Wer an diesem 18. Juli den Freiheitsplatz in Bratislava betreten wollte, musste zunächst durch eine Sicherheitskontrolle. Nur über wenige gesicherte Zugänge an der Žilinská-, der Mýtna- und der 1.-mája-Strasse liess die Polizei die Menschen auf das Gelände. Rund 200 Einsatzkräfte waren vor Ort, über den Köpfen kreisten Drohnen, und den genauen Verlauf der Route hatten die Organisatoren aus Sicherheitsgründen erst kurzfristig bekannt gegeben.
Trotz Temperaturen um die 30 Grad füllte sich der Platz schnell. Nach Schätzungen des Sicherheitsteams nahmen rund 10’000 Menschen am 16. Dúhový Pride teil – der Regenbogenparade der slowakischen Hauptstadt.
Dass so viele Menschen erschienen, ist in der heutigen Slowakei alles andere als selbstverständlich. «Das Leben als LGBTI+-Person in diesem Land verlangt eine gehörige Portion Mut», hatten die Veranstalter bereits im Vorfeld geschrieben. Genau dieses Wort – Mut (odvaha) – zog sich wie ein roter Faden durch den gesamten Tag.
«Ein Fest, ja. Aber vor allem ein Protest.»
Auf der Bühne machte Pride-Direktorin Lucia Horváthová keinen Hehl daraus, wie viel Überwindung sie ihr Auftritt kostete.
«Ich stehe trotz meiner Angst hier», sagte sie. Der Pride sei zwar ein Fest – «aber er war immer und ist vor allem eines: ein Protest.»
Auch Sabrina Katonoff von der Trans-Organisation Transfúzia erzählte offen, dass sie kurz vor ihrer Rede überlegt habe, gar nicht erst ans Mikrofon zu treten.
Silvia Porubänová, Direktorin des Slowakischen Nationalen Menschenrechtszentrums, griff das diesjährige Motto auf und machte deutlich, worum es geht: Mut bedeute heute, sichtbar zu bleiben, zu sich selbst zu stehen und die eigenen Rechte nicht kampflos preiszugeben. Gerade in einer Zeit zunehmender gesellschaftlicher Polarisierung sei das für viele Menschen der queeren Community zur täglichen Realität geworden.
Wenn der Staat trans Menschen einfach ausblendet
Diese Polarisisierung ist längst auch in der Gesetzgebung angekommen.
Im September 2025 verabschiedete das slowakische Parlament mit der erforderlichen Dreifünftelmehrheit eine Verfassungsänderung, der sogar zwölf Oppositionsabgeordnete zustimmten.
Seither kennt die Verfassung offiziell nur noch zwei Geschlechter. Adoptionen bleiben faktisch verheirateten Paaren vorbehalten, und in sogenannten kulturell-ethischen Fragen beansprucht der Staat Vorrang vor EU-Recht. Die Ehe wiederum ist weiterhin ausschliesslich Mann und Frau vorbehalten. Ministerpräsident Robert Fico hatte gleichgeschlechtliche Ehen in der Vergangenheit mit einer Verbindung «zwischen Hund und Katze» verglichen.
Pride-Hauptorganisator Martin Macko bringt den Widerspruch auf den Punkt: Während sich viele Länder weiter öffnen, ziehe die Slowakei ihre gesetzlichen Grenzen immer enger – bis hin dazu, dass trans Menschen faktisch ihre rechtliche Anerkennung verlieren.
Auch Amnesty International kritisiert diese Entwicklung scharf. Landeschef Rado Sloboda spricht von dem Versuch, ein queerfeindliches Klima dauerhaft zu verankern und gleichzeitig Menschenrechte sowie den Rechtsstaat auszuhöhlen.
Kritik kam auch aus Straßburg. Der Menschenrechtskommissar des Europarats, Michael O’Flaherty, warnte bereits vor der Abstimmung, die Reform leugne die Lebensrealität von trans- und intergeschlechtlichen Menschen. Beobachter ziehen dabei immer wieder Parallelen zum Nachbarland Ungarn, dessen Politik der slowakischen Regierung zunehmend als Vorbild dient.
Vier Jahre nach dem Attentat
Wie eng Sichtbarkeit und Bedrohung in der Slowakei bis heute miteinander verbunden sind, zeigte eine besonders bewegende Station des Demonstrationszuges.
Vor der ehemaligen Bar Tepláreň in der Zámocká-Strasse legte der Pride einen Halt ein. Hier erschoss im Oktober 2022 ein rechtsextremer Attentäter die beiden jungen Männer Matúš Horváth und Juraj Vankulič und nahm sich anschliessend selbst das Leben.
Der Doppelmord gilt bis heute als Wendepunkt für die queere Bewegung des Landes.
Fast vier Jahre später hielt der Demonstrationszug an diesem Ort inne. Lucia Horváthová erinnerte an die Opfer und warf jenen Politikerinnen und Politikern vor, das Leid queerer Menschen für ihre politische Agenda zu instrumentalisieren.
Der Pride verstand sich in diesem Jahr ausdrücklich auch als Zeichen der Solidarität – mit queeren Menschen in der Ukraine, in Ungarn und in Palästina.
Unterstützung kam auch aus Brüssel. Die französische Europaabgeordnete Mélissa Camara, selbst ehemalige LGBT-Aktivistin, nahm am Demonstrationszug teil.
Niemand solle das Gefühl haben müssen, dass das eigene Land gegen ihn oder sie stehe, sagte sie. Den politischen Kurs der Slowakei bezeichnete sie als Teil eines demokratischen Rückschritts, den sie inzwischen in mehreren europäischen Ländern beobachte.
Auch bekannte Persönlichkeiten wie der Schauspieler Ady Hajdu zeigten ihre Solidarität.
Ein paar Strassen weiter: rote Ballons statt Regenbogen
Fast zeitgleich versammelten sich auf dem nahe gelegenen Jakubovo námestie einige Hundert Menschen zum konservativen Gegenmarsch «Hrdí na rodinu» («Stolz auf die Familie»).
In roten T-Shirts warben sie unter dem Motto «Die Ehe schützt Kinder» für das klassische Familienbild und liessen Ballons mit der Aufschrift «Mama und Papa für immer» in den Himmel steigen.
Organisator Anton Chromík von der Allianz für die Familie wertete die Teilnahme als Erfolg.
Man sehe hier viele Familien und viel Freude. Genau das wolle man dem ganzen Land zeigen: Kinder bräuchten Vater und Mutter.
Zwei Demonstrationen, ein Nachmittag und nur wenige hundert Meter Luftlinie voneinander entfernt.
Kaum ein Bild beschreibt die gesellschaftliche Spaltung der Slowakei derzeit treffender.
Der Pride endete am Abend mit Konzerten auf dem Freiheitsplatz. Laut Polizei verlief die Veranstaltung ohne Zwischenfälle.
Was bleibt, ist vor allem eine Erkenntnis: In der heutigen Slowakei ist Sichtbarkeit für queere Menschen keine Selbstverständlichkeit – sondern eine Frage des Mutes.
