Herr Prof. Dr. med. Braun, wie sieht es aktuell aus mit Test-Strategien auf sexuell übertragbare Infektionskrankheiten?
Bis vor kurzem wurde Personen mit einem erhöhten Risiko für sexuell übertragbare Infektionskrankheiten (STI) eine regelmässige, zum Teil dreimonatliche Testung auf Chlamydien, Tripper, Syphilis und HIV empfohlen. Dies auch dann, wenn die Personen keine Symptome einer STI hatten.
Mittlerweile konnten Studien zeigen, dass bei einer Nichtbehandlung von Tripper und Chlamydien Folgekomplikationen wie Unfruchtbarkeit sehr selten sind und das Immunsystem einen Grossteil der Infektion von alleine wieder aus dem Körper schafft. In der Schweiz sind wird daran, die Testempfehlung diesbezüglich anzupassen. Weder die kategorische Empfehlung zum Testen bei Personen ohne Symptome noch die kategorische Ablehnung der Testungen ist meiner Meinung nach sinnvoll. Es sollte stattdessen individuell mit den Personen angeschaut werden, ob eine Testung sinnvoll ist, zum Beispiel bei Personen in einer offenen Partnerschaft oder vor Beginn einer Partnerschaft oder bei bisexuellen Männern, die auch Sex mit Frauen haben.
Wichtig ist zu betonen, dass HIV und Syphilis weiterhin niederschwellig getestet werden sollten, da diese Infektion auch bei Personen ohne Symptome negative Langzeitfolgen haben können.
Für wen ist die Doxy-Pep geeignet? Welches sind die Vor- und Nachteile?
Die Doxy-Pep sollte in erster Linie Männern die Sex mit Männer (MSM) oder transgender Frauen angeboten werden, die Sex mit Männern haben und Sex ohne Kondom mit wechselnden Partnern praktizieren und vor Beginn der Doxy-PEP bereits von einer bakteriellen STI (wie Syphilis, Chlamydien, Tripper) betroffen waren. In dieser Population bietet die Doxy-PEP bei korrektem Einsatz einen hohen Schutz gegen Chlamydien und Syphilis, viel weniger aber gegen Tripper.
Nachteilig können individuell unerwünschte Nebenwirkungen wie Übelkeit oder eine erhöhte Sonnenlichtempfindlichkeit sein. Zudem auf Populationsebene eine negative Beeinflussung der Gesamtheit aller Mikroorganismen, die uns Menschen besiedeln (Mikrobiom) oder theoretisch auf die Begünstigung von Resistenzentwicklung gegen Antibiotika.
Ammar Alexander Braun führt die Praxis Braun als Praxismanager und ist für die strategische Weiterentwicklung verantwortlich. Er ist der Ehemann von Dominique Braun.
Wie steht es um die Problematik der Antibiotikaverschreibungen?
Grundsätzlich gilt: Antibiotika nur, falls die ärztliche Beurteilung zum Schluss kommt, dass mit hoher Wahrscheinlichkeit eine bakterielle Infektion die Ursache der Beschwerden des Patienten ist. In vielen Fällen kann man mit Antibiotika zuwarten, zum Beispiel wenn die Symptome nur mild sind oder mit hoher Wahrscheinlichkeit durch Viren verursacht sind, zum Beispiel bei Schnupfen, Halsschmerzen, etc. Ein immer grösser werdendes Problem sind Resistenzen gegen die gängigen Antibiotika, das heisst, dass bakterielle Infektionen nur noch mit teuren und mehrmals täglichen intravenösen Antibiotika-Therapien geheilt oder in seltenen Fällen gar nicht mehr behandelt werden können.
Ein globaler Bericht vor einigen Jahren kam zur Einschätzung, dass bis zum Jahr 2050 mehr Personen an den Folgen von Infektionen durch Antibiotikaresistente Bakterien versterben werden als an Krebs. Das Problem geht uns also alle an und kann nur durch gemeinsame Bemühungen angegangen werden.
Impfungen: welche sollte man in den Zielgruppen empfehlen?
Aus aktuellem Anlass die Impfung gegen M-POX bei bisher ungeimpften MSM und Trans-Personen mit häufig wechselnden Sexualpartnern. Sinnvoll ist für in der Schweiz wohnhafte Personen in fast allen Fällen die Impfung gegen die durch Zecken übertragbare Hirnhautentzündung (FSME). Daneben gilt es aufgrund des Alters, Reiseverhaltens oder anderen Risiken wie zum Beispiel einer Immunschwäche bei Personen mit HIV abzuschätzen, ob weitere Impfungen wie zum Beispiel gegen Lungenentzündung (Pneumokokken-Impfung) sinnvoll sind.
Zur Person
Prof. Dr. med. Dominique Laurent Braun verfügt über langjährige Erfahrung in der Behandlung von Menschen mit HIV, Hepatitis B und C sowie sexuell übertragbaren Infektionen. Darüber hinaus gehört die Behandlung von Erkrankungen aus dem gesamten Spektrum der Infektiologie und der Allgemeinen Inneren Medizin zu seinen ausgewiesenen Kompetenzen.
Praxis Braun
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