Die «Queen of the Scene» gibt das Zepter ab
Dreizehn Jahre lang hat Milky Diamond die Schweizer Drag-Szene mitgeprägt wie kaum eine andere. Wir haben mit ihr gesprochen – über den Abschied von alten Rollen und darüber, was als nächstes kommt.
Letzte Woche hat Milky Diamond auf Instagram bekannt gegeben, dass sie ihre Rolle als Co-Produzentin bei Open Drag Stage, Drag Fest Switzerland und Heaven Drag Race niederlegt. Ein Rückzug ist das nicht. Eher eine Rückkehr zu sich selbst. «Die letzten Jahre habe ich sehr viel meiner Zeit für die Drag Community investiert», sagt sie. «Ich möchte mich wieder meiner künstlerischen Seite widmen, welche ein wenig untergegangen ist.»
Mit Klamydia Von Karma, bekannt aus dem Schauspielhaus Zürich, hat sie die passende Partnerin gefunden. Ende November bringen die beiden ein gemeinsames Theaterstück auf die Bühne. «An diesem Stück schreibe ich bereits seit acht Jahren. A dream come true.»
Was sie hinterlässt
Wenn Milky auf das Heaven Drag Race zurückblickt, denkt sie nicht zuerst an sich. «Am stolzesten bin ich auf Marco Uhlig», sagt sie. «Er hat das Heaven Drag Race ins Leben gerufen mit dem Ziel, den Drag-Nachwuchs in der Deutschschweiz zu fördern, und dies ist ihm grossartig gelungen.» Als Beweis nennt sie Paprika und Klamydia Von Karma, beide ehemalige Miss Heavens, die heute auf der Bühne des Schauspielhauses stehen.
In ihrem eigenen viertägigen Drag-Workshop hat Milky über fünfzig Queens ausgebildet. Die Mentorin-Rolle gibt sie trotzdem nicht ganz ab: Als festes Jurymitglied bei Odette Hella’Grands Drag-Competition Drag Roy-Lälle-Ty bleibt sie der Szene erhalten. «Ich gebe diese Krone noch lange nicht ab.»
Dass die Szene heute so stark dasteht, verdanke sie auch der Generation vor ihr, betont Milky ausdrücklich: Luca Papini, Petra Persil, Tamara und Marisa. «Es ist so schön zu sehen, dass die Förderung der Drag-Kultur viele Früchte getragen hat. Drag ist heute omnipräsent in Kunst und Kultur, Kommerz und der Schweizer Medienlandschaft.»
Beruf, nicht Hobby
Drag war für Milky Diamond nie ein Freizeitprojekt. Das sieht sie heute genauso wie vor dreizehn Jahren, auch wenn die Bedingungen schwieriger geworden sind. «Der Drag-Boom ist meiner Meinung nach zu Ende», sagt sie offen. «Firmen sind in der heutigen politischen Stimmung weniger bereit, Drag-Künstlerinnen zu buchen oder queere Events finanziell zu unterstützen.» Genau deshalb habe sie stets breit aufgestellt gearbeitet. Wer von Drag leben will, braucht Breite.
Energie findet sie trotzdem. «Ich arbeite leidenschaftlich gerne, es fühlt sich weniger nach Arbeit an, eher nach Berufung.» Gespräche mit lieben Menschen, das Publikum, die Drag-Schwestern. Mehr brauche es nicht.
Ab Januar 2027 folgt das nächste Kapitel: ein immersives Drag-Format mit Klamydia Von Karma, Odette Hella’Grand und Gossipa, das es in der Deutschschweiz so noch nicht gegeben hat. Wer nicht so lange warten will: Am 29. Mai tritt Milky Diamond im Sudhaus Basel auf, am 30. Mai im Millers Theater Zürich. Das Format heisst «OhG! It’s Roast of Odette & Milky». Eine Queen, die sich roasten lässt, hat die Kontrolle nicht verloren. Sie hat sie einfach woanders hinverlagert.

Maurice Müller
Online Redakteur
DISPLAY Magazin
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