30 Jahre Day of Silence
Heute halten Hunderttausende den Mund. Nicht aus Protest gegen zu viel Lärm, sondern für queere Jugendliche, die täglich zum Schweigen gebracht werden.
1996 hatten zwei Studentinnen an der University of Virginia eine simple Idee: einen Tag lang nicht reden. Als Klassenprojekt über gewaltfreien Protest. 150 Menschen machten mit. Heute sind es über 10 000 Institutionen weltweit. Der Day of Silence findet jeweils am zweiten Freitag im April statt, und 2026 ist er dreissig Jahre alt.
Das Schweigen ist symbolisch. Es soll spürbar machen, was queere Jugendliche in Schulen erleben: Ausgrenzung, Mobbing, das Gefühl, unsichtbar zu sein. Mehr als 80 Prozent von ihnen berichten laut Studien von Belästigung oder Übergriffen im Schulumfeld, fast 60 Prozent fühlen sich wegen ihrer sexuellen Orientierung unsicher. Am Ende des Tages wird das Schweigen gebrochen, mit Gesprächen, Versammlungen und öffentlichen Aktionen.
Ein Jubiläum mit bitterem Beigeschmack
Dreissig Jahre sollten ein Grund zum Feiern sein. Die Organisation Glisten, die den Day of Silence koordiniert, sieht das anders. «Wir sind in die Zustände von 1996 zurückgefallen», schreiben sie. In den USA werden Verbote von Konversionstherapien gekippt, LGBTQ+-Themen aus Schulen gestrichen, queere Jugendliche politisch instrumentalisiert. Der Supreme Court hat erst letzte Woche das Konversionstherapie-Verbot in Colorado zu Fall gebracht.
Wie mitmachen
Anmeldung oder feste Uhrzeit gibt es keine. Wer heute schweigt, wer auf Social Media mit #DayOfSilence postet oder in der eigenen Schule ein Zeichen setzt, ist dabei. Am Abend folgt das «Break the Silence». Keine grosse Geste nötig.

Maurice Müller
Online Redakteur
DISPLAY Magazin
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