Was passiert, wenn ein Mann lernt, seine Gefühle zu verbergen, um den Erwartungen der Gesellschaft zu entsprechen? Der russische Fotograf Nikita setzt sich in seiner Arbeit mit Männlichkeit, Verletzlichkeit und dem Ausdruck von Emotionen auseinander. Zwischen Theater und Erotik schafft er Bilder, in denen Männer Seiten ihrer Persönlichkeit entdecken können, für die im Alltag oft kein Platz bleibt. Dabei ist sein künstlerischer Ansatz eng mit seinen eigenen Erfahrungen und den gesellschaftlichen Realitäten in Russland verbunden. Für die dritte Ausgabe von Queere Fotografen erzählt Nikita von seinem Weg zur Fotografie, den Einflüssen hinter seiner Bildsprache und seinem Wunsch, Männer jenseits festgelegter Rollenbilder zu zeigen.
Nikita über seine Arbeit
Ich heisse Nikita, bin 28 Jahre alt und seit acht Jahren als Fotograf tätig. Dass ich immer noch in Russland lebe, verleiht meiner Arbeit vielleicht eine gewisse Resonanz, eine Aura und ein Gefühl des Unausgesprochenen.
«Männer weinen nicht» – und was es mit uns macht
Der Schlüssel zu allem, was ich tue, liegt in einem einzigen Satz, den fast jeder Junge in Russland zu hören bekommt:
«Männer weinen nicht.»
Dieser Satz hält nach und nach Einzug ins Erwachsenenleben und bleibt dort – leider – für immer. Er vermittelt, dass jeder Ausdruck von Gefühlen ein Zeichen von Schwäche sei, dass es verboten sei, um Hilfe zu bitten, und dass der Körper nur auf eine einzige, streng vorgeschriebene Weise gezeigt werden dürfe: stark, verschlossen und ohne etwas von seinem Inneren preiszugeben.
Ich bin als emotionaler Mensch aufgewachsen, und das hatte seinen Preis. Während meiner prägenden Jahre wurde ich wegen zweier Dinge gehänselt: meiner Sensibilität und meines Aussehens. «Du bist cool, aber du bist nicht jedermanns Geschmack.» Diesen Satz hörte ich so oft, dass er irgendwann zur endgültigen Beschreibung meiner Person wurde. Ich musste lernen, die Sprache der Masken zu verstehen und herauszufinden, wie ich die Rolle annehmen konnte, die andere von mir sehen wollten: ruhig, anspruchslos und unverwundbar. Diese Fähigkeit erwies sich später als nützlich – auch wenn sie mich zunächst einfach mehrere Jahre meines Lebens kostete.
Sich selbst im eigenen Körper wiederfinden
Ungefähr zu der Zeit, als ich begann, mich intensiver für Fotografie zu interessieren, fing ich auch an, meinen eigenen Körper genauer zu erkunden, indem ich mich bereit erklärte, als Aktmodel zu arbeiten. Diese Erfahrung liess mich erkennen, dass weder mit mir noch mit meinem Körper etwas falsch war – und dass andere ihn tatsächlich attraktiv finden konnten. Darin sah ich eine Art Rettung: die Erkenntnis, dass ein Aktshooting einem Menschen zeigen kann, dass er schön und sexy sein kann, einfach indem er sich selbst ist. Das war der Ausgangspunkt. Ausserdem ist es als Fotograf viel einfacher, die unterschiedlichsten Menschen kennenzulernen.
Zwischen Kostüm, Theater und Erotik
Vor den Ereignissen von 2022 gab es in Moskau eine ausgefallene Partyreihe namens «C.L.U.M.B.A.». Bei diesen Partys spielten das Geschlecht und die sexuelle Orientierung keine Rolle. Jede Person konnte auftauchen, sich nach Lust und Laune dem jeweiligen Motto entsprechend kleiden und einfach tanzen. Der Organisator war ein grosser Fan von theatralischer Ästhetik und ungewöhnlichen Kostümen. So begann unsere Zusammenarbeit: Ich fotografierte ganz normale Jungs in seinen Outfits. Es gab nur eine Regel: Die Models trugen nichts ausser seinen Kostümen oder Accessoires. Damals wusste ich noch nicht viel über Licht oder die technischen Aspekte der Fotografie, hatte aber viel Raum zum Experimentieren. Diese Erfahrung weckte meine Leidenschaft dafür, Theater und Erotik miteinander zu verbinden – etwas, wofür ich bis heute unglaublich dankbar bin. Ein paar Jahre später erschienen meine fotografischen Arbeiten in Magazinen wie KALTBLUT.
Männer anders sehen
In den letzten acht Jahren hat sich fast alles verändert: ich selbst, meine Beziehung zu meinem Körper, Moskau, das Land und die Welt. Eine Zeit lang hörte ich auf, Männer zu fotografieren – ich gab einer Angst nach, über die ich heute ruhig sprechen kann, da ich dieses Jahr wieder damit angefangen habe. Doch sowohl vor als auch nach dieser Pause sagten mir Kolleginnen und Kollegen immer wieder dasselbe: Ich sehe Männer im Bild anders als Frauen. Und das stimmt. Ich möchte Männer zärtlicher und emotionaler zeigen, ohne ihnen ihre Männlichkeit zu nehmen. Manche scherzen, ich würde einen gutaussehenden Mann nehmen und ihn mit Make-up in einen anderen Menschen verwandeln. Ich denke, treffender wäre es, zu sagen: Ich gebe ihm die Möglichkeit, Seiten seiner selbst zu erleben, die er sich im Alltag nicht leisten kann auszudrücken. Besonders hier.
Meine Wurzeln liegen nicht nur in der Fotografie – das muss ich klar festhalten. Ich orientiere mich an den Präraffaeliten und daran, wie konsequent sie ihre Szenen inszenierten: Sie kleideten echte Models in Kostüme und stellten ernsthaft selbst erfundene Geschichten dar, ohne Ironie und ohne sich dafür zu entschuldigen. Von der Commedia dell’arte nehme ich die Idee der Maske mit: Sie verbirgt die Person nicht, sondern befreit sie vielmehr von der Notwendigkeit, sie selbst sein zu müssen. Dadurch wird der Archetyp zu einem Werkzeug statt zu einer Vereinfachung. Eugenio Recuenco inspiriert mich, weil seine Shootings wie Kurzfilme aufgebaut sind, die nie tatsächlich stattfinden: Szenenbild, Kostüm, Licht und Bildbearbeitung verdichten sich zu einem einzigen Bild. SHENGZHE bewundere ich für den Mut, Antike und Sinnlichkeit miteinander zu verbinden, und dafür, dass seine Erotik immer auch mit Literatur einhergeht. Und dann ist da meine langjährige Liebe zu Tim Walker, der sich für das Recht starkmacht, gross, seltsam und gleichzeitig humorvoll zu sein. In seinen Arbeiten wird Magie nicht bloss eingefangen – sie wird im Studio von Hand erschaffen.
Ich erhebe keinen Anspruch darauf, Teil dieser Tradition zu sein oder eine direkte künstlerische Verwandtschaft mit diesen Kunstschaffenden zu haben. Dennoch hatte ich einen Grund, mich für genau dieses Gebiet zu entscheiden und seine Ursprünge verstehen zu wollen.
Wenn ich auf die Anfänge meines eigenen Weges zurückblicke, finde ich es faszinierend zu erkennen, dass sich zu meinen Shootings am häufigsten Menschen hingezogen fühlen, die ihre Gefühle normalerweise unter Kontrolle halten – oder die trotz ihrer ausgezeichneten körperlichen Verfassung mit sich selbst unzufrieden sind.
Fotografieren auf einem schmalen Grat
Dabei spielt das Umfeld eine entscheidende Rolle. Ehrlich gesagt wäre es für mich einfacher, in einem anderen Land zu arbeiten, in dem diese Sichtweise auf den männlichen Körper längst kulturelle Normalität ist. Hier bewege ich mich jedoch ständig auf einem schmalen Grat. In Russland wird man sofort abgestempelt, wenn man sich auszieht und intensive Gefühle zeigt, ohne Schauspieler zu sein. Das betrifft nicht nur das Model, sondern auch die Person hinter der Kamera. In den letzten Jahren haben sich die Debatten über Körper und Geschlecht verschärft, die Möglichkeiten sind weniger geworden und die Risiken, die mit jedem solchen Bild verbunden sind, haben zugenommen. Ich versuche nicht, dramatisch zu sein – das sind schlicht die Realitäten dieses Berufs, die man irgendwann nicht mehr ignorieren kann.
Genau deshalb mache ich weiter. Ich hoffe, dass meine Sichtweise und meine Arbeit mich eines Tages an neue, bessere Orte und zu neuen Geschichten führen werden.
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