Fei bezeichnet sich als Amateurfotografen «im wörtlichsten Sinne». Neben einer anspruchsvollen Vollzeitstelle greift er nur dann zur Kamera, wenn es die Zeit erlaubt – ein Umstand, den er nicht als Einschränkung betrachtet, sondern als eigentliche Quelle seiner künstlerischen Freiheit. Frei von Auftraggebern und vom Zwang, unablässig zu produzieren, muss er nur einem bemerkenswert kleinen Kreis gerecht werden: «Die Einzigen, die ich wirklich zufriedenstellen muss, sind die Person vor meiner Kamera und ich selbst – und, wenn wir Glück haben, das Publikum.»
WEIT WEG VON DER GOBI
Fei wuchs in einer der ärmsten Provinzen im Nordwesten Chinas auf – zwischen der Heimatstadt seines Vaters am Rand der Gobi, einer Region, die zusehends von der Wüste verschlungen wird, und der weiter südlich gelegenen Stadt seiner Mutter, eingebettet in eine Landschaft, die, wie er anmerkt, verblüffend an den Blausee erinnert. Seiner Homosexualität wurde er sich früh bewusst. Um das Jahr 2000 erhielt seine Familie Zugang zum Internet – zu einer Zeit, als in China explizites Material erstaunlich ungehindert zirkulierte. «Meine Mutter hat immer dem Internet die Schuld an meiner Sexualität gegeben», erinnert er sich. Schwul gemacht hat ihn das Internet natürlich nicht – doch es beschleunigte seine Selbsterkenntnis, denn es lieferte ihm die Bilder und das Wissen, die es ihm ermöglichten, sich so anzunehmen, wie er war.
Mit gerade einmal vierzehn Jahren war Fei bereits in einen Jungen verknallt, mit fünfzehn outete er sich vor seinen Eltern, und mit sechzehn hatte er seinen ersten Freund – stets in der naiven Überzeugung, China werde sich schon bald jene Offenheit zu eigen machen, die der Westen seiner Vorstellung nach bereits erreicht hatte. «Alles, was danach geschah, hat mich eines Besseren belehrt.» Seine Eltern drohten, ihn zu verstossen, und allmählich dämmerte ihm, dass er eines Tages würde gehen müssen. Schliesslich konnte er sie überzeugen, ihn zum Studium ins Ausland zu schicken, wobei sie sich wohl auch erhofft haben mögen, eine gute Ausbildung würde ihren Sohn irgendwie «korrigieren». «Ich erinnere mich, wie ich auf meinem ersten Flug nach Europa sass, mit der eigentümlichen Gewissheit, den Rest meines Lebens anderswo zu leben», sagt er. «Am Ende hat die Distanz gewisse Dinge für alle leichter gemacht.»
VOM SCHÜCHTERNEN BEOBACHTER ZUM PORTRÄTISTEN
Erstmals regte sich seine Neugier auf die Fotografie während des Studiums in Lyon; zu echter Faszination erblühte sie, als er in Paris ins Berufsleben einstieg. Dort verbrachte er ganze Wochenenden in Museen und Kinos und vertiefte sich in die Werke von Henri Cartier-Bresson, Dorothea Lange, Vivian Maier und Saul Leiter. Die Porträtfotografie blieb ihm jedoch verwehrt: Er war schlicht zu schüchtern, um Fremde anzusprechen und sie zu bitten, für ihn zu posieren. Erst Zürich änderte alles. Bis zu seinem beruflich bedingten Umzug hatte er nie einen Fuss in die Stadt gesetzt, und bei seiner Ankunft kannte er so gut wie niemanden – eine Erfahrung, die ihn ebenso verunsicherte wie befreite. «Wenn niemand um dich herum weiss, wer du bist, steht es dir manchmal frei, eine etwas andere Version deiner selbst zu werden.» Er begann damit, neue Bekannte zu fotografieren, dann Freunde von Freunden, bis mit der Zeit auch Fremde von sich aus auf ihn zukamen.
Seine Anfänge mitten in der Pandemie waren bewusst bescheiden: eine unscheinbare spiegellose Kamera, ein einziger Blitz und ein schlichter Studiohintergrund. Doch ausgerechnet als er das Kunstlicht zu beherrschen lernte, begriff er, wie wenig er tatsächlich vom Tageslicht verstand – das seither sein bevorzugtes Medium ist und das er gerade wegen der Herausforderung, die es darstellt, umso mehr schätzt.
ZWEI TAGE LANG DAS LICHT BEOBACHTEN
Für ein Shooting mit Jeroom in Athen bezog Fei kürzlich die Wohnung zwei Tage, bevor sich ihre Terminpläne überschneiden sollten. Ausgewählt hatte er sie vor allem, weil die Fotos im Inserat einen aussergewöhnlich lichtdurchfluteten Raum versprachen. In Wirklichkeit gingen sämtliche Fenster nach Norden, und kein einziger direkter Sonnenstrahl fiel je in die Räume.
Also verbrachte er zwei Tage damit, einfach nur das Licht zu beobachten. Nach und nach machte er drei oder vier Stellen aus, an denen kräftiges, diffuses Licht oder die Reflexionen benachbarter Gebäude zu bestimmten Tageszeiten wertvoll wurden. Zusammen mit zwei Lampen, die bereits in der Wohnung standen, formte das, was zunächst wie eine Einschränkung gewirkt hatte, letztlich genau jene intime Atmosphäre, die ihm vorgeschwebt hatte.
VOR DEM AUSLÖSEN
Wichtiger als jede technische Vorbereitung ist aber stets ein echtes Einvernehmen mit dem Mann vor dem Objektiv. Fei studiert aufmerksam die Fotos, die ihm sein Gegenüber geschickt hat, oder schaut sich dessen Social-Media-Profile an und beginnt sich vorzustellen, wie er ihn kleiden, ausleuchten und ins Bild setzen könnte – oft entsteht dabei ein Moodboard, das sich am Ort orientiert und daran, was der Mann von sich zeigen möchte, ohne sich unwohl zu fühlen. Manchmal erstreckt sich dieser Prozess über mehrere Wochen; dann wieder wird aus einem Gespräch, das online beginnt, noch am selben Tag ein Shooting.
Vor allem aber müssen sich beide über den Zweck der Bilder im Klaren sein, bevor der Auslöser überhaupt gedrückt wird. Die Männer, die zu ihm kommen, haben höchst unterschiedliche Beweggründe: Neugier, persönliche Porträts, Albumcover, Plakate, Social Media, OnlyFans. Sind Absichten und Grenzen erst einmal geklärt, geniesst Fei am Set deutlich mehr Freiheit.
«Ich sage manchmal im Scherz, dass ich beim Fotografieren ein Dom bin», gesteht er lächelnd. Er hört sich die Ideen seiner Models aufmerksam an, übersetzt sie letzten Endes aber in eine Bildsprache, die unverkennbar seine eigene ist.
WAFFE UND SCHILD
«Die Kamera ist für mich ebenso Waffe wie Schild.»
Die Kamera, erklärt Fei, ziehe eine schützende Linie zwischen Beobachter und Beobachtetem und verleihe dem Voyeurismus eine gewisse Legitimität. «Jeder Mensch ist ein Voyeur; vielleicht besteht der Unterschied einfach darin, dass manche es nicht mögen, beobachtet zu werden, während andere es ungemein geniessen.» Aufgewachsen in einer Kultur, in der es als unhöflich, ja provokant gelten kann, einem älteren Menschen in die Augen zu sehen, empfindet er langen Blickkontakt bis heute als unangenehm; spricht ihn auf der Strasse ein attraktiver Fremder an, kann er entwaffnend schüchtern werden. «Steht dieselbe Person vor meiner Kamera, verändert sich das Machtgefüge vollständig. Die Kamera erlaubt mir, mit einer Intensität hinzuschauen, die in einem gewöhnlichen Gespräch äusserst seltsam wäre.»
Die meisten Männer, die er fotografiert, sind keine professionellen Models, und selbst die nach gängigen Massstäben attraktivsten unter ihnen können unerwartet nervös werden, sobald ein Objektiv auf sie gerichtet ist. Ein Shooting entwickelt sich deshalb oft zu einem Gespräch – über Arbeit, Reisen, Beziehungen und Sexualität –, das bisweilen fast therapeutische Züge annimmt. Ein Teil seiner Aufmerksamkeit bleibt dabei stets auf den Sucher gerichtet: wie ein Mann seine Beine ausstreckt, welche Gesichtshälfte das Licht schöner einfängt, ob er beim Gesicht, beim Oberkörper oder bei den Oberschenkeln verweilen soll.
Er ermuntert die Porträtierten, in Bewegung zu bleiben. Manche seiner Lieblingsbilder entstehen in den flüchtigen Momenten zwischen den Posen: in dem Augenblick, in dem ein Mann zu Boden blickt, den Kopf wendet, sich zurechtrückt oder kurz vergisst, dass er überhaupt posiert.
DIE KUNST DES ABGEWANDTEN BLICKS
Ein Mann, der direkt ins Objektiv blickt, schafft eine Konfrontation: Er weiss, dass er beobachtet wird, und erwidert den Blick. Schweift sein Blick dagegen ab, geschieht etwas völlig anderes. Wer das Bild betrachtet, darf diskret zusehen, als ginge das Leben des Porträtierten einfach weiter, unberührt vom Wissen, dass jemand hinschaut. Diese Spannung fasziniert Fei, und sie erklärt, warum so viele Männer auf seinen Fotos – und erst recht in seinen Videoporträts – den Blick abwenden. «Ein technisch solides Foto kann uns zeigen, wie jemand aussieht», sagt er nachdenklich. «Die Fotos, zu denen ich immer wieder zurückkehre, sind jene, die etwas offenlassen.»
Deshalb hat Intimität für ihn auch wenig damit zu tun, wie viel Haut zu sehen ist. Eine Seite an jemandem sichtbar zu machen, die sonst verborgen bleibt, kann zutiefst intim sein – ob er nun bekleidet ist oder nackt. Erst im Nachhinein fiel Fei auf, wie selten auf seinen Fotos jemand lächelt – eine bewusste Regel war das nie. «So sehr ich im echten Leben den süssen, schüchternen Typ von nebenan bevorzuge, in meiner Fotografie suche ich eher einen sehnsuchtsvollen Ausdruck, der beinahe schmerzt – ein Gefühl, das wohl die meisten Menschen nachempfinden können.»
SCHÖNHEIT OHNE FOLLOWER
Im Lauf der Zeit hat Fei zudem eine stille Vorliebe dafür entwickelt, Männer ohne grosse Social-Media-Reichweite zu fotografieren; nicht wenige hatten weniger als tausend Follower, als er sie zum ersten Mal ablichtete. Zu den Reaktionen, die er am meisten schätzt, gehört jener Moment, in dem jemand annimmt, das Model müsse ein bekannter Influencer sein, sein Profil aufruft und feststellt, dass er in der Online-Welt praktisch anonym ist. Die sozialen Medien, so argumentiert er, hätten uns darauf konditioniert, Popularität für einen Beweis von Attraktivität zu halten. «Wenn ein Typ weniger Follower hat, als du erwartet hast – findest du ihn dann weniger attraktiv?»
Noch überraschender ist, dass mehrere Männer ihm anvertraut haben, seine Fotos hätten verändert, wie sie ihren eigenen Körper wahrnehmen: Gerade jene Merkmale, die sie lange für unvorteilhaft gehalten hatten, waren manchmal genau die, die andere am anziehendsten fanden. «Am Anfang des Projekts war ich vor allem auf der Jagd nach Schönheit», sagt Fei. «Irgendwann auf diesem Weg habe ich die Freude daran entdeckt, jemandem zu ermöglichen, seine eigene Schönheit mit anderen Augen zu sehen.»
Neutral ist der Fotograf dadurch keineswegs. Er ist es, der entscheidet, wo das Licht auf einen Körper fällt, was ins Bild kommt und was verborgen bleibt. «Gib denselben Mann tausend Fotografen, und du bekommst tausend verschiedene Männer.» Die Veröffentlichung hingegen bleibt ein gemeinsamer Akt: Wann immer möglich, sichten Fei und sein Model die Bilder zusammen und entscheiden, welche öffentlich zirkulieren dürfen und welche privat bleiben sollen; die explizitesten Aufnahmen erhält manchmal ausschliesslich das Model zum persönlichen Gebrauch. «Vertrauen endet nicht, wenn sich der Verschluss schliesst.»
STANDBILDER AUS EINEM VERSCHOLLENEN FILM
Für Fei ist die Postproduktion ein weiterer Schritt bei der Konstruktion eines Bildes, und in einer unbearbeiteten Datei erkennt er keine besondere moralische Tugend. Das Color Grading nimmt einen beträchtlichen Teil seiner Zeit in Anspruch, denn Farbe transportiert Emotionen – mitunter stärker als das Motiv selbst: ein intimes und doch leise gefährliches Rot, die melancholische Wärme einer Tischlampe an einem grauen, verregneten Nachmittag, ein gedämpftes Cyan, das Ruhe ausstrahlt, oder Schwarz-Weiss in Momenten der Nostalgie. Ihm geht es weniger darum, getreu wiederzugeben, wie eine Szene aussah, als darum, jenes Gefühl zurückzugewinnen, das sie seiner Vorstellung nach vermitteln soll.
Hier zeigt sich seine Leidenschaft für das Kino am deutlichsten. «Ich möchte oft, dass sich ein Foto weniger wie ein isoliertes Porträt anfühlt als wie ein Standbild aus einem Film, dessen vorangehende und nachfolgende Szenen verloren gegangen sind.» Ganz ähnlich haben die grossen Maler seinen Blick geprägt: Caravaggio, der zeigte, dass Dunkelheit ebenso beredt verbergen kann, wie Licht enthüllt; Vermeer, der ein einziges Fenster in ein ganzes System der Lichtführung verwandelt; und Hammershøi, der eine Rückenansicht psychologisch fesselnder erscheinen lassen kann als das schönste Gesicht.
DER MÄNNLICHE KÖRPER, NEU GEDACHT
Dennoch bleibt der männliche Körper das Herzstück seiner Arbeit. Vor dem Smartphone-Zeitalter erreichte ihn männliche Schönheit über Modestrecken, Magazine und, «als schwulen Teenager, über Pornografie». Heute produzieren schwule Männer auf Social Media, Dating-Apps und Creator-Plattformen eine nie dagewesene Fülle an Bildern von sich selbst und tauschen sie aus – schärfer als je zuvor, und doch sind, wie Fei bemerkt, «Klarheit und Schönheit keine Synonyme». Auch wenn ein Teil seiner Arbeit unbestreitbar erotisch ist, unterscheidet er klar zwischen Erotischem und Explizitem und zeigt männliche Schönheit lieber mit einer gewissen Zurückhaltung: «nach innen gekehrt, still, manchmal kontemplativ».
Ein aufschlussreiches Beispiel ist sein Porträt von Daniel, einem tschechischen Model. Daniels aussergewöhnlich muskulöser Körperbau ist genau von der Art, die die heutige Bildkultur nur allzu gern auf Fotos aus dem Fitnessstudio und demonstrativ zur Schau gestellte Männlichkeit reduziert. Statt diese Erwartung zu bedienen, wollte Fei sie unterlaufen: Er fotografierte ihn spärlich bekleidet, vertieft in einen Roman von Kundera – auch er ein Tscheche –, mit einem Klavier im Hintergrund.
«Es gibt keinen Grund, warum Lesen nicht sexy sein sollte», betont er. Ein muskulöser, fast nackter Mann, der in ein Buch versunken ist, wirkte auf Fei weit überraschender als ein weiteres Bild, auf dem er seine Muskeln spielen lässt. Der Körper bleibt voll und ganz präsent – er ist bloss nicht länger gezwungen, Muskeln als Inbegriff seiner gesamten Identität zur Schau zu stellen.
VERTONT WIE EIN FILM
Eine ebenso wichtige Rolle spielt die Musik, insbesondere in seinen Videoporträts. Er greift überwiegend auf klassische Musik und Filmmusik zurück – den Soundtrack seines Alltags –, und in seiner Vorstellung waren Ton und Bild schon immer untrennbar miteinander verwoben. Manchmal ruft ein Musikstück sofort Bilder hervor; in anderen Fällen ist es der Mann selbst, der verrät, welche Musik zu ihm gehört.
Für Jeroen wählte er das Hauptthema aus Hitchcocks Das Fenster zum Hof, einer der grossen Meditationen des Kinos über den Voyeurismus, als Begleitung für ein Shooting, das sich, wie er selbst sagt, «unverhohlen um ebendiesen Akt des Schauens drehte».
Für sein Videoporträt von Frank setzte er auf die Musik von Abel Korzeniowski, der die Filmmusik zu Tom Fords A Single Man – seinerseits eines der elegantesten Porträts der Sehnsucht im queeren Kino – und Nocturnal Animals komponierte. Die üppigen, lyrischen Streicher schienen perfekt auf Franks kultivierte Ausstrahlung abgestimmt. Diese Referenzen sind nie der Versuch, die Filme selbst nachzubilden. «Sie liefern ein emotionales Register, in das ich meine Protagonisten eingebettet habe.»
WAS IHN DIE KAMERA LEHRTE
Die Fotografie hat zweifellos sein Gespür für Licht geschärft, doch das Fotografieren von Männern – und gerade von schwulen Männern – hat ihn etwas weit weniger Greifbares gelehrt. Von Natur aus schüchtern, hat er in der Kamera das Selbstvertrauen gefunden, auf Fremde zuzugehen und, wenn nötig, die Führung zu übernehmen. Am meisten bedeutet ihm heute nicht männliche Schönheit als Abstraktion, sondern die ganz realen Männer, die in sein Bild getreten sind – und die Begegnungen selbst, reich an Gesprächen über Arbeit, Liebe, Ehrgeiz, Sexualität und Unsicherheit, geteilt mit Menschen, deren Wege sich sonst nie mit seinem gekreuzt hätten.
Künftig will er sich auf gewagteres Terrain begeben und ausloten, ob explizite Bilder das Licht, die Komposition und die erzählerische Tiefe seiner Porträts bewahren können. Das Explizite um seiner selbst willen reizt ihn wenig – davon bietet das Internet bereits einen unerschöpflichen Vorrat. Parallel dazu lernt er, Foto-Fanzines selbst zu drucken und herauszugeben, vielleicht als leiser Widerstand gegen das Zeitalter der künstlichen Intelligenz. «Je schwieriger es wird, zu unterscheiden, was echt und was fabriziert ist», sinniert Fei, «desto mehr verspüre ich den Wunsch, etwas Handfestes zu schaffen, etwas, das ich tatsächlich berühren und in den Händen halten kann.»
