Queere Geschichte ist mehr als Stonewall, Pride und der Kampf um die Ehe für alle. Sie steckt in verbotenen Liebesbriefen, selbst verlegten Magazinen, mutigen Aktivist und Geschichten, die lange niemand erzählen wollte. Der LGBTQ+ History Month im Oktober lädt dazu ein, genau diese Geschichten sichtbar zu machen. Der Gedenkmonat entstand 1994 in den USA, um queere Persönlichkeiten, ihre Errungenschaften und ihre Geschichte ins Bewusstsein zu rücken.
Doch wo anfangen? Ob auf dem Sofa, in der Buchhandlung oder beim Stöbern in historischen Archiven: Diese zehn Empfehlungen führen durch verschiedene Kapitel queerer Geschichte – von Schweizer Pionier über die AIDS-Krise bis hin zu trans Sichtbarkeit und lesbischer Kultur.
1. «Der Kreis» – Schweizer Geschichte auf der Leinwand und im Archiv
Der Schweizer Film von 2014 erzählt von Ernst Ostertag und Röbi Rapp, deren Liebe im Zürich der 1950er-Jahre von gesellschaftlicher Ausgrenzung und der Gefahr eines unfreiwilligen Outings geprägt ist. Im Zentrum steht auch die gleichnamige Zeitschrift, die von 1943 bis 1967 erschien und international gelesen wurde. Wer tiefer eintauchen möchte, findet beim Schwulenarchiv Schweiz sowie auf E-Periodica historische Dokumente und digitalisierte Ausgaben. Ein faszinierender Einblick in queere Vernetzung, lange bevor es soziale Medien gab.
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Mehr Informationen2. «Stonewall Uprising» (2010) – Der Aufstand, der Geschichte schrieb
Im Juni 1969 wehrten sich queere Menschen in New York gegen eine Polizeirazzia im Stonewall Inn. Die Proteste wurden zu einem wichtigen Bezugspunkt der modernen LGBTQ+-Bewegung. Dieser Dokumentarfilm lässt Zeitzeug zu Wort kommen und zeigt, unter welchen Bedingungen queere Menschen damals lebten. Er erinnert daran, dass Pride nicht einfach ein Fest ist, sondern auch eine Geschichte des Widerstands erzählt.
3. «Disclosure» (2020) – Trans Menschen vor und hinter der Kamera
Wie hat Hollywood das Bild von trans Menschen geprägt? In dieser Dokumentation analysieren trans Schauspieler, Filmschaffende und Aktivist die Darstellung von Transidentität in Film und Fernsehen – von entmenschlichenden Stereotypen bis zu differenzierteren Rollen. «Disclosure» zeigt, weshalb Repräsentation nicht nur eine Frage der Sichtbarkeit ist, sondern auch beeinflusst, wie Menschen ausserhalb der Leinwand wahrgenommen werden.
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Mehr Informationen4. «Paris Is Burning» (1990) – Die queere Ballroom-Kultur von New York
In der New Yorker Ballroom-Szene der 1980er-Jahre fanden insbesondere Schwarze und Latinx LGBTQ+-Personen Gemeinschaft, Anerkennung und kreative Freiheit. Der Dokumentarfilm begleitet Menschen, die bei sogenannten Balls in Kategorien antreten und mit Mode, Tanz und Performance gesellschaftliche Rollenbilder herausfordern. Gleichzeitig wirft er Fragen zu Rassismus, Armut und Zugehörigkeit auf. Ein prägender Film über eine Kultur, deren Einfluss bis in die heutige Popmusik und Mode reicht.
5. «Giovanni’s Room» von James Baldwin – Ein Klassiker über Begehren und Scham
James Baldwins 1956 erschienener Roman erzählt von David, einem Amerikaner in Paris, der zwischen gesellschaftlichen Erwartungen und seinen Gefühlen für Giovanni hin- und hergerissen ist. Mit psychologischer Präzision beschreibt Baldwin, wie Scham, Angst und Selbstverleugnung Beziehungen zerstören können. Das Buch gilt als wichtiger Klassiker der queeren Literatur – nicht zuletzt, weil es komplexe schwule Figuren ins Zentrum stellt, ohne ihre Geschichte auf ihre Sexualität zu reduzieren.
6. «Stone Butch Blues» von Leslie Feinberg – Leben jenseits starrer Geschlechternormen
Leslie Feinbergs Roman folgt Jess Goldberg, einer gender-nonkonformen Person, die im Amerika der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts ihren Platz sucht. Zwischen Gewalt, Ausgrenzung, Arbeiter und queeren Gemeinschaften erzählt das Buch von der Suche nach Identität und Solidarität. Es eröffnet einen wichtigen Zugang zu den Erfahrungen von trans und gender-nonkonformen Menschen und zeigt, wie eng persönliche Freiheit mit gesellschaftlichen Machtverhältnissen verbunden sein kann.
7. «The Celluloid Closet» (1995) – Wie Hollywood queere Figuren geprägt hat
Queere Figuren waren im Kino lange präsent, aber selten so, wie sie sich selbst dargestellt hätten. Der Dokumentarfilm untersucht anhand zahlreicher Filmszenen, wie Hollywood Homosexualität über Jahrzehnte codiert, karikiert oder als tragisches Schicksal inszeniert hat. Wer verstehen möchte, wie Popkultur unsere Vorstellungen von Liebe, Geschlecht und Sexualität beeinflusst, bekommt hier viel Stoff zum Weiterdenken.
8. «And the Band Played On» von Randy Shilts – Die Geschichte der AIDS-Krise
Wie reagierten Politik, Medizin und Gesellschaft auf die ersten Jahre der AIDS-Krise? Der 1987 erschienene Sachbuchklassiker des Journalisten Randy Shilts dokumentiert die Ausbreitung der Epidemie in den USA und untersucht, wie Vorurteile, institutionelle Versäumnisse und politische Untätigkeit den Umgang mit der Krise prägten. Das Buch ist eine eindringliche Erinnerung an die Menschen, die starben, an die Communities, die füreinander einstanden, und an den Aktivismus, der Veränderungen einforderte.
9. «Fun Home» von Alison Bechdel – Eine queere Familiengeschichte als Graphic Novel
In dieser autobiografischen Graphic Novel verarbeitet Alison Bechdel ihre Kindheit, ihre eigene lesbische Identität und das komplizierte Verhältnis zu ihrem Vater, dessen Homosexualität erst nach seinem Tod deutlicher in den Mittelpunkt rückt. Mit literarischen Anspielungen, schwarzem Humor und einer ungewöhnlich offenen Erzählweise verbindet Bechdel persönliche Erinnerungen mit Fragen zu Geschlecht, Sexualität und familiären Geheimnissen. Ein Beispiel dafür, wie sich queere Geschichte auch im Privaten und in den Beziehungen zwischen Generationen zeigt.
10. «Sister Outsider» von Audre Lorde – Warum Unterschiede politisch sind
In dieser Essaysammlung und den Reden der Schwarzen lesbischen Schriftstellerin und Aktivistin Audre Lorde treffen persönliche Erfahrungen auf politische Analyse. Lorde schreibt über Rassismus, Sexismus, Homophobie und die Bedeutung, Unterschiede nicht zu verdrängen, sondern als Ausgangspunkt für Solidarität zu verstehen. Ihre Texte sind ein wichtiger Beitrag zu intersektionalem Denken und zeigen, weshalb queere Befreiung nicht losgelöst von anderen Kämpfen für Gerechtigkeit betrachtet werden kann.
Queere Geschichte ist auch unsere Geschichte
Diese zehn Werke sind nur ein Anfang. Queere Geschichte besteht nicht allein aus berühmten Namen und grossen Protesten, sondern auch aus alltäglichen Beziehungen, Freundschaften, Treffpunkten und Menschen, deren Geschichten kaum dokumentiert wurden. Gerade in der Schweiz lohnt sich deshalb ein Blick in historische Archive und lokale Sammlungen.
Denn wer die Vergangenheit kennt, versteht besser, was sich verändert hat, was erkämpft werden musste und welche Geschichten noch immer mehr Aufmerksamkeit verdienen. Der Oktober ist ein guter Anlass, damit anzufangen – und vielleicht bleibt es ja nicht bei einem Filmabend.
