Die Zürich Pride 2026 findet ohne Festival statt. In der öffentlichen Debatte wurde das schnell erklärt: Die Sponsoren fehlen. Doch die Fakten erzählen eine andere Geschichte. Eine Analyse.
Die Absage wurde in Medien und auf Social Media rasch auf eine einfache Formel gebracht: Das Geld fehlt, denn die Geldgeber springen ab. Das Framing übernahmen politische Organisationen und die meisten Medien. Die Recherchen unseres Journalisten Mark Baer zeigen jedoch ein anderes Bild. Der langjährige Hauptsponsor Gilead hatte für 2026 nicht einmal eine Anfrage erhalten. Auch die Swiss, die ZKB und die UBS bekräftigten gegenüber der NZZ, die die Sponsoren ebenfalls direkt befragte, die Pride 2026 weiterhin unterstützen zu wollen und bestätigen damit die Erkenntnisse von DISPLAY.
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DISPLAY weiss: Das eigentliche Problem der Festival-Absage liegt woanders. Der Verein hat sich im letzten Jahr ein strukturelles Defizit eingehandelt. Nicht wegen ausbleibender Sponsoren, sondern wegen eines Vorstands, der die finanzielle Steuerung nicht im Griff hatte. Das Präsidium, das dieses Defizit zu verantworten hat, wurde abgewählt oder ist mittlerweile zurückgetreten.
Aktiv herbeigeführt, passiv kommuniziert
Hier beginnt das eigentliche Framing-Problem. Gegenüber den Medien kommuniziert der Verein nun aktiv die Absage primär als Folge abspringender Sponsoren und fehlender Finanzierung. Mehrere politische Organisationen übernahmen dieses Narrativ und stellten die Absage als wirtschaftliches Scheitern dar.
Die Finanzierungssituation war schwierig, das stimmt. Aber die Absage wurde durch Anträge an einer Mitgliederversammlung herbeigeführt, von einem Teil der Community, die das Festivalformat grundsätzlich ablehnen. Die Sponsoren sind nicht der Auslöser, sondern ein Argument in einer ideologischen Auseinandersetzung der Community.
Faktencheck: Sponsoren. Was die Recherchen zeigen
Gegenüber Tsüri.ch erklärte die Geschäftsführerin des Vereins, vier Monate vor dem Festival habe erst ein Sponsorpartner festgestanden. Man hätte sich über mindestens 100’000 Franken gefreut, sei davon aber «weit entfernt» gewesen.
Das deckt sich nicht mit den Recherchen von DISPLAY. Im Gespräch mit den Sponsoren des Vorjahres zeigt sich ein anderes Bild: Viele reagieren irritiert. Sie hätten längst zugesagt oder wären bereit gewesen. Wieder andere – darunter grosse, langjährige Partner – wurden bis Ende Januar gar nicht erst angefragt. «Normalerweise melden sie sich immer in der ersten Januarwoche bei mir», sagt ein betroffener Partner. «Jetzt ist Anfang Februar, und ich habe immer noch keine Anfrage für dieses Jahr.»
DISPLAY Journalist Mark Baer hat mit allen Sponsoren des Vorjahres gesprochen. Das Ergebnis: Alle wären dabei gewesen, die erwünschten 100’000 Franken wären höchstwahrscheinlich zusammengekommen. Die Frage ist nicht, ob das Geld gefehlt hat, sondern ob es je ernsthaft gesucht wurde. Eine vertiefte Analyse folgt in der Reportage in der kommenden Print-Ausgabe.
Trump ist an vielem schuld. Aber daran?
Der globale Rückgang von DEI-Engagements ist real. In den USA streichen Konzerne ihre Diversity-Programme, und der politische Druck auf queere Sichtbarkeit nimmt zu. Das Argument liegt nahe: Auch Unternehmen ziehen sich zurück. Doch die Recherchen von DISPLAY zeigen das Gegenteil. Sämtliche Sponsoren mit US-Bezug wären weiterhin dabei gewesen. Die einzige Firma, die tatsächlich ausgestiegen ist: Swisscom.
33’456 Franken Crowdfunding für 2026. Und jetzt?
Im Sommer 2025 lancierte der Verein eine Crowdfunding-Kampagne auf wemakeit mit dem Titel «Zurich Pride 2026 sichern». Das Ziel: 30’000 Franken. 196 Unterstützer*innen spendeten insgesamt 33’456 Franken – aus der Community, für die Community.
Wenige Monate später ist genau das Festival abgesagt, das mit diesem Geld gesichert werden sollte. Was mit den Mitteln passiert ist, hat der Verein bisher nicht kommuniziert. In den Instagram-Kommentaren unter dem Absage-Post fragen erste Stimmen: «Was macht ihr dann mit den Spenden, die ihr letztes Jahr gesammelt habt? Sind ja immerhin nur 30k? Darüber habt ihr bis jetzt kein Wort verloren.» Die Antwort gibt sich die Community auf Instagram selber, kurz und knapp: «Schulden bezahlt.»
Hinzu kommt: Der Verein hat sich 2023 eine bezahlte 80%-Geschäftsstelle (Kostenpunkt 89’700 CHF jährlich) geschaffen, primär, um das grosse Festival professionell zu organisieren. Ohne Festival fällt 2026 die Haupteinnahmequelle weg. Die laufenden Personalkosten bleiben. Die Verschuldung auch.
Eine Stadt, die sich gerne queer gibt
Bleibt noch ein Akteur, der eher im Hintergrund bleibt: die Stadt Zürich. Die Stadt inszeniert sich gerne als weltoffen und queer. Jedes Jahr werden von Zürich Tourismus queere Journalisten aus aller Welt eingeflogen, um das renommierte Zurich Pride Festival zu zeigen. Doch wenn es um konkrete Unterstützung geht, behandelt die Stadt die Zürich Pride eher wie eine Streetparade – als bewilligungspflichtigen Grossanlass – und nicht wie ein Sechseläuten, das als kulturelle Institution selbstverständlich getragen wird. Laut unseren Recherchen hat die Stadt dem Verein im vergangenen Jahr Gebühren von rund 30’000 Franken erlassen. Für einen Anlass dieser Grösse und Bedeutung ist das nicht mehr als eine symbolische Geste. Wer queere Sichtbarkeit feiert, aber queere Infrastruktur nicht fördert, betreibt Symbolpolitik. Wie sich die Stadtpräsidiumskandidaten dazu positionieren, steht in der kommenden Print-Ausgabe.
Stille Verluste in den Unternehmen
Zurück zu den Sponsoren: In vielen Unternehmen ist ein Pride-Sponsoring kein Selbstläufer. Einzelne Personen setzen sich intern dafür ein, oft gegen Widerstände und als Teil einer Diversity-Strategie, die nicht überall Begeisterung auslöst. Mit der Absage fällt dieses Engagement ins Leere. Nicht weil das Unternehmen Nein gesagt hätte, sondern weil der Verein selbst sein Festival abgewählt hat.
Wer diese Erfahrung einmal gemacht hat, wird kaum ein zweites Mal intern für ein Pride-Budget kämpfen. Und wer es dennoch versucht, muss künftig erklären, warum man in einen Verein investiert, dessen Community auf dem Buckel der Pride ideologische Machtkämpfe ausfechtet.
Kommen die Sponsoren 2027 zurück?
Ob der Verein 2027 zum Festival-Konzept zurückkehrt, ist offen. Die Landiwiese steht laut Geschäftsführerin eher nicht mehr zur Verfügung. Damit fällt der Ort weg, der die Zürich Pride zum Grossevent mit nationaler Ausstrahlung gemacht hat. Was bleibt, ist ein kleineres Format. Und die Frage, ob der Verein die Sponsoren überhaupt noch will. Oder ob die Sponsoren dann noch den Verein wollen.
Lies die ganzen Hintergrundrecherche von unserem Journalisten Mark Baer in der kommenden Print-Ausgabe.
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Titelbild: Sebastian Humbold
