«Ich bin 23 und habe noch nie einen HIV-Test gemacht». Das schrieb ein DISPLAY-Leser, der sagt, er stehe der Manosphere nahe. Er sieht HIV nur als «gelöstes Problem», lebt aber gleichzeitig mit Syphilis-Wellen, HPV-Risiken und PrEP-Halbwissen. Offenbar weiss der junge schwule Mann nicht allzu viel über die Risiken des Sex. Er hat viel Spass im Bett, sieht Geschlechtskrankheiten aber als etwas an, das nur die Alten trifft… Ist die junge Generation wirklich so ahnungslos, Marc?
Marc Eggenberger: Nein. Mich erstaunt die Prämisse, dass «die Jugend unwissend» sein soll. Diese Wahrnehmung teilen wir so nicht. Im Gegenteil: Die Daten aus den 3-Wellen EMIS-Umfragen zeigen: Jüngere Menschen sind öfters geimpft, sind gleich oft oder sogar öfter getestet und im Durchschnitt nicht häufiger von STI betroffen als andere Altersgruppen.
Wo wir hingegen einen klaren Altersunterschied sehen, ist bei negativen Erfahrungen im Alltag und im Gesundheitswesen in Bezug auf sexuelle Orientierung und Geschlechtsidentität. Der Bedarf an Safer Spaces und vertrauenswürdigen Anlaufstellen scheint bei jungen Queers höher.
Unsicherheiten haben wir alle, unabhängig vom Alter. Entscheidend ist die Frage: Wo kann ich meine Fragen offen stellen, ohne bewertet zu werden? Wo erhalte ich verlässliche Informationen zu sexueller Gesundheit und Zufriedenheit? Diesen Bedarf sehen wir über alle Altersgruppen hinweg und setzen unsere Angebote zielgruppenspezifisch da an, unter anderem über Social Media, Web und Print.
DISPLAY: Marc, die Aids-Hilfe bildet im Mai Gratis-Tests zu HIV und Syphilis an. Warum das?
Regelmässiges Testen gehört für viele Männer und trans Personen, die Sex mit Männern haben, inzwischen zur Routine; aber noch nicht für alle. Hier setzt die Dr. Gay-Testkampagne im Mai an: Wir wollen Hürden abbauen und Menschen erreichen, die sonst nicht testen gehen.
Ein kostenloser HIV- und Syphilis-Test im Mai senkt die finanzielle und psychologische Einstiegsschwelle und schafft einen Anlass, sich mit dem eigenen Gesundheitsstatus auseinanderzusetzen; in einem geschützten, vertraulichen Rahmen.
Mit welchen Fragen werdet Ihr bei eurer Arbeit konfrontiert?
Anfragen erhalten wir viele. Die Informationsflut – besonders über soziale Netzwerke – ist gross, Grundwissen oft vorhanden. Unsere Rolle ist deshalb vor allem, eine sichere und verlässliche Quelle zu sein: Wissen einzuordnen, Mythen zu korrigieren und realitätsnahe Empfehlungen zu geben. Unsicher? Jung bis Alt kann sich bei Dr. Gay beraten lassen und findet Antworten auf die eigenen Fragen.
Welches ist der neue Fokus der Aids-Hilfe Schweiz?
Im Kern sind wir immer noch gleich wie am Gründungstag: Wir sind eine aktivistische Organisation. Wir setzen uns gemeinsam mit Betroffenen für die Gesundheit der Community und für sexuelle Selbstbestimmtheit ein.
Was sich verändert hat, ist unser Blick: Sexuelle Gesundheit verstehen wir heute breiter, aber auch politischer. Wir sehen, dass nicht alle Menschen die gleichen Zugänge zu Information, Prävention, Tests oder Versorgung haben. Darauf reagieren wir, indem wir Ungleichheiten benennen, Barrieren abbauen und jene stärken, die im System übersehen werden.
Euer Fokusthema lautet Impfen/Schützen/Testen: Was hat es damit auf sich?
Das Verständnis von Safer Sex ist bei uns ein Vierklang: Impfen, Schützen, Testen und Behandeln. Wer sich an diese Schritte erinnert, sorgt gut für sich und kann die eigene Sexualität selbstbestimmt und ohne Sorgen ausleben.
Welche Impfungen sollten wir machen lassen und warum?
Für Männer und trans Personen, die Sex mit Männern haben, empfehlen wir folgende Impfungen:
▶ HPV
Humane Papillomaviren (HPV) werden über direkten Körperkontakt, insbesondere über Schleimhautkontakt und hauptsächlich sexuell übertragen. Auch eine indirekte Übertragung über Gegenstände (zum Beispiel Sextoys) oder Oberflächen ist möglich. Bestimmte HPV-Typen können Krebs im Genital- und Analbereich sowie im Rachenraum verursachen. Andere HPV-Typen können zu Genitalwarzen führen. Eine Impfung schützt vor einer Infektion mit den gefährlichsten Virentypen und vor schweren Verläufen. Die Impfung ist bis 27 kostenlos, aber auch danach kann sie sich noch lohnen.
▶ Hepatitis A/B
Hepatitis ist eine infektiöse Leberentzündung. Verschiedene Hepatitis-Viren können beim Sex übertragen werden. Gegen Hepatitis-A- und Hepatitis-B-Viren kann man sich mit einer Impfung wirksam schützen. Die Impfung kann für beide Viren kombiniert verabreicht werden.
▶ Mpox
Eine Infektion mit dem Mpox-Virus kann zu schmerzhaftem Hautausschlag führen, auch im Anal-, Genital- und Mundbereich. Mpox überträgt sich durch engen Körperkontakt, hauptsächlich beim Sex. Die Impfung reduziert das Risiko einer Infektion. Und, ebenso wichtig: Die Impfung reduziert das Risiko für einen schweren Verlauf.
Schützen: Was empfehlt Ihr da?
Wer Sex hat, schützt sich mit Kondom oder mit PrEP vor HIV.
Andere STI, wie zum Beispiel Syphilis, übertragen sich leichter und auch ein Kondom schützt nicht zuverlässig. Denn Syphilis kann sich auch beim Küssen oder Blasen übertragen. Deshalb lohnt es sich, dank regelmässigem Testen eine Infektion frühzeitig zu entdecken und zu behandeln.
Vor HPV, Hepatitis A/B und Mpox kann man sich mit einer Impfung schützen.
Je nach persönlicher Situation kann es ausserdem sinnvoll sein, in der Beratung weitere Tests, etwa auf Chlamydien, Gonorrhoe oder Hepatitis C zu besprechen oder Impfungen gegen HPV, Hepatitis A/B oder Mpox zu prüfen.
Wie gut sind die Langzeitfolgen der PrEP erforscht?
Die wissenschaftlichen Studien reichen über mehrere Jahre, aber nicht über sehr lange Zeiträume von deutlich mehr als fünf Jahren. Jahrzehntelange Erfahrungen aus Studien gibt es daher noch nicht. Neue Erkenntnisse kommen laufend dazu.
Was man heute weiss: Bei manchen Nutzer können leichte Nebenwirkungen auftreten, zum Beispiel Magenbeschwerden oder vorübergehende Veränderungen der Nierenwerte. Schwerwiegende Probleme sind selten, und die meisten Veränderungen bilden sich nach dem Absetzen der PrEP wieder zurück.
Wer PrEP nimmt, wird medizinisch begleitet. Das bedeutet: Neben Tests auf HIV und andere STI werden auch die Nierenfunktion und die Knochengesundheit regelmässig kontrolliert. Falls sich Nebenwirkungen zeigen, werden sie früh erkannt und gemeinsam besprochen, sodass man reagieren kann.
Testen: Was ist der Vorteil? Reicht es nicht, wenn ich mich safer verhalte, unabhängig von meinem Status?
Nichts schützt zu 100 Prozent. Auch wenn du dich möglichst safer verhältst, gibt es Situationen, in denen Übertragungen trotzdem passieren können. Darum ist es am sichersten, regelmässig zu testen und den eigenen Status zu kennen. HIV wird häufig von Personen weitergegeben, die davon ausgehen, negativ zu sein, ihren Status aber nicht kennen. Nicht alle haben früh Symptome – das Virus kann lange unbemerkt bleiben. Wer seinen Status kennt, ist immer im Vorteil: Menschen, die mit HIV leben, können frühzeitig mit der Therapie beginnen und geben das Virus nicht weiter. Fällt der Test negativ aus, kannst du dich weiterhin mit Kondomen oder PrEP schützen und weisst, wo du stehst.
▶ Für HIV und Syphilis gilt:
– Menschen, die nicht mit HIV leben – unabhängig davon, ob sie PrEP verwenden oder nicht – lassen sich mindestens einmal pro Jahr und bei einer neuen Beziehung testen. Wer mehr als 1 neuen Sexpartner pro Monat hat, sollte sich alle sechs Monate testen lassen, bei drei oder mehr Partnern alle drei Monate.
– Menschen, die mit HIV leben, lassen die Viruslast und einen Syphilis-Test im Rahmen der regelmässigen Nachsorge kontrollieren.
Gegenwind für die Aids-Hilfe: Gewisse Kreise kämpfen gegen alles, was queer/divers/woke ist. Inwiefern hat dies Auswirkungen auf die queere Organisation Aids-Hilfe?
Die Aids-Hilfe Schweiz setzt sich seit über 40 Jahren für die Gesundheit und die Rechte aller Menschen ein. Wir nehmen wahr, dass die queere Community seit einiger Zeit vermehrt unter Druck gerät. Dem treten wir entgegen. Denn wenn einzelne Gruppen angegriffen werden, betrifft das die Freiheit der gesamten Gesellschaft.
Was die Prävention in der Schweiz unter Druck setzt, ist der Spartrend auf Bundesebene. Während die medizinische Versorgung in der Schweiz auf hohem Niveau ist, wird in der Prävention gespart. Das Bundesamt für Gesundheit hat Mittel für die nationale STI-Prävention gekürzt, darunter für die Love Life-Kampagne. Gleichzeitig zeigt der aktuelle BAG-Bericht eine klare Entwicklung: Mehrere sexuell übertragbare Infektionen stagnieren auf hohem Niveau oder nehmen weiter zu:
– Die Gonorrhoe-Fälle sind 2024 um 11,6 Prozent auf 6805 gestiegen.
– Syphilis bleibt mit 1042 Fällen auf hohem Niveau stabil.
– Ebenso Chlamydiose mit 12’793 Fällen.
– Die HIV-Neudiagnosen sind mit 318 Fällen leicht rückläufig (2023: 357 Fälle).
Diese Zahlen machen deutlich: Prävention wirkt – aber nur, wenn sie konsequent betrieben und ausreichend finanziert wird. Testangebote, Sensibilisierungsarbeit und niederschwellige Zugänge müssen gestärkt werden, um die aktuellen Entwicklungen zu stoppen. Da sind der Bund und die Kantone in der Pflicht.
Gleichzeitig ist es wichtig, einzuordnen: Ein grosser Teil dieser Dynamik geht von kleinen, sehr lauten Kreisen aus, die gesellschaftlich weniger breit abgestützt sind, als es teilweise den Eindruck macht.
▶Infos: Aids-Hilfe Schweiz | aids.ch
Marc Eggenberger (keine, they) ist seit vier Jahren bei der Aids-Hilfe Schweiz tätig und verantwortlich für Dr. Gay. Marcs Fokus liegt darauf, Forschung verständlich, ehrlich und ohne Zeigefinger zu vermitteln. Aufgewachsen mit Dr. Sommer, weiss Marc aus eigener Erfahrung, wie wichtig vertrauenswürdige Antworten auf heikle Fragen sind, und möchte genau das für die Community weiterführen. Privat mag Marc TikTok (wirklich sehr), ist allergisch auf KI-Bilder (lieber schlechtes, selbergemachtes Grafikdesign) und verbringt den Sommer wenn möglich am Strand (dieses Jahr in Palermo).
