DISPLAY: Aljosha, Ihr neues Buch trägt den Titel «Gut wird’s hier nicht mehr, aber besser». Das klingt gleichzeitig pessimistisch und hoffnungsvoll. Was meinen Sie damit?
Aljosha Muttardi: Was ich damit sagen wollte, ist, dass «gut» auch immer eine Frage der Perspektive ist. Ich würde es vermessen finden, aus meiner sehr privilegierten Perspektive zu sagen, dass doch alles gut ist oder gut werden kann, wenn aktuell Menschen in anderen Regionen dieser Welt – sei es in Palästina, im Kongo, im Sudan oder im Libanon – die Hölle auf Erden durchmachen. Auch aus der Perspektive vieler Tiere, die jeden Tag in eine Hölle geboren werden. Dennoch glaube ich, dass es besser werden kann. Aber es braucht Menschen dafür, die den Mund aufmachen. Menschen, die nicht (mehr) wegschauen. Es braucht in erster Instanz das, was ich lange Zeit auch nicht hatte: ein Bewusstsein dafür, wo und in welcher Form Ungerechtigkeiten existieren. Welche Systeme aktuell wie dazu beitragen, dass es für viele gerade nicht besser wird. Für Milliardäre allerdings wird es in den letzten Jahren zunehmend besser … also alles eine Frage der Perspektive!
Sie sprechen offen über Krisen, Ängste und gesellschaftliche Überforderung. Warum glauben Sie, dass gerade jetzt so viele Menschen das Gefühl haben, emotional am Anschlag zu sein?
Dafür gibt es nicht nur eine einzige oder einfache Erklärung. Ich denke, es kommen viele Dinge zusammen: Der politische Diskurs ist von Angst, Kulturkampf und Populismus durchzogen. Angst ist ein starker Treiber für unser Gehirn und wird deshalb als Instrument genutzt, um beispielsweise von einem Klassenkampf abzulenken. Die Schere zwischen Arm und Reich ist grösser geworden, und diese Ungleichheit befeuert auch eine Unzufriedenheit in einem System, das ausschliesslich auf Wachstum, Wachstum und noch mehr Wachstum ausgerichtet ist.
«Ich frage mich, wie die Welt aussehen würde, wenn wir dieselbe Energie, die wir ins Wirtschaftswachstum stecken, in Empathie und zwischenmenschliche Liebe investieren würden.»
Social Media und Medien generell beeinflussen zusätzlich unsere Selbstwahrnehmung, indem wir uns ständig vergleichen und das Gefühl vermittelt bekommen, dass andere es vermeintlich «besser machen», «besser aussehen» oder «mehr leisten». Fakt ist: Mieten steigen, Lebenshaltungskosten steigen, die mentale Erschöpfung steigt, und unsere Politiker*innen sind mehr damit befasst, über Gendern und Bürgergeld zu sprechen und Feindbilder zu zeichnen, als wirkliche Lösungen zu bieten, die Überreichen zu besteuern und Gelder sowie Ressourcen fairer zu verteilen.
Sie schreiben in ihrem Buch über Scham, Frustration und über Ihre Angst, nicht «normal» zu sein. Eine Furcht, die viele queere Menschen kennen. Wie konnten Sie diese internalisierte Homofeindlichkeit überwinden?
Wer sagt, dass ich das überwunden habe? 🙂 Ich denke, es ist schwierig, tiefsitzende Muster, die wir über Jahrzehnte erlernen, wieder zu verlernen. Ich glaube aber, dass mir Menschen geholfen haben, diese Muster zu erkennen. Das ist teilweise ein schmerzhafter Prozess, aber ich bin dankbar dafür. Wir werden nicht rassistisch, queerfeindlich, trans- oder fettfeindlich geboren – wir lernen, zwischen Menschen und auch zwischen Tieren zu unterscheiden. «Bestimmte Tiere sind für uns da, die dürfen wir ausbeuten, andere haben wir lieb.» «Diese Menschen sind bessere Menschen, weil sie einem Bild entsprechen, das uns als normal verkauft wurde.» Wenn wir anfangen, diese Muster zu erkennen, ist der erste Schritt getan.
«Wir werden nicht rassistisch, queerfeindlich, trans- oder fettfeindlich geboren – wir lernen, zwischen Menschen und auch zwischen Tieren zu unterscheiden.»
Welche Ungerechtigkeit macht Sie so richtig sauer?
Im Kern macht mich eher sauer, dass all die Ungerechtigkeiten meist ähnliche Ursprünge haben: Kapitalismus, Patriarchat und Rassismus/Kolonialismus. Alles muss immer wachsen, egal, was es kostet oder wen es etwas kostet. Egal, ob Menschen dabei sterben oder ausgebeutet werden, ob Tiere oder der Planet darunter leiden – Hauptsache, Wachstum für einige wenige. Leid hängt miteinander zusammen, es getrennt voneinander zu betrachten, ist sinnlos. Es sind die Systeme, die das ermöglichen, die mich wirklich wütend machen. Gehalten von mächtigen Männern, die alles dafür tun, um in dieser Position zu bleiben.
A propos Männer: Inwiefern hat sich Ihr Blick auf Männlichkeit mit den Jahren verändert?
Sehr stark! Männlichkeit ist ein soziales und in der Form, wie wir sie heute leben, oft sehr destruktives Konstrukt. Es sind Kategorien, die es uns einfacher machen, Menschen einzuordnen und zu verstehen, die aber auch dazu dienen, sie zu unterdrücken, wenn sie nicht einem bestimmten Bild entsprechen. Das sieht man allein daran, dass Männlichkeit früher mit Perücken, High Heels und Make-up verbunden wurde – etwas, wofür Menschen heute teilweise diskriminiert werden. Aktuell sehe ich Männlichkeit als etwas Destruktives. Ich würde mir aber wünschen, dass es diese Kategorien in Zukunft weniger braucht.
Sie sprechen häufig über mentale Gesundheit. Haben Sie den Eindruck, dass wir heute wirklich offener darüber reden?
Ja, im Schnitt definitiv. Sowohl Therapie als auch mentale Gesundheit werden – auch dank Social Media – heute deutlich häufiger thematisiert, und dafür bin ich sehr dankbar.
Was macht Ihnen momentan am meisten Angst?
Dass die Taktik mit der Angst aktuell aufzugehen scheint, weil bei vielen die Bedrohlichkeit der Lage noch nicht angekommen ist und sie sich mit Parteien wie der AfD letztlich ins eigene Fleisch schneiden.
Und was gibt Ihnen trotz allem Hoffnung?
Dass es dennoch viele Menschen gibt, die laut bleiben, die zuhören, die mir nach dem Buch geschrieben haben, dass sie einen kompletten Perspektivwechsel hatten. Tatsächlich ist vieles auch besser geworden, auch wenn es sich nicht unbedingt so anfühlt (z. B. ist die Kriminalität gesunken). Eine US-amerikanische Wissenschaftlerin hat einmal festgestellt, dass es lediglich 3,5 Prozent der Bevölkerung braucht, um nachhaltig etwas zu verändern. Das ist gar nicht mal so viel.
Debatten im Netz eskalieren oft schnell. Haben Sie manchmal das Gefühl, dass wir verlernt haben, miteinander über Bubble-Grenzen hinweg einen Dialog zu führen?
Ja, habe ich. Ich würde auch sagen, dass das dem politischen Diskurs folgt, also dem Populismus. Aber eben auch, dass Social Media ein solches Verhalten belohnen. Provokantes Verhalten erzeugt Klicks, generiert Aufmerksamkeit und damit Geld. Also wieder dieselben Systeme. Viele Menschen sehnen sich nach Orientierung.
Haben Sie selbst Vorbilder oder Menschen, die Ihnen Halt geben?
Mein persönliches Umfeld – besonders meine Freund*innen und auch meine Familie. Meine Vorbilder sind Menschen, die mir vorleben, wie man diese Welt besser machen kann.
Sie thematisieren auch Erschöpfung. Wie schützt man sich davor, permanent verfügbar zu sein?
Schwierig. Ich lebe ja von Social Media, daher ist es nicht leicht. Viele kennen den Spruch: Die Dosis macht das Gift. Das gilt hier auch. Ab wann schaden mir Soziale Medien, und bis wohin kann ich sie für mich nutzen? Das ist eine heikle Gratwanderung, die mir bis heute nicht gut gelingt, um ehrlich zu sein.
Um zum Schluss auf Ihren Buchtitel zurückzukommen: Was müsste passieren, damit es nicht nur «besser», sondern vielleicht doch wieder «gut» wird?
Sämtliche Unterdrückung von Mensch, Tier und Planet beenden, das Patriarchat abschaffen und die AfD verbieten ;-).
Das Buch
«Gut wird’s hier nicht mehr, aber besser» gibt Aljosha Muttardi tiefe Einblicke in sein Leben. Er spricht offen über die prägendsten Phasen seines Lebens und teilt seine persönlichsten Momente: Er erzählt von der grossen Scham und Angst, die sein Coming-out begleiteten, und dem ständigen Gefühl, «nicht normal» zu sein. Er spricht über Leistungsdruck, Selbstzweifel und die Notwendigkeit, der mentalen Gesundheit Raum zu geben – in einer Welt, die permanente Performance verlangt.
Wie bleiben wir in einer Welt voller Krisen handlungsfähig, ohne auszubrennen? Aljosha Muttardi findet, dass wir keine Held*innen sein müssen, um etwas zu verändern. Sein Buch ist Autobiografie und Gesellschaftsanalyse zugleich. Ein Plädoyer für die Sinnsuche und den Versuch, online wie offline Mensch zu bleiben, ohne sich selbst zu verlieren. Denn auch wenn es nicht mehr gut wird: Es kann besser werden.
▶ Aljosha Muttardi: Gut wird’s hier nicht mehr, aber besser. BUCH
Ein Versuch, in dieser Welt klarzukommen.
Verlag Droemer HC, München 2026.
Aljosha persönlich
Aljosha Muttardi hat ein Riesenpensum zu bewältigen: Er arbeitet als Arzt in einem Krankenhaus, ist Aktivist, Content Creator und eine wichtige queere Stimme im deutschsprachigen Raum. In «Queer Eye Germany» begleitete er mit Empathie Menschen, die sich selbst verloren hatten.
Auf Social Media spricht er über Veganismus, mentale Gesundheit, Rassismus, Körperbilder und gesellschaftliche Ungleichheit mit einer grossartigen Mischung aus Direktheit, Selbstironie und politischem Bewusstsein.
Aljosha Insta: aljosha_
