Am einen Tag behandelt er Kinder im Kinderspital Zürich, am nächsten sitzt er im Bundeshaus. Michael Pereira, 32, aus dem Wallis, ist Assistenzarzt – und seit August 2025 Mister Gay Europe. Für ihn ist der Titel ein Sprungbrett: Mit seinem Verein Safe to Grow will er, dass sich queere Menschen im Gesundheitswesen sicher fühlen. SRF «Reporter» hat ihn dabei über Monate begleitet.
Ein Viertel erlebt Diskriminierung
Laut einer Studie von 2023 hat ein Viertel der LGBTQI+-Personen im Gesundheitswesen schon Diskriminierung erlebt. Eine Schweizer Studie zeigt: Befragte LGBT-Personen verzichten aus fehlendem Vertrauen mehr als doppelt so häufig auf medizinische Hilfe wie die übrige Bevölkerung.
Die 20-jährige Valerie erzählt in der Sendung, wie sich bei Arztbesuchen plötzlich alles darum dreht, dass sie trans ist – sogar bei einer Blasenentzündung. «Man fühlt sich wie ein Zootier», sagt sie. Heute wartet sie länger, bis sie Hilfe sucht.
Michael kennt die Unsicherheit auch von der anderen Seite. «Sogar ich komme teils an meine Grenzen», sagt er. «Wie sollen Leute, die sich noch nie mit dem Thema auseinandergesetzt haben, wissen, wie damit umgehen?» In seinem Medizinstudium, vor fünf Jahren, gab es dazu keine einzige Vorlesung.
Rückenwind im Bundeshaus
Bei SP-Nationalrätin Anna Rosenwasser findet Michael ein offenes Ohr. Sie hört solche Geschichten seit Jahren – von der Therapeutin über den Hausarzt bis zur Operation – und spricht von einem strukturellen Problem. SVP-Nationalrätin Nina Fehr Düsel sieht es anders: «Für mich braucht es das nicht.»
Zurück in Zermatt
Warum Michael so viel Energie in sein Projekt steckt, zeigt die Reise nach Zermatt, wo er aufgewachsen ist. Als Bub traute er sich nicht, bei Regen den Schirm aufzuspannen – aus Angst, nicht männlich genug zu wirken. Auf YouTube kursierten Videos, wie er sich die Schuhe bindet, betitelt mit «So binden schwule Männer Schuhe». Erst an der Kanti in Brig, mit 18 oder 19, stand er zu sich.
Seine Eltern, die heute wieder in Portugal leben, sehen es so: «Deshalb ist deine Arbeit so wichtig. Du kannst verhindern, dass andere Kinder und Jugendliche das Gleiche durchmachen müssen.»
Erste Schulungen, erster Preis
Der Start war harzig – viele Anfragen blieben ohne Erfolg, auch das Kinderspital lehnte einen Forschungsantrag ab. Dann kommt Post aus Basel: Die Fachstelle für Gleichstellung des Kantons Basel-Stadt unterstützt das Vorprojekt 2026 mit 5000 Franken.
In Aarau gibt Michael seine erste Schulung vor angehenden Pflegefachpersonen. Kein Frontalunterricht, sondern ehrliche Fragen: Wer geht auf der Geburtenabteilung automatisch davon aus, dass ein Kind Mama und Papa hat? In den nächsten vier Monaten folgen neun weitere Schulungen, die Fachhochschule Nordwestschweiz begleitet das Projekt wissenschaftlich.
Und dann das Berner Münster: Am Swiss Diversity Award gewinnt Safe to Grow in der Kategorie LGBTQIA+ Inclusion. «Dieser Award geht … an alle queeren Kinder oder Teenager da draussen, die ihren Platz auf dieser Welt noch suchen», sagt Michael auf der Bühne.
Die ganze Doku gibt es auf SRF Play.
