Sexworker  und Fotograf

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Vincent Wechselberger porträtiert Queers, die Sex für Geld anbieten. In einem neuen Buch zeigt der nebenberufliche Sexarbeiter Bilder aus dem Berufsalltag seiner Kolleg:innen.

Vincent Wechselberger steht in einer rotbraunen Lederjacke, mit kurzen verwuschelten Locken und einem schelmischen Grinsen vor einem hippen Café in Berlin Friedrichshain. In seinen Händen hält er eine Ausgabe seines Fotobuches «Ready». Während er seinen Kaffee mit Hafermilch bestellt, erzählt er von aktuellen Ausstellungen seiner Fotografie und erwähnt in einem Nebensatz, dass er selbst Sexarbeiter ist. 

Wer ist Vincent?

Aufgewachsen in einem kleinen Dorf in Österreich, kam Wechselberger mit 18 allein nach Berlin. Er arbeitete im Anne Frank Zentrum, hat Ausstellungen begleitet und gleichzeitig das Nachtleben erkundet. Berlin hat ihm eine neue Perspektive aufgezeigt und ihn in Kontakt mit anderen jungen Queers gebracht. 

«Ich habe gerade erst eine Ausstellung in meinem Heimatort St. Pölten gehabt, in der ich queere Menschen aus der Region fotografiert habe. Ich habe sie ‚Home Coming‘ genannt, weil ich
damals gegangen bin. Ich dachte, ich bin allein, der Einzige. Dass sich etwas ändert und auch in ländlicheren Gegenden queere Personen sichtbarer werden und Communitys entstehen, ist mir ein Anliegen», sagt der 26-Jährige heute. 

Wechselberger wirkt ausgeglichen, reflektiert und doch erinnert er sich auch, dass dies längst nicht immer so war. Seine ersten Jahre in Berlin waren von wilden Partys, Sex und Drogen durch-
zogen. Ganz hinter sich gelassen hat er das alles zwar noch längst nicht, aber er sei heute kontrollierter, treffe bewusstere Entscheidungen und müsse auch immer wieder mal raus aus Berlin, um
atmen zu können.  

Neugierig auf Sexarbeit

Neugierde und eine gewisse Naivität haben auch zu seinem ersten Mal als Sexarbeiter geführt. Wie viele junge Männer hat auch er immer wieder Nachrichten auf Dating Apps bekommen, in denen nebst dem Vorschlag für ein sexuelles Treffen auch von einem Taschengeld die Rede war. «Es war und ist für mich leicht verdientes Geld, da ich mich sowieso zu älteren Männern hingezogen fühle», meint er. Scham empfindet er keine.

Mittlerweile arbeitet der heute 26-Jährige seit acht Jahren nebenberuflich als Sexarbeiter. Die meisten Klienten finden ihn auf Hunqz, einer Plattform für queere Sexarbeiter, die mit der Datingplattform Planet Romeo verbunden ist. 

Die Erfahrungen variieren. Früher habe er seine Klienten oft high getroffen, sich benutzen lassen und die Kontrolle abgegeben. Die Bestätigung, die er durch das Begehren seiner Klienten bekommen hat, war für ihn ebenso wichtig wie das Geld. Er hat die Phantasien seiner Kunden erfüllt und schnell erkannt, wie viel Spass er daran hat, sich verschiedene Figuren auszudenken, die er spielt. So ist er für die meisten Klienten nicht Vincent, sondern Liam. Mal naiver, mal kulturell gebildet, dann wieder ein Berliner Partykid – das Ausleben verschiedener Seiten seiner Persönlichkeit bereitet ihm Freude. 

Sex und tiefe Gefühle

«Schnell habe ich gemerkt, dass ich oftmals gar nicht für den Sex gebucht werde, sondern für die Gespräche und die Zweisamkeit.» Deshalb beinhaltet sein Service auch die sogenannte Boyfriend-Experience, in der er teils für ein ganzes Wochenende gebucht wird und zu der nebst Sex auch gemeinsame Erlebnisse dazugehören. Gleichzeitig gab es Momente, die ihm aufgezeigt haben, dass er etwas ändern muss, wenn er mental stabil sein möchte. Denn nebst der sexuellen Dienstleistung, lädt man auch den Ballast seiner Kunden auf sich, die bei Treffen teils zutiefst intime Gefühle und Erfahrungen mit ihm teilen.

Nach einer zweijährigen Therapie, die mittlerweile zu einem monatlichen Coaching umgewandelt wurde, fühlt er sich wieder im Reinen mit sich und geht selbstbewusster an seine Arbeit heran. Auch sein Freundeskreis und die Unterstützung seiner Familie bestärken ihn. Gleichzeitig ist Vincent sich auch bewusst, dass er dank seiner anderen beruflichen Standbeine auch nicht finanziell darauf angewiesen ist. Er kann seine höheren Preise durchsetzen, muss sich nicht für einen Fünfziger verkaufen und wählt seine Klienten vor allem danach aus, ob die Atmosphäre passt. «Das Aussehen spielt mir keine Rolle. Hygiene und Respekt sind mir dagegen sehr wichtig.» 

Manche seiner Treffen haben für ihn richtige Highlights dargestellt. So wurde er eine Zeitlang von einem reichen Paar aus Paris für gemeinsame Wochenende eingeflogen. «Da wurde ich dann am Flughafen von einem privaten Chauffeur abgeholt und in ein 5 Sterne-Hotel gebracht. Nebst dem Sex ging es vor allem um gemeinsame Aktivitäten. Wir haben Museen, kulturelle Veranstaltungen besucht und waren chic Essen. So etwas liebe ich!» 

Fotografie

Dass er Fotograf ist, finden auch viele seiner Kunden interessant. An der Ostkreuzschule für Fotografie hat Vincent sein Studium absolviert und sich intensiver mit der visuellen Dokumentation auseinandergesetzt. «Mir war relativ schnell klar, dass sich meine Abschlussarbeit mit queerer Sexarbeit auseinandersetzen wird», erinnert er sich. 

2022 hat er ein erstes Konzept entwickelt und seinen guten Freund Oskar als erste Person für sein Fotobuch fotografiert. «Angefangen hat alles hier in Berlin. Wir haben in einem typischen Berliner Hinterhofhaus geshootet, Gespräche geführt und ich habe seinen Tascheninhalt fotografiert». Die Idee dahinter: was braucht es für ein Treffen mit einem Klienten. 

Fotobuch «Ready»

Daraus ist «Ready» entstanden, Wechselbergers erstes Fotobuch. Der junge Fotograf dokumentiert darin die Vorbereitungsroutinen verschiedener Sexarbeiter*innen in unterschiedlichen Metropolen. Von Berlin über London, Wien, New York, Mexico City bis nach Bangkok ist er gereist, um Arbeitskolleginnen zu treffen, sich die Szenen anzuschauen und Fotos zu schiessen. Dabei seien nicht nur besondere Fotografien, sondern auch intime Gespräche entstanden. Er hat alle Teilnehmenden bezahlt. Zu prekär sei die finanzielle Lage von manchen gewesen. Trotzdem meint er, dass alle Portraitierten Sexarbeit aus freiem Willen machen. Natürlich seien manche finanziell abhängiger davon, trotzdem war ihm wichtig, keinen Fokus auf Zwangsprostitution zu legen. 

«Auch wenn wir alle in unterschiedlichen kulturellen und sozioökonomischen Strukturen leben, so unterscheiden sich unsere Struggles und schönen Momente kaum voneinander», erzählt
Vincent und berichtet, wie ihn eine Bekannte aus Mexico City mit trans Frauen, die auf dem Strassenstrich arbeiten, in Kontakt gebracht hat. Im Mittelteil des Fotobuches finden sich die Gespräche in Textform. Es geht um Momente der Wertschätzung, Selbstschutz und um einen Arbeitsalltag, der selten so ehrlich und offen beleuchtet wird.

Für Wechselberger ist sein Fotobuch ein Start. Aktuell hat er kaum Zeit für Sexarbeit. «Ich vermisse es, aber gleichzeitig reise ich jetzt für Ausstellungen durch die ganze Welt, darf über Themen sprechen, die mir am Herzen liegen und freue mich schon auf weitere Fotoprojekte.» 

Balance und Abwechslung sind ihm wichtig, er ist gern beschäftigt und beendet das Interview dann auch, da er zu seiner Schicht in einer Kiezbar aufbrechen muss. 

 

 


Vincent Wechselberger: Ready 

Ein humanistisches Portrait der queeren Sexarbeit. 140 Seiten, Farbe. Erhältlich für 40 Euro auf der Homepage des Fotografen: vincentwechselberger.work

 

Josia Jourdan

Redaktion
DISPLAY Magazin

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Veröffentlicht:

14.02.2025

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