung queerer Männer

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Mann von hinten fotografiert mit Blick über eine senegalesische Küstenstadt, im Hintergrund das Meer.
In Senegal leben queere Menschen zunehmend in Angst vor Verhaftung und Denunziation. (Bild: Demba JooB)

18 Männer wurden verhaftet und ihre Namen in den Medien veröffentlicht, noch bevor sie der Staatsanwaltschaft zugeführt wurden. 15 weitere sind zur Fahndung ausgeschrieben. Die Lage für queere Menschen in Senegal wird täglich gefährlicher.

Es begann mit einer Handynummer. Ein Kunde gab sie einem Coiffeur-Lehrling, der sich dadurch sexuell belästigt fühlte und Anzeige erstattete. Als kurz darauf ein ähnlicher Fall gemeldet wurde, begann die Polizei zu ermitteln. Der erste Verhaftete gab im Verhör an, einem Netzwerk queerer Männer anzugehören. Sein Handy tat das Übrige: Nachrichten, Fotos, Videos. Am Ende standen 18 Verhaftete, 15 weitere werden noch gesucht. Namen und Berufe aller Männer wurden von den Behörden an die Medien weitergegeben, noch bevor irgendjemand vor einem Richter stand. Es ist die neue Normalität in Senegal.

Ein Gesetz, das Schule macht

Präsident Bassirou Diomaye Faye unterzeichnete am 27. März 2026 ein Gesetz, das gleichgeschlechtliche Handlungen künftig mit fünf bis zehn Jahren Haft bestraft – bisher waren es ein bis fünf Jahre. Wer Homosexualität «fördert» oder «finanziert», riskiert drei bis sieben Jahre Gefängnis. Der Begriff «Förderung» ist dabei so weit gefasst, dass er nach Einschätzung von Menschenrechtsorganisationen auch NGO-Arbeit, Journalismus und medizinische Aufklärung erfassen kann. Das Parlament hatte zuvor mit 135 zu null Stimmen dafür gestimmt, bei drei Enthaltungen.

Bereits am 10. April kam das neue Gesetz erstmals zur Anwendung. Mbaye Diouf, 24 Jahre alt, wurde wegen «widernatürlicher Handlungen» zu sechs Jahren Gefängnis und einer Geldstrafe von rund 3.000 Euro verurteilt. Er war die erste Person, die unter dem verschärften Gesetz verurteilt wurde. Display hat darüber bereits berichtet.

Seit Februar läuft eine Verhaftungswelle, die kaum eine Woche pausiert. Laut dem HIV Justice Network wurden allein seit Februar über 60 Menschen auf Basis von Artikel 319 des Strafgesetzbuchs festgenommen. Darunter der bekannte Fernsehmoderator Pape Cheikh Diallo und der Musiker Djiby Dramé. Die Nationalgendarmerie veröffentlichte ihre HIV-Testergebnisse auf Social Media.

Was das mit HIV zu tun hat

Senegal galt jahrelang als eine der wenigen Erfolgsgeschichten der HIV-Prävention in Subsahara-Afrika. Diesen Ruf hat das Land einem gut ausgebauten Netz von Community-Gesundheitsmediatorinnen und -mediatoren zu verdanken, die gezielt Männer erreichten, die Sex mit Männern haben. Seit den Februarverhaftungen ist dieses Netz weitgehend zusammengebrochen. Eine Erhebung des nationalen AIDS-Rats CNLS zeigt einen Rückgang der Konsultationszahlen um 34,5 Prozent an 22 Behandlungsstellen. Wer verhaftet werden könnte, geht schlicht nicht mehr zum Arzt.

Hinzu kommen die US-amerikanischen Kürzungen der Auslandshilfe unter Trump, die die HIV-Prävention bereits vor Inkrafttreten des neuen Gesetzes geschwächt haben.

Amerikanische Handschrift

Hinter dem verschärften Gesetz steckt nicht nur senegalesische Innenpolitik. Laut Reuters hatte die US-amerikanische Organisation MassResistance, vom Southern Poverty Law Center als Hassgruppe eingestuft, bereits Ende 2024 gemeinsam mit dem senegalesischen Netzwerk And Sàmm Jikko Yi Strategien entwickelt, um das Gesetz voranzutreiben. Es ist der erste dokumentierte Fall, in dem eine amerikanische Lobbyorganisation nach Trumps Rückkehr ins Weisse Haus erfolgreich auf ein verschärftes Anti-LGBTQ-Gesetz in Afrika hingewirkt hat.

Maurice Müller

Online Redakteur
DISPLAY Magazin

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Veröffentlicht:

06.05.2026

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