Das Edelweissmuster steht scheinbar seit Urzeitenfür Folklore, Schwingen und ländliche Selbstinszenie-rung. Selbst der Bauernverband hat damit Imagekam-pagnen betrieben. Dabei ist das heute bekannte Edel-weisshemd jünger, als viele vermuten: es entstand inseiner populären Form erst in den 1960er- und 1970er-Jahren. Tradition ist also auch Konstruktion. HöchsteZeit, diesem ikonischen Stück ein Update zu verpassen.
Mode als Gesellschaftskritik
Genau hier setzt «Mini Schwiz, dini Schwiz» von Janis Kurz und Merel Wennekes an. Beide verstehen Mode nicht als dekoratives Produkt, sondern als kulturelles Werkzeug. Janis studiert Modedesign an der HEAD Genève und arbeitet mit einem technischen Blick auf Silhouetten und Materialien. Er dekonstruiert, verschiebt Kontexte, fragt nach Bedeutung.
«Mode, die mich interessiert, bewegt sich in der Schnittmenge von Kunst, Gesellschaftskritik, Handwerk und Innovation», sagt er.
Merel Wennekes, Designerin aus den Niederlanden mit Wohnsitz in Biel/Bienne, beschäftigt sich mit Geschlechterrollen, Herkunft und Kitsch. Durch Upcycling stark konnotierter Materialien entstehen Stücke, die Zuschreibungen nicht einfach reproduzieren, sondern hinterfragen. Entstanden ist das Projekt 2024, unterstützt durch das Sparx-Förderprogramm des Migros-Kulturprozents.
Aneignung nationaler Symbole
Die Kollektion versteht sich als Beitrag zu einer laufenden Debatte: Wem gehören nationale Symbole, und wer darf sie neu erzählen? «Durch das Aneignen von Swissness-Codes wollen wir bei der Geschichtsschreibung von Traditionen mitwirken», sagen Janis und Merel. Gemeint ist eine Schweiz, die Diversität nicht als Randnotiz versteht.
Gearbeitet wurde mit Fundstücken aus Brockenhäusern, mit bestehenden Trachtenelementen, mit Stoffen, die stark aufgeladen sind. Fast jedes Teil entstand zunächst als Prototyp, angepasst an konkrete Personen. Der Cast war zentral; die Kleidungsstücke wurden auf individuelle Körper und Biografien zugeschnitten. Dadurch entstand eine Nähe, die über reine Ästhetik hinausgeht.
Wie sensibel der Umgang mit Tradition ist, zeigte sich im persönlichen Umfeld. Als Janis die Tracht seiner Grossmutter studierte, wurde deutlich, wie viele Werte und Erinnerungen in einem solchen in Handarbeit angefertigten Stück stecken: Stolz, Zugehörigkeit, Heimat. Diese Gespräche machten klar, dass Transformation Respekt voraussetzt. «Wo sind wir nicht mutig genug – und wo müssen wir vorsichtiger sein?», blieb eine zentrale Frage.
Präsentiert wurde die Kollektion im August 2025 im Atelier von Merel Wennekes in Biel, unterstützt von der Berner Design Stiftung und der Stadt Biel. Neun Looks bildeten den Kern einer Modeperformance, ergänzt durch Fotografie, Video und eine offene Siebdruckstation. Das Publikum war Teil des Abends, nicht bloss Beobachter*in.
Das Ziel: Neugierig machen
«Mini Schwiz, dini Schwiz» liefert kein endgültiges Bild der Schweiz. Vielmehr öffnet das Projekt einen Raum für Auseinandersetzung. «Wir wünschen uns, Faszination, Inspiration und Neugier zu wecken», sagen die beiden. Gerade weil sie die Schweiz schätzen, wollen sie Helvetiens Symbole nicht unberührt lassen – sondern weiterdenken.
«ÜSI SCHWIZ»
Im Herbst 2026 folgt mit «ÜSI SCHWIZ» eine Ausstellung, die den Diskurs erweitert. Gemeinsam mit Erin Meier und Val Steiner sowie 16 weiteren Künstler*innen schaffen Janis Kurz und Merel Wennekes eine Plattform, auf der zeitgenössische Perspektiven auf Schweizer Traditionen sichtbar werden. Ziel ist ein offener, vielstimmiger Austausch über Zugehörigkeit, Identität und gesellschaftliche Realität.
Die Ausstellung wird vom 15. bis 29. Oktober im Ausstellungsraum des Bollag Ateliers in Basel stattfinden.
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