Lesbische Geschichte ist queere Geschichte
Lesbische Geschichte ist queere Geschichte. Trotzdem stehen lesbische Frauen in der öffentlichen Wahrnehmung oft etwas abseits, während die LGBTQ+-Bewegung häufig mit schwulen Männern verbunden wird.
Der International Lesbian Day am 8. Oktober setzt bewusst einen anderen Akzent: Er macht lesbische Stimmen, Lebensrealitäten und Kultur sichtbar – und lädt die gesamte Community zum Mitfeiern ein.
Der Tag hat seine Wurzeln vermutlich in Australien und Neuseeland. Wann genau er entstand, ist nicht eindeutig geklärt; dokumentiert ist unter anderem ein Lesbian Day March in Neuseeland im Jahr 1980. In Australien fand 1990 in Melbourne ein erstes grösseres Event statt – mit Musik, Lesungen, Marktständen und einer gemeinsamen Feier.
Doch hinter diesem Tag steckt mehr als ein Anlass zum Feiern. Er erinnert an Generationen von Frauen, die Räume geschaffen, Gemeinschaften aufgebaut und für Sichtbarkeit gekämpft haben.
Pionierinnen der Schweizer queeren Geschichte
Auch in der Schweiz reicht die Geschichte lesbischer Organisierung weit zurück. 1931 gründeten Frauen in Zürich den Damen-Club Amicitia, eine der ersten dokumentierten lesbischen Vereinigungen des Landes. Zu den prägenden Persönlichkeiten gehörten Anna Vock, später liebevoll «Mammina» genannt, und Laura Thoma.
Schon kurz darauf entstand mit dem Freundschafts-Banner eine Publikation, die lesbischen und schwulen Menschen eine eigene Stimme gab. Die erste Ausgabe erschien Anfang 1932 und gilt als erste Schweizer Zeitschrift für homosexuelle Menschen. Was heute selbstverständlich klingt, war damals ein bemerkenswert mutiger Schritt: Informationen, Vernetzung und politische Anliegen wurden öffentlich gemacht – in einer Zeit, in der Homosexualität mit massivem gesellschaftlichem Druck und Stigmatisierung verbunden war.
Besonders bemerkenswert: Lesbische Frauen standen dabei nicht einfach am Rand einer bereits bestehenden Bewegung. Sie halfen mit, Strukturen aufzubauen. Anna Vock und ihre Mitstreiterinnen schufen Räume, in denen sich Menschen treffen, austauschen und organisieren konnten. Amicitia arbeitete zudem zeitweise eng mit schwulen Aktivisten zusammen.
Die Geschichte zeigt aber auch, wie schnell lesbische Sichtbarkeit wieder verloren gehen konnte. Nach den politischen Auseinandersetzungen rund um das Schweizer Strafgesetzbuch zogen sich die Frauen zunehmend aus der gemeinsamen Organisation zurück. Ab 1942 waren dort – mit Ausnahme von Anna Vock – keine Frauen mehr vertreten.
Solidarität in der AIDS-Krise
Ein weiteres Kapitel, das nicht vergessen werden darf, ist die AIDS-Krise.
Als HIV und AIDS in den 1980er-Jahren die queere Community erschütterten, waren schwule Männer besonders stark betroffen. Lesbische Frauen engagierten sich in dieser Zeit in der Unterstützung von Erkrankten, in der Pflege, in der Aufklärungsarbeit und in der Community. Sie halfen dort, wo Angst, Stigmatisierung und gesellschaftliche Ausgrenzung viele Menschen allein liessen.
Diese Solidarität gehört zur gemeinsamen Geschichte der LGBTQ+-Community. Sie sollte nicht als Wettbewerb verstanden werden, wer mehr geleistet hat. Vielmehr zeigt sie, was möglich ist, wenn eine Community füreinander einsteht – gerade dann, wenn die Mehrheitsgesellschaft wegschaut.
Mehr als Aktivismus: lesbische Kultur
Lesbische Geschichte besteht jedoch nicht nur aus politischen Kämpfen.
Sie findet sich in Musik, Literatur, Kunst, Film, Nachtleben, Freundschaften und Familien. Sie lebt in Bars und Buchhandlungen, in Vereinen und auf Tanzflächen, in gewählten Familien und in den Geschichten von Frauen, die sich ein Leben nach ihren eigenen Vorstellungen aufgebaut haben.
Von Sappho bis zu zeitgenössischen Künstlerinnen zieht sich eine lange Geschichte lesbischer Kreativität und Selbstbestimmung durch die Jahrhunderte. Der International Lesbian Day bietet deshalb nicht nur Anlass, zurückzublicken – sondern auch die lesbische Kultur von heute zu feiern.
Warum Sichtbarkeit noch immer zählt
Sichtbarkeit ist mehr als ein Regenbogen auf einem Plakat. Sie bedeutet, dass lesbische Lebensgeschichten erzählt werden. Dass lesbische Künstlerinnen gesehen werden. Dass junge Frauen Vorbilder finden. Und dass lesbische Identität nicht als Fussnote innerhalb einer grösseren queeren Geschichte behandelt wird.
Der International Lesbian Day ist deshalb eine Einladung an die gesamte Community: lesbische Geschichten erzählen, lesbische Kultur feiern, lesbische Organisationen unterstützen und Platz für lesbische Stimmen schaffen.
Denn wenn wir von LGBTQ+ sprechen, stehen Lesben nicht am Rand der Geschichte.
Sie gehören zu ihren Pionierinnen – und zu ihrem Fundament.
