«Haltet mir einen Platz frei»
Pete Buttigieg, einst der erste offen schwule Verkehrsminister der USA, deutet eine Präsidentschaftskandidatur für 2028 an. Die Frage ist nicht mehr, ob er antritt – sondern ob er gewinnen kann.
Ein Restaurant in Harlem, ein Reverend mit gutem Gedächtnis, und ein Satz, der in Sekunden die amerikanische Twittersphäre überflutete. Al Sharpton, Bürgerrechtsikone und MS-NBC-Moderator, sprach Pete Buttigieg beim Kongress des National Action Network am 10. April in New York auf ein gemeinsames Mittagessen an – das letzte datierte von Buttigiegs erstem Präsidentschaftswahlkampf 2020. «Soll ich einen Tisch bei Sylvia’s reservieren?», fragte Sharpton. «Wirst du wieder antreten?» Buttigiegs Antwort war kurz und wurde umgehend als Ankündigung gelesen: «Haltet mir einen Platz frei. Ich werde da sein.»
Ein Sprecher teilte anschliessend mit, die Kampagne habe dazu nichts hinzuzufügen. Was für sich genommen schon eine Art Antwort ist.
Buttigieg hat keine Kandidatur erklärt. Das muss er auch noch nicht: Die Midterms im November 2026 kommen zuerst, und erst danach dürften die grossen Ankündigungen folgen. Aber was er in den vergangenen Monaten tut, lässt sich schwer anders lesen als eine systematische Vorbereitung. Er tourt durch frühe Vorwahlstaaten – New Hampshire war bereits sein dritter Besuch in einem solchen Staat seit seinem Ausscheiden als Verkehrsminister. Er schärft sein öffentliches Profil als schlagfertiger Trump-Kritiker. Und er hat eine politische Aktionsorganisation namens «Win the Era» gegründet, um demokratische Kandidaten zu unterstützen – und, so die gängige Lesart, um Netzwerke aufzubauen, die er selber brauchen wird.
Der Mann, der den Tisch kennt
Wer Pete Buttigieg ist, lässt sich in wenigen Sätzen erzählen, die aber jeder für sich etwas bedeuten. Er wurde 1982 in South Bend, Indiana, geboren, studierte Geschichte und Literatur in Harvard, dann Philosophie in Oxford als Rhodes-Stipendiat, arbeitete für McKinsey, diente in der Marine, wurde mit 29 Jahren zum Bürgermeister von South Bend gewählt – der jüngste Bürgermeister einer amerikanischen Stadt dieser Grössenordnung zu diesem Zeitpunkt. 2015 outete er sich in einem Essay in der «South Bend Tribune». 2018 heiratete er Chasten Glezman, heute Buttigieg, einen Lehrer. Gemeinsam adoptierten sie 2021 Zwillinge, Gus und Penelope.
2020 kandidierte er als erster offen schwuler Bewerber um eine grosse US-Präsidentschaftsnominierung – und gewann als solcher die demokratischen Vorwahlen in Iowa, historisch und unübersehbar. Nach seinem Rückzug aus dem Rennen und der Wahlniederlage Trumps berief ihn Joe Biden als Verkehrsminister, womit Buttigieg zum ersten offen schwulen Kabinettsmitglied der amerikanischen Geschichte wurde.
Vorne in den Umfragen, aber nicht überall
In New Hampshire, dem ersten Vorwahlstaat der Demokraten, führt Buttigieg derzeit klar. Eine Umfrage des Saint Anselm College vom März 2026 sieht ihn bei 29 Prozent – doppelt so viel wie Gavin Newsom, der mit 15 Prozent folgt. Auch die Emerson-Umfrage vom gleichen Monat bestätigt seine Führung. Das ist bemerkenswert, weil New Hampshire kein symbolischer Ort ist: Wer dort früh führt, hat zumindest das Momentum im Rücken.
Auf nationaler Ebene sieht das Bild anders aus. In aggregierten Umfragen liegt Kamala Harris noch immer vorn, getragen von Bekanntheit und starker Unterstützung unter schwarzen Wählerinnen und Wählern – einer Gruppe, mit der Buttigieg 2020 seine grösste Schwäche offenbarte. Das Feld ist ausserdem breit: Newsom, Alexandria Ocasio-Cortez, Josh Shapiro und andere beobachten die Entwicklung genau.
Die offene Frage für Buttigieg ist also nicht, ob er der charismatischste Debattierer im Raum wäre. Die ist weitgehend beantwortet. Die Frage ist, ob er eine demokratische Koalition zusammenbringen kann, die breit genug ist, um Donald Trump oder JD Vance zu schlagen.
Was es bedeuten würde
Ein offen schwuler Präsident der Vereinigten Staaten wäre, nüchtern betrachtet, keine Kleinigkeit. Nicht weil Sichtbarkeit ein politisches Programm ersetzt – das tut sie nicht – sondern weil das Weisse Haus in der globalen Symbolik der Demokratie eine Funktion hat, die über Innenpolitik hinausgeht. Und weil es in einem Land, das gerade dabei ist, LGBTQ-Rechte auf staatlicher Ebene zurückzudrehen, eben doch einen Unterschied macht, wer im Oval Office sitzt.
Sharpton meinte hinterher, Buttigieg sei «viel entspannter» gewesen als 2020. Damals sei er bei 60 von 100 Punkten gewesen – diesmal bei 75.

Maurice Müller
Online Redakteur
DISPLAY Magazin
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