Im Laufe der Jahre tauchten als Antwort auf diese patriarchalen Vorstellungen glücklicherweise auch andere Vorstellungen von Männlichkeit auf. Männer durften im Zuge des Feminismus sensibel und einfühlsam sein. Die vermeintlichen Trümpfe der «richtigen» Männer, ihre körperliche Stärke und Aggression, wurden immer unwichtiger.
Doch gegen diesen vermeintlichen Machtverlust begehren viele Kerle heute auf. In der sogenannten Manosphere, einem losen Netzwerk von Online-Räumen, zelebrieren sie das Männerbild von vorgestern. Sie möchten stark sein, Frauen dominieren und unterdrücken und die Welt durch ihre Stärke beherrschen. Die nötige Härte trainieren sie sich in Krafträumen und Boxringen an. Befeuert durch die Verbreitung des Trumpismus hat diese Form von Männlichkeit zunehmend den Mainstream durchdrungen.
Die Trump- und AfD-Boys möchten das Rad der Zeit zurückdrehen und eine heterosexuelle Hierarchie etablieren, in der Männer oben und Frauen sowie alle anderen – die Woken und Genderfluiden, die Homo- und Alternativsexuellen – unten sind. Diese Art von Maskulinität, die nun wieder Auftrieb hat, wird aktuell als Fortschritt neu definiert und für kapitalistische und faschistische Zwecke mobilisiert.
Wie kann man also Männlichkeit heute verstehen? Männlichkeit mag sich als Macht erweisen, als etwas, das verletzen kann, das ein Können vorgibt und eine Quelle von Angst und Trauma sein kann. Aber sie ist weit mehr als das. Sie umfasst auch Begierde, Schutz, Trost und Stärke.
Mit den sich im Laufe der Jahre wandelnden Männerbildern beschäftigt sich die Ausstellung «Beyond the Manosphere. Masculinities Today», die am 3. Oktober im Kunstmuseum St. Gallen eröffnet.
In dieser Ausstellung tauchen auch Klischees auf. Es sind die überlieferten Vorstellungen von Maskulinität – beständig, klebrig und zäh. Aber auch Geschichten von Liebe sind präsent, die zeigen, wie die Sichtweisen von Männlichkeit unseren Umgang miteinander prägen – und die Art und Weise, wie wir andere wertschätzen und selbst beurteilt werden.
Das Projekt vereint eine generationenübergreifende Gruppe von 36 Kunstschaffenden.
Neben jüngeren Positionen und eigens für die Ausstellung entstandenen Arbeiten versammelt es Werke aus den 1960er-, 1970er-, 1990er- und 2000er-Jahren.
Trotz ihrer unterschiedlichen Entstehungszeiten verhandeln sie Aspekte von Männlichkeit, die bis heute relevant geblieben sind.
Die Verbindung von Sexualität und Einsamkeit in Melles Gemälden erinnert an jene jungen Männer, die in digitalen Räumen als isoliert und mit ihrer sexuellen Energie alleingelassen erscheinen.
Die kitschigen neoklassizistischen Ruinen in John Millers Arbeiten rufen Assoziationen zu Trumps architektonischen Ambitionen hervor. Tetsumi Kudos radikale Philosophie der Impotenz bildet einen Gegenpol zu den pronatalistischen Fantasien von Figuren wie Elon Musk. In den Arbeiten von Mike Kelley & Paul McCarthy wird Trauma mit missbräuchlichen Mustern männlicher Dominanz verknüpft, die von Vätern an ihre Söhne weitergegeben werden.
Doch kulturelle Vorstellungswelten sind niemals bloss abstrakt. Sie beeinflussen unsere Erwartungen und Wünsche – was wir lieben und fürchten, was uns unglücklich macht oder erregt. Diese Zusammenhänge treten hervor in Sven Gex’ OnlyFans-Performances, in Sara Sadiks Film, der in der Welt eines Videospiels spielt und eine Liebesgeschichte aus der Perspektive eines Uber-Fahrers der maghrebinischen Diaspora in Marseille erzählt, in den jungen Männern in Amanda van Hesterens Filmen, ihren Gruppendynamiken und den performativen Inszenierungen von Männlichkeit in sozialen Medien sowie in der Zärtlichkeit und Intimität von Salman Toors Gemälden.
3. Oktober 2026 bis 24. Januar 2027: «Beyond the Manosphere. Masculinities Today». Kunstmuseum St. Gallen, Stadtpark, Museumstrasse 32, St. Gallen.
▶ Infos: kunstmuseumsg.ch
