Noch fünf Jahre,und das Internet ist tot

Kultur

Seelenlos: Derart aalglatte Gestalten sollen fürs Zürcher Oktoberfest werben.
Inhalte von Menschen für Menschen? Das war einmal. Mehr als die Hälfte der hochgeladenen Inhalte bei Social Media sind mittlerweile von KI generiert. Das Internet stirbt vor unseren Augen.

Ich habe die Schnauze voll. Überall sehe ich nur noch KI-Bilder und Videos. Alles scheint ein Abklatsch der Wirklichkeit zu sein. Bei Werbung sticht es mir sofort ins Auge. In meiner Nachbarschaft bauen sie gerade eine neue Siedlung. Beworben wird das Projekt mit KI-Menschen. Offensichtlich. Warum hat das Kind einen verkrüppelten sechsten Finger? Warum trinkt die Frau etwas aus einer Karaffe, das wie die Fäkalien einer peruanischen Bergziege aussieht? Und die viel wichtigere Frage: Warum überprüft das niemand, bevor es auf ein gigantisches Poster gedruckt wird?

 

 

Noch schlimmer ist es bei Videos. Tickets fürs Oktoberfest im Zürcher HB werden seit Monaten mit KIgenerierten Videos auf Instagram beworben. Warum? Es gibt doch reguläre Videos vom Saufgelage, die man zum Bewerben benutzen könnte? Sogar die User nerven sich in den Kommentaren. «AI-Slop» steht da, auf Deutsch KI-Müll. Es ist paradox: Auf der einen Seite will man Menschen für knapp 100 Franken Gerstensaft und Brathähnchen schmackhaft machen, auf der anderen Seite sagt die Werbung «Hey, Hauptsache, uns kostet das nichts.» Bei KI-generierten Inhalten fehlt jegliche Wertigkeit, sie sind Seelenlosigkeit mit zu hoher farblicher Sättigung, gratis auf Knopfdruck produziert.

Auch diese Kolumne wurde schon mal mit KI illustriert, aber darauf habe ich keinen Einfluss. Die Alternative wäre, dass ich was zeichne, und damit ist niemandem gedient.

Vollgas in den Modellkollaps

Pro Tag landen 50‘000 KI-generierte Songs auf Spotify. Mehr als die Hälfte aller neuen Reels auf Social Media sind mit KI generiert. Der automatisierte Traffic im Internet liegt mittlerweile bei 53 Prozent. Sprich, Computer kommunizieren mit anderen Computern. Das betrifft nicht nur Social Media, sondern auch reguläre Informationsseiten. Auf 3sat habe ich kürzlich eine Doku gesehen, da sprach man von der Dead Internet Theory. Bots werden künftig einfach mit anderen Bots interagieren, der Mensch spielt keine Rolle mehr.

Hinzu kommt der Modellkollaps. Weil sich die KI selbst mit KI-Inhalten trainiert, entsteht eine Verzerrung.

«Die künstliche Intelligenz produziert immer mehr Schrott, der das Internet zumüllt.»

Gemäss der einen Expertin werde sich das Internet in zwei Gruppen unterteilen: Menschen, die bereit sind, für Informationen und menschengemachte Inhalte zu bezahlen, und der Rest, der mit synthetischem Schrott und Fake-News gefüttert wird. Nennt mich altbacken, aber irgendwie mag ich’s halt doch, wenn’s bei meinen Inhalten menschelt.

Tod auf Raten

Wir entscheiden mit jedem Klick oder Like, wie’s mit dem Internet weitergeht. Ich bin ja nicht per se gegen künstlich generierte Inhalte, schliesslich habe ich alle Marvel-Filme gesehen. Aber mich verstört diese Seelenlosigkeit, dieses Unkreative, Artifizielle. Deswegen habe ich beschlossen, beim Musikstreaming darauf zu achten, nur noch richtigen Künstler:innen zu folgen. Wenn auf Social Media etwas komplett mit KI generiert ist, gibt’s von mir kein Herzli mehr dafür.

Ich will mit meiner Aufmerksamkeit Menschen belohnen, die wirklich etwas erschaffen haben. Und falls du mitziehst, können wir das Internet allenfalls ja noch ein paar Jahre länger am Leben erhalten.

Frank Richter

ist mit seinem vierten Soloprogramm unterwegs. Ehrlicher, direkter und wandlungsfähiger denn je. #Lovemyjob ist ein wilder Ritt zwischen messerscharfer Alltagsbeobachtung und rabenschwarzem Humor.

Daten: frankrichter.ch

Frank Richter

Redaktion
DISPLAY Magazin

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Veröffentlicht:

23.09.2026

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