Wer heute früh ins Bett geht, schläft nicht einfach. Er betreibt Sleepmaxxing. Wer abends zu Hause bleibt, Chips isst und einen Film schaut, nennt das Cozymaxxing. Und wer im Büro jede Aufgabe an die KI abgibt, ist beim Tokenmaxxing. Das amerikanische Online-Wörterbuch Dictionary.com hat «maxxing» zum Wort des Jahres 2026 gekürt. Es setzte sich gegen «affordability», «data center», «odyssey» und «unc» durch.
Gemeint ist, eine Sache bis zum Anschlag zu treiben oder einen Bereich des eigenen Lebens so weit wie möglich zu optimieren. Steve Johnson, Leiter der Lexikografie bei der Dictionary Media Group, sieht darin den sprachlichen Ausdruck einer Kultur, die aus allem das Maximum herausholen will. Im August tauchte das Wort in digitalen Medien fast 19-mal häufiger auf als im Monatsschnitt des Vorjahres.
Vom Gamer-Jargon ins Männerforum
Die Wurzeln sind harmlos: «max», «maximieren», die Kreditkarte ausreizen. In Rollenspielen heisst es Min-Maxing, wenn man die Stärken einer Figur so hochzieht, dass ihre Schwächen keine Rolle mehr spielen. Irgendwann fiel das «Min» weg, dafür kam ein zweites X dazu.
Richtig Fahrt nahm das Wort aber an einem Ort auf, den man lieber nicht besucht. Schon 2015 taucht «Looksmaxxing» in archivierten Internetdaten auf, also das gezielte Aufpolieren des eigenen Aussehens. Geprägt wurde es in Foren junger Männer, viele davon Teil der sogenannten Manosphere: Incels, Pick-up-Gurus, selbst ernannte Alpha-Coaches. Ein Milieu, das Frauen verachtet, Schwule gleich mit, und Männer in eine strenge Rangordnung von Gewinnern und Verlierern einteilt. Wie laut diese Ecke im Netz geworden ist, haben wir in «Die Hater werden lauter» beschrieben.
Zunge, Hammer, Schlüsselbein
Der Einstieg wirkt noch vernünftig: Krafttraining, Hautpflege, ein neuer Haarschnitt. Dann kommt Mewing, das ständige Pressen der Zunge an den Gaumen für eine markantere Kieferlinie. Und ganz unten im Kaninchenbau wartet Bone Smashing. Junge Männer schlagen sich mit einem Hammer ins Gesicht, weil der Knochen angeblich kantiger nachwächst. Das ist nicht nur Unsinn, es ist gefährlich: Es drohen Brüche und bleibende Schäden.
Das bekannteste Gesicht der Bewegung ist der 20-jährige US-Streamer Braden Peters alias Clavicular. Den Namen hat er vom Schlüsselbein, auf Englisch «clavicle», dessen Breite er für perfekt hält. Schlagzeilen macht er inzwischen anders: Im April musste er nach einer mutmasslichen Überdosis ins Spital, sein Livestream brach dabei ab. Im Oktober plädierte er vor einem Gericht in Massachusetts in einem Vergewaltigungsfall auf nicht schuldig. Es gilt die Unschuldsvermutung.
Und wir schwulen Männer?
Hier wird es ein bisschen komisch. Vieles, was die Manosphere als revolutionäre Männerdisziplin verkauft, gehört in der schwulen Szene seit Jahrzehnten zum Alltag: fünfmal die Woche ins Gym, abends Serum, die Augenbrauen in Form. Unser Körperlexikon vom Twink zum Twunk ist im Grunde ein Looksmaxxing-Handbuch, nur mit mehr Humor und ohne Frauenhass.
Immun sind wir trotzdem nicht. Auch unter schwulen Männern ist der Druck, perfekt auszusehen, gross, und das Netz verstärkt ihn. Ein besonders schräges Beispiel ist Ballmaxxing: Männer spritzen sich Kochsalzlösung in den Hodensack, damit er grösser wirkt. Fachleute vermuten, dass es oft darum geht, anderen Männern zu imponieren. Ärztinnen und Ärzte warnen vor Infektionen und möglichen Schäden an der Fruchtbarkeit.

Halb Ernst, halb Witz
Dass ausgerechnet dieses Wort gewinnt, hat auch mit Ironie zu tun. Laut Dictionary.com steckt in «maxxing» beides: der Drang, besser zu werden, und der Spott über den Zwang, alles zu optimieren. Nonnamaxxing, also leben nach den Gewohnheiten einer italienischen Grossmutter, ist ehrlich gesagt das sympathischste Selbstoptimierungsprogramm, von dem wir je gehört haben. Sonntags Pasta, nachmittags Espresso, abends über die Nachbarn lästern.
Wer über neue Männlichkeiten nachdenkt, landet bei derselben Frage: Wie viel Arbeit am eigenen Körper ist Selbstfürsorge, und ab wann frisst einen das Optimieren auf? Vielleicht ist die beste Antwort auf das Wort des Jahres ein bewusstes Chillmaxxing. Handy weg, Gesicht in Ruhe lassen, den Hammer im Werkzeugkasten.
