Sechs Jahre für einen Kuss
Am 10. April verurteilte ein Gericht in Dakar erstmals einen Mann nach dem neuen Anti-LGBT-Gesetz Senegals. Mbaye Diouf, 24, erhielt sechs Jahre Haft. Es ist ein Urteil mit Signalwirkung weit über Westafrika hinaus.
Es war keine besonders lange Verhandlung. Am 10. April verurteilte ein Gericht im Dakaer Vorort Pikine-Guédiawaye einen 24-jährigen Mann namens Mbaye Diouf wegen «widernatürlicher Handlungen und öffentlicher Unsittlichkeit» zu sechs Jahren Gefängnis. Dazu kam eine Geldstrafe von umgerechnet rund 3.000 Euro. Das Urteil war nicht überraschend. Es war geplant.
Wenige Wochen zuvor, am 31. März, hatte Senegals Präsident Bassirou Diomaye Faye ein Gesetz unterzeichnet, das das westafrikanische Land in eine neue Ära der staatlichen Repression führt. Einvernehmliche gleichgeschlechtliche Handlungen waren in Senegal schon vorher strafbar. Das neue Gesetz verdoppelt die Mindeststrafe: von bisher einem bis fünf Jahren auf nun fünf bis zehn Jahre Haft. Wer Homosexualität «fördert» oder «finanziert», riskiert drei bis sieben Jahre Gefängnis. Der Begriff «Förderung» ist dabei so weit gefasst, dass er nach Ansicht von Menschenrechtsorganisationen auch NGO-Arbeit, Journalismus und medizinische Aufklärung erfassen kann.
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Mehr InformationenMbaye Diouf ist die erste Person, die unter diesem verschärften Gesetz verurteilt wurde. Er wird nicht die letzte sein.
Ein Land im Klima der Angst
Was sich in Senegal seit Anfang 2026 abspielt, geht über einzelne Verurteilungen hinaus. Laut dem HIV Justice Network wurden allein seit Februar über 60 Menschen auf Basis von Artikel 319 des Strafgesetzbuchs festgenommen. Darunter befanden sich Pape Cheikh Diallo, ein bekannter Fernsehmoderator, und der Musiker Djiby Dramé. Ihre HIV-Testergebnisse wurden von der Nationalgendarmerie öffentlich auf Social Media verbreitet. Manche Frauen von Verhafteten veröffentlichten daraufhin ihre eigenen negativen HIV-Tests, um sich von der Stigmatisierung zu distanzieren.
Aktivisten berichten von Denunziationen aus dem nächsten sozialen Umfeld, von Polizeieinsätzen an Grenzübergängen, die verhindern sollen, dass Männer das Land verlassen. Mehrere queere Senegalesen sind bereits nach Gambia und Mauretanien geflüchtet, obwohl auch dort die Rechtslage gefährlich ist. Das Hilfswerk, das Amadou Diouf in Dakar für LGBTQ-Menschen betrieb, hat alle Aktivitäten eingestellt. «Wir sind nicht mehr sicher», sagte er gegenüber The Guardian.
Das Nationalassemblee stimmte am 11. März für das Gesetz, 135 zu null, bei drei Enthaltungen. Es war eine Abstimmung, die nicht nur innenpolitische Stimmung widerspiegelt, sondern auch das Ergebnis einer gezielten Kampagne. Die US-amerikanische Organisation MassResistance, vom Southern Poverty Law Center als Hassgruppe eingestuft, hatte laut Reuters bereits Ende 2024 gemeinsam mit dem senegalischen Netzwerk And Sàmm Jikko Yi Strategien erarbeitet, um das Gesetz voranzutreiben. Es ist der erste bekannte Fall, in dem eine amerikanische Lobbyorganisation nach Trumps Rückkehr ins Weisse Haus erfolgreich auf ein verschärftes Anti-LGBT-Gesetz in Afrika hingewirkt hat.
Was auf dem Spiel steht
Die Konsequenzen dieser Entwicklung reichen weit über die unmittelbaren Verhaftungen hinaus. Senegal galt jahrelang als eine der wenigen Erfolgsgeschichten der HIV-Prävention in Subsahara-Afrika. Der Schlüssel dazu: ein gut ausgebautes Netz von Community-Gesundheitsmediatorinnen und -mediatoren, die gezielt Männer erreichten, die Sex mit Männern haben. Diese Gruppe ist in Teilen Dakars mit einer HIV-Prävalenz von bis zu 49,6 Prozent besonders stark betroffen.
Seit den Februarverhaftungen ist dieses Netz praktisch zusammengebrochen. Eine Erhebung des nationalen AIDS-Rats CNLS zeigt, dass an 22 Behandlungsstellen die Konsultationszahlen um 34,5 Prozent zurückgegangen sind. Peer-Mediatoren haben ihre Arbeit aufgegeben, Beratungsstellen geschlossen. «Die Patienten sagen, sie haben Angst. Sie wollen nicht verhaftet werden», sagte die Geschäftsführerin des CNLS dem Guardian. Gleichzeitig haben die US-amerikanischen Kürzungen der Auslandshilfe unter Trump Anfang 2025 die HIV-Prävention bereits geschwächt, bevor das neue Gesetz überhaupt in Kraft trat.
Cécile Kazatchkine vom HIV Legal Network bringt es auf den Punkt: Wer in einem Klima extremer Kriminalisierung lebt, geht schlicht nicht mehr zum Arzt. Kein Test, keine Behandlung, keine Prävention.
Warum das auch uns angeht
Es wäre bequem, das als westafrikanisches Problem abzuhaken. Das ist es nicht. Was in Senegal passiert, folgt einem Muster, das sich gerade über den Kontinent zieht: In Burkina Faso wurde im vergangenen Jahr Homosexualität vollständig verboten, in Ghana liegt ein ähnlich hartes Gesetz zur Abstimmung bereit, Uganda verfolgt gleichgeschlechtliche Handlungen in bestimmten Fällen mit dem Tod.
Hinter dieser Welle stecken nicht nur lokale Moralpolitiker. Die Fingerabdrücke amerikanischer Lobbyorganisationen sind sichtbar. Und der veränderte politische Wind in Washington lässt diese Netzwerke selbstbewusster operieren als je zuvor. Was jahrelang als diplomatisches Gegengewicht funktionierte, fehlt nun. Das schafft Räume, die andere füllen.
Mbaye Diouf sitzt im Gefängnis. Er wurde verurteilt, weil er in einem Land lebt, in dem eine Parlamentsmehrheit beschlossen hat, dass sein Leben unter Strafe steht. Sechs Jahre. Für etwas, das keinem Menschen schadet.

Maurice Müller
Online Redakteur
DISPLAY Magazin
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