Sechs Tage lang verwandelte sich das Riocentro in Rio de Janeiro in die Hauptstadt der globalen HIV-Forschung: über 150 Fachsitzungen, 220 Aktivitäten im «Global Village» und rund 2400 Poster. Das Motto der diesjährigen Ausgabe – «Rethink. Rebuild. Rise.» – war Programm: Die Community sollte alte Modelle hinterfragen, Systeme neu aufbauen und gemeinsam wieder aufstehen. Nötig ist das, weil die Konferenz an einem heiklen Punkt stattfand: Die Wissenschaft macht riesige Sprünge, doch die politische und finanzielle Basis der weltweiten HIV-Antwort wackelt.
Der wissenschaftliche Höhepunkt: eine Pille pro Woche
Im Zentrum des medizinischen Interesses stand eine mögliche kleine Revolution: erste detaillierte Phase-3-Resultate zur Kombination Islatravir/Lenacapavir, vorgestellt in den Studien ISLEND-1 und ISLEND-2. Das Tablet könnte die erste vollständige HIV-Behandlung werden, die nur noch einmal pro Woche statt täglich eingenommen werden muss. Nach 48 Wochen zeigte sich die neue Pille bei bereits gut eingestellten Patientinnen und Patienten ebenso wirksam wie die tägliche Standardtherapie, bei vergleichbarem Sicherheitsprofil.
Auch beim länger bekannten Lenacapavir als Präventionsspritze (PrEP), die nur zweimal jährlich verabreicht werden muss, gab es gute Nachrichten: Die Langzeitdaten der Studien PURPOSE 1 und PURPOSE 2 bestätigten anhaltend hohe Wirksamkeit und keine neuen Sicherheitsbedenken. Der Haken dabei: Der Hersteller Gilead hat zwar Generikaproduzenten für 120 Länder lizenziert, 26 weitere Länder – darunter grosse Teile Lateinamerikas wie Brasilien, Argentinien, Mexiko und Peru – bleiben aussen vor. Der Globale Fonds und die USA wollen bis 2028 drei Millionen Menschen mit dem Präparat versorgen; Fachleute in Rio diskutierten, ob dieses Ziel angesichts des Bedarfs ausreicht.
Der Wermutstropfen: Kürzungen mit Folgen
Doch über der Konferenz hing ein Schatten: die drastischen Kürzungen beim amerikanischen HIV-Programm PEPFAR, das seit 2003 über 26 Millionen Menschenleben gerettet haben soll. Wie tief die Einschnitte reichen, zeigte eine Umfrage unter 166 PEPFAR-finanzierten Organisationen in 46 Ländern: Mehr als die Hälfte verlor mindestens eine Finanzierungszusage, drei von vier mussten ihre Arbeit an neue politische Auflagen anpassen. Die Bilanz auf dem Boden: rund 1700 geschlossene Kliniken und Anlaufstellen weltweit, mit besonders harten Einschnitten bei Angeboten für Sexarbeitende, Drogenkonsumierende und andere Schlüsselgruppen – und bei Kindern, von denen 2025 rund 77 000 weniger eine HIV-Behandlung erhielten als im Vorjahr, in Südafrika ein Minus von 45 Prozent.
Diese Zahlen treffen auf eine Epidemie, die noch lange nicht besiegt ist: 2025 lebten weltweit 40,9 Millionen Menschen mit HIV, 1,2 Millionen infizierten sich neu. Zwar sank die Zahl der AIDS-Todesfälle auf ein 30-Jahres-Tief, doch sie liegt weiterhin bei weit über einer halben Million – und in Lateinamerika, Osteuropa/Zentralasien sowie im Nahen Osten nehmen die Neuinfektionen seit 2010 sogar wieder zu.
Ausblick nach Genf
Die IAS-Präsidentin Beatriz Grinsztejn brachte das Dilemma der Konferenz auf den Punkt: Die Wissenschaft liefere immer bessere Werkzeuge – doch ohne verlässliche Finanzierung retteten diese niemanden. Mit diesem Spannungsfeld im Gepäck zieht die HIV-Welt weiter: Die nächste grosse IAS-Konferenz findet 2027 in Genf statt – dann wird sich zeigen, ob aus den Rio-Diskussionen tatsächlich neue, tragfähigere Strukturen entstanden sind.
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