1,6 Millionen Stimmen für Erika Hilton: Brasiliens queere Politik wird lauter

Politik

Bild: Erika Hilton via Instagram
Trotz einer Morddrohung am Wahltag ging Erika Hilton wählen. Die 33-jährige Politikerin kämpft für LGBTQIA+-Rechte und das Ende der Sechs-Tage-Arbeitswoche – in einem Brasilien, das politisch immer stärker polarisiert ist.

Weltweit geraten queere Menschen zunehmend unter Druck: Transfeindliche Hetze, Angriffe auf LGBTQIA+-Personen und Einschränkungen ihrer Rechte prägen die politische Debatte. Selbst dort, wo queere Menschen rechtlich anerkannt sind, ist ihre Sicherheit nicht selbstverständlich. Erst Anfang Oktober lösten Polizeirazzien in mehreren Gay-Bars in Taipeh Proteste aus. Vor diesem Hintergrund ist die politische Sichtbarkeit queerer Menschen mehr als eine Frage der Repräsentation.

Erika Hilton zeigt, wie sich diese Sichtbarkeit in politische Reichweite verwandeln lässt. Die 33-jährige Schwarze trans Politikerin der linken PSOL erhielt bei den brasilianischen Wahlen rund 1,6 Millionen Stimmen – mehr als jede andere Frau zuvor bei einer Wahl für das nationale Abgeordnetenhaus. Mit ihrer Präsenz in sozialen Medien, ihrer direkten Sprache und Themen aus dem Alltag erreicht sie Brasiliens Gen Z und macht Politik zum Popkultur-Phänomen. Das gelingt vielen linken Politiker weltweit bislang kaum. Neben LGBTQIA+-Rechten kämpft Hilton für das Ende des brasilianischen 6×1-Arbeitsmodells, bei dem Beschäftigte sechs Tage arbeiten und nur einen Tag frei haben.

Wie gefährlich ihre Sichtbarkeit sein kann, zeigte sich am Wahltag: Hilton erhielt eine transfeindliche Morddrohung per E-Mail, in der ein «Blutbad» angekündigt wurde. Sie verschob ihre Stimmabgabe aus Sicherheitsgründen, liess sich aber nicht davon abhalten, wählen zu gehen. Am Nachmittag gab sie ihre Stimme ab und erstattete Anzeige.

Gleichzeitig wuchs die queere Vertretung im brasilianischen Parlament so stark wie nie zuvor: Die LGBTQIA+-Fraktion in der nationalen Abgeordnetenkammer stieg von vier auf 13 Abgeordnete. Zu den neu gewählten Vertretern gehört Guilherme Cortez von der PSOL. Auch Erika Hilton, Duda Salabert und weitere queere Politiker stehen für eine vielfältigere politische Landschaft. Insgesamt stieg die Zahl der gewählten LGBTQIA+-Vertreter auf nationaler und regionaler Ebene von 18 im Jahr 2022 auf 35.

Während Hilton einen historischen Erfolg erzielte, gewannen auch Politiker der rechtskonservativen PL an Unterstützung, darunter Nikolas Ferreira und Lucas Pavanato, die sich mit antifeministischen und transfeindlichen Positionen profilieren. Eduarda Campopiano, die öffentlich gegen feministische Anliegen auftritt, wurde zur meistgewählten Abgeordneten des Bundesstaats São Paulo.

Auch Brasiliens Präsidentschaftswahl spiegelt diese Polarisierung wider: Luiz Inácio Lula da Silva und Flávio Bolsonaro stehen sich in einer umkämpften Stichwahl gegenüber. Wie sich das Land politisch ausrichtet, wird auch den Spielraum für Gleichstellung und queere Rechte beeinflussen.

Berichten zufolge lassen sich zahlreiche queere Paare in Brasilien noch vor der Wahl trauen, aus Angst, unter einer Präsidentschaft Flávio Bolsonaros künftig ihre Beziehungen nicht mehr offiziell registrieren oder ihre Namen ändern lassen zu können. Die Sorge erinnert daran, wie schnell politische Unsicherheit selbst tief persönliche Entscheidungen beeinflussen kann.

Hiltons Geschichte steht damit für eine zentrale Frage unserer Zeit: Wie lässt sich aus Sichtbarkeit konkrete Veränderung machen, wenn Hass und Ausgrenzung weiterhin zum Alltag queerer Menschen gehören? Ihr Wahlerfolg liefert keine endgültige Antwort. Aber er zeigt, dass queere Stimmen politische Macht gewinnen können – selbst unter Bedingungen, die sie zum Schweigen bringen sollen.

Andreas Koch

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Veröffentlicht:

09.10.2026

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