Den eigenen Körper bewusster zu spüren und als Ganzes anzunehmen – darum geht es in einer Tantra-Massage. Mit Marc Walter haben wir entdeckt, was eine solche Massage in unserem Körper bewirken kann.
Marc Walter empfängt uns in einem liebevoll renovierten Bauernhaus im beschaulichen Ort Jegenstorf im Kanton Bern. Er wohnt dort mit seiner Familie und fast 20 weiteren Personen, mit denen er sich mehrere Gemeinschaftsräume teilt. Einen kleinen Bereich des ehemaligen Hofs nutzt er als Massage-Studio.
Die ruhige Atmosphäre der ländlichen Gemeinde und das urchige Ambiente dieses Gebäudes mit dem vielen Holz scheinen wie geschaffen für eine entspannte Tantra-Massage. Nach mehreren Jahren in der medizinischen Forschung entschied sich der heute 36-Jährige für einen Neuanfang. «Nach einer Auszeit mit meiner Familie wuchs der Mut in mir, mit dem ganzen Körper zu arbeiten», erzählt er. Im Frühling 2024 schloss er seine Ausbildung zum Tantra-Masseur am Institut für Sexological Bodywork in Zürich ab und eröffnete im August 2024 seine Tantra-Praxis.
Jahrtausendealte Massage-Tradition
Die Ursprünge von Tantra reichen etwa 2000 Jahre zurück. «Bei Tantra handelt es sich sowohl um eine philosophische Weisheitslehre als auch um eine spirituelle Praxis aus der hinduistischen und buddhistischen Tradition», erklärt Marc. «Symbolisch gesehen steht der Begriff für etwas Kontinuierliches, eine grundlegende Natur des Seins in allen empfindsamen Wesen. Die tantrische Praxis erforscht dabei die Wahrnehmung der Realität über direktes Erleben des Körpers. Tantra lädt uns ein, im Moment zu verweilen und mit offenem Bewusstsein und ganzer Intensität zu erleben, was es bedeutet, Mensch zu sein», so Marc weiter.
Im Intimbereich sind manche Stellen fast taub
Die Tantra-Massage ist eine besondere Form der Ganzkörpermassage, die nicht nur körperliche, sondern auch energetische und emotionale Ebenen anspricht. Dabei spielen Berührungen in unterschiedlicher Intensität eine zentrale Rolle. «Je nachdem, ob wir durch eine Berührung Freude, Entspannung, Lust, Angst oder Ekel empfinden, verändert sich unsere Berührungsempfindsamkeit: Sie wird entweder gesteigert oder gedämpft. Es ist daher wichtig, für sich selbst herauszufinden, was man mag und was nicht, und was Berührungen auslösen», erklärt Marc. «Gerade im Intimbereich sind manche Stellen in der Sensitivität etwas reduziert oder fast taub. Dies hängt damit zusammen, dass wir in der Selbstliebe oftmals die gleichen Bewegungsmuster wiederholen, ohne dabei das gesamte Gewebe zu berühren und zu massieren», erklärt Marc. Die Empfindsamkeit kann so durch zärtliche, langsame und wiederholte Berührungen wiederhergestellt und wieder ins Gehirn integriert werden.
Marc wünscht sich, noch mehr Männer bei sich zu empfangen. Eine Tantra-Massage für den Mann könne eine spannende Erfahrung sein, weil sie über das gewohnte Verständnis von Sexualität, Intimität und Berührung hinausgehe. Dabei stehe nicht das Erreichen eines Ziels im Vordergrund, sondern die bewusste Wahrnehmung des eigenen Körpers – und die Erlaubnis, Emotionen einfach da sein zu lassen: «Für eine gewisse Zeit empfangen zu dürfen, ohne etwas leisten oder erreichen zu müssen. Frei von Kontrolle, Anspannung oder Erwartungen. Einfach nur sein – in tiefer Verbundenheit mit sich selbst.» So kann eine Tantra-Massage zu einem Erlebnis werden, das eigene Körperbewusstsein zu intensivieren und gleichzeitig mehr innere Ruhe zu finden. «Als Masseur bin ich in der Rolle des Magiers. Meine Intention ist es, Räume zu schaffen, in denen Transformation stattfinden kann», fasst Marc zusammen.
DISPLAY: Marc, wie läuft eine Tantra-Massage bei dir ab?
Marc Walter: Zu Beginn führen wir ein Vorgespräch. Dies ist auch der Raum, um die eigenen Bedürfnisse, Wünsche und Grenzen zu kommunizieren. Danach besteht die Möglichkeit, zu duschen und sich mit einem Lunghi – einem traditionellen Massagetuch – zu bekleiden. Im ersten Teil der Massage geht es darum, im eigenen Körper anzukommen, sich zu erden und zu entspannen. Warmes Öl, Musik und Berührungen am ganzen Körper sollen helfen, ganz in die eigene Empfindung und Körperwahrnehmung zu finden. Falls eine Intimmassage gewünscht ist, gehen wir im zweiten Teil darauf ein. Die Massage folgt keinem starren Ablauf. Mein Gast und ich sind während der ganzen Massage in Kontakt und besprechen zusammen, wohin die Reise gehen soll. Den Abschluss bildet ein Gespräch, in dem das Erlebte reflektiert werden kann.
Spielt dabei die sexuelle Orientierung eine Rolle?
Für viele Menschen kann es einen Unterschied machen, wenn sie von jemandem berührt werden, zu dessen Geschlecht sie sich sexuell hingezogen fühlen. Eine Tantra-Massage bietet einen Raum für die Auseinandersetzung mit dem eigenen Körper und ist gleichzeitig eine Begegnung mit einem anderen Menschen. So kann es auch für einen heterosexuellen Mann eine tiefgreifende Erfahrung sein, Berührung von einem anderen Mann zu empfangen und diese nicht als Bedrohung oder Grenzverletzung, sondern als einen Akt von Brüderlichkeit, Vertrauen und menschlicher Nähe zu erleben.
Inwiefern kann ein Mann bei einer Tantra-Massage sexuelle Empfindungen wahrnehmen?
Eine Tantra-Massage ist eine Gelegenheit, den eigenen Körper besonders intensiv zu spüren und dabei eine andere Art Höhepunkt zu erleben. Bei einer Tantra-Massage wird die sexuelle Energie aus dem Beckenboden gezielt genutzt, um den Körper bewusster wahrzunehmen. Dabei wird die Erregung gesteigert und immer wieder im ganzen Körper verteilt. So kann dieser wellenartig in hohe Empfindungszustände versetzt werden. Mit Übung kann es sogar gelingen, den Orgasmus nach oben zu ziehen und den Samenerguss nach innen in die Blase umzulenken. Diese tantrische Praxis wird heute oft als Injakulation bezeichnet und ermöglicht es, wiederholte Orgasmuswellen zu erleben, wobei die Erregung für längere Zeit bestehen bleibt. Im Vergleich zum Samenerguss kann ein solches Erlebnis noch Stunden nach der Erfahrung spürbar bleiben.
Wie können dabei persönliche oder sexuelle Blockaden gelöst werden?
Tantrische Praktiken schaffen einen geschützten Raum, in dem Intimität, Selbstwahrnehmung und sinnliches Erleben frei von äusseren Erwartungen stattfinden können. Viele Menschen entdecken dadurch einen neuen Zugang zu ihrer Sexualität – achtsamer, bewusster und losgelöst von gesellschaftlichen Normen. Um diesen Prozess zu unterstützen, ist es hilfreich, sich Zeit zu nehmen und Rituale zu erschaffen, die dem Erlebten eine besondere Bedeutung verleihen. Das kann durch eine liebevoll gestaltete Umgebung, meditative Praktiken, Atemarbeit oder Klang geschehen. Auch der Austausch mit einer wertschätzenden Gruppe von Menschen kann helfen, neue Perspektiven zu entdecken und Blockaden sanft aufzulösen. Wer sich erlaubt, sich ohne Scham zu zeigen, schafft oft die Grundlage, um Blockaden zu lösen – und sich selbst auf einer tieferen Ebene zu begegnen.
Kann man eine Tantra-Massage auch zu Hause durchführen?
Durchaus. Wichtig ist dabei, dass der Raum warm genug ist. Die
ideale Raumtemperatur für eine etwa zweistündige Nacktmassage beträgt 26 bis 28 Grad, denn bei Kältegefühl sind weder Entspannung noch Erregung möglich. Entsprechend einem tantrischen
Ritual sollte der Raum auch einladend hergerichtet sein. Blumen, Kerzen und Musik tragen dazu bei, ein passendes Ambiente zu schaffen.
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