Die Apotheke, die PrEP in der Schweiz früher möglich machte

Medizin

Ein Mann steht vor einer Apotheke
Thomas Kappeler führt die Apotheke Schaffhauserplatz. (Alls Fotos: Sharon Stucki, Select Agency)
Die Apotheke Schaffhauserplatz in Zürich versorgte die Community mit preisgünstiger PrEP, noch bevor die entsprechenden Medikamente in der Schweiz erhältlich waren. Interview mit einem engagierten Apotheker.

DISPLAY: Thomas, wie kam es dazu, dass du die Apotheke Schaffhauserplatz übernommen hast?

Thomas Kappeler: Vor dem Kauf der Apotheke war ich als Apotheker in einem medizinischen Verlag tätig. Wir beschäftigten uns fundiert mit dem Nutzen von Medikamenten. Anfangs der 1990-er Jahre gab es noch kein Internet, das Suchen und Finden klinischer Studien war enorm aufwendig. Wir analysierten diese und stellten die gebündelten Informationen medizinischen Fachpersonen zur Verfügung. Eine eigene Apotheke bot mir die Möglichkeit, Wissenschaftlichkeit in den Apothekenalltag zu integrieren.

Du warst mit dem Import eines günstigen PrEP-Generikums ein Pionier in der HIV-Prävention in der Schweiz und hast dabei viel für die Community getan. Können wir in diese Zeit zurückschauen?

Im Februar 2018 war ich an einem Kongress, an dem Zahlen aus England und den USA zur Wirkung von PrEP präsentiert wurden. Angesichts der eindrücklichen Resultate wurde mir sofort bewusst: Die Schweiz braucht PrEP. Allerdings gab es nur das teure Originalmedikament (Truvada®). Ich suchte das Gespräch mit dem Referenten, Prof. Jan Fehr vom Universitätsspital Zürich, und versprach, ein Generikum aus dem Ausland zu importieren. Er unterstützte mich vollumfänglich. Entgegen aller rechtlicher Bedenken starteten wir im März 2018. Die Tatsache, dass Truvada® nur zur Therapie von HIV und nicht auch zur Prophylaxe registriert war, ebnete uns den Weg: Wir importierten günstige PrEP-Generika aus Deutschland und verkauften diese gegen Rezept. Dabei unterstützten uns Checkpoints, Kantonsspitäler und die AIDS-Hilfe mit ihrem Netzwerk.

Wie kam es zum Online-Shop?

Viele schwule Männer besorgten sich PrEP per Post auf eigene Faust – vor allem aus Asien, Indien oder England. Im April 2019 schränkte Swissmedic diese Möglichkeit plötzlich restriktiv ein. In unseren Augen stellte das eine Bedrohung der Versorgungslage dar. Nicht alle Schweizer Kunden konnten in unsere Apotheke nach Zürich kommen. 
Wir starteten deshalb das Projekt swissprep.ch und bauten einen Onlineshop. HIV-Neuinfektionen können dank PrEP wirksam bekämpft werden, und PrEP ist gesundheitspolitisch enorm wichtig. Trotz aller Hürden erhielten wir schliesslich die Zulassung der kantonalen Heilmittelkontrolle für unseren Shop. Seither versorgen wir die ganze Schweiz über swissprep.ch.

Computer with a screen saying "Safer Sex, Zuverlässiger Schutz vor HIV. Erfahren Sie mehr zur medikamentösen Prävention mit PrEP" und ein knopf "Zu den FAQ's"

Warum war dir das persönlich wichtig?

Mit Jahrgang 1962 gehöre ich zu einer Generation, die das schreckliche Gesicht der HIV-Pandemie hautnah miterlebt hat. AIDS war tödlich. Ab 1987 gab es das erste HIV-Medikament. Forscher und Infektiologen entdeckten später, dass HIV-Medikamente auch prophylaktisch eingesetzt werden können. 2012 wurde PrEP in den USA zugelassen.

Warum ist oder war das Thema PrEP deiner Meinung nach so wichtig für die Community?

PrEP verhindert HIV-Infektionen sehr wirksam und kann zu einer angstfreien Sexualität verhelfen. Dank der Diskussion rund um PrEP werden auch andere sexuell übertragbare Krankheiten entstigmatisiert und engmaschiger getestet. Früher war «MSM» (Männer, die Sex mit Männern haben) ein Schmuddelwort. Heutzutage wird MSM in der Medizin zunehmend als wertfreier Begriff gehandhabt. Das ist ein grosser Erfolg.

Seit 2024 kann PrEP über die Krankenkasse abgerechnet werden. Was hat sich dadurch verändert?

Der Zugang wurde nochmals erleichtert, mehr schwule Männer denn je verwenden PrEP. Kosten-Nutzen-Analysen zeigen klar auf: Bei gezieltem Einsatz ist PrEP für unser Gesundheitssystem unter dem Strich kostensparend.

Das Apothekenteam steht hinter dem Bedientresen und posiert gemeinsam für ein Foto.
Kompetente Beratung: Das engagierte Team der Apotheke Schaffhauserplatz.

Wie sieht es mit möglichen Nebenwirkungen aus?

Die klinisch wichtigsten Nebenwirkungen von PrEP sind Magen-Darm-Beschwerden, leichte Nierenfunktionsstörungen und eine geringe, reversible Abnahme der Knochendichte. In der ärztlichen Konsultation findet unter anderem eine regelmässige Kontrolle der Nierenfunktion statt.

Ist deiner Meinung nach PrEP ausreichend zur HIV-Prävention? Braucht es das Kondom überhaupt noch?

Korrekt angewendet, nützt PrEP wirksam gegen HIV. Kondome schützen zusätzlich, zudem auch gegen Gonorrhoe (Tripper), Chlamydien, Trichomonaden und Hepatitis B. Ferner vermindern Kondome die Übertragung von Syphilis, Herpes simplex und HPV (Humanes Papillomavirus).

Welche sexuell übertragbare Krankheit siehst du heute als besonders bedrohlich, und welchen Beitrag leistet deine Apotheke?

HIV bleibt besonders bedrohlich, da eine Heilung zurzeit noch nicht möglich ist. Darum ist die Prävention enorm wichtig: Routinemässiges Testen, die Behandlung aller HIV-Positiven, Kondome, HIV-PrEP und HIV-PEP. Ferner steht mit Doxy-PEP eine wichtige neue Strategie zur Verhinderung von Syphilis und Chlamydien zur Verfügung. Wir halten alle Medikamente stets an Lager und bieten bei Bedarf eine sorgfältige pharmazeutische Beratung an.

Begegnen dir im Berufsalltag spezifische Fragen und Unsicherheiten in der Gay-Community?

Wir haben nach wie vor viele HIV-Kunden. Diese erhalten Medikamente oft fraglos direkt von ihrem Arzt. Das muss nicht akzeptiert werden. Redliche Ärzte fragen ihre Patienten, wo diese ihre Medikamente beziehen möchten und stellen immer ein Rezept aus. Ein Rezept gewährleistet einen ortsunabhängigen Zugang zu den Medikamenten und ermöglicht eine pharmazeutische Fachberatung (zum Beispiel Wechselwirkungskontrolle).

«Korrekt angewendet, nützt PrEP wirksam gegen HIV. Kondome schützen zusätzlich, zudem auch gegen Tripper, Chlamydien, Trichomonaden und Hepatitis B. Ferner vermindern Kondome die Übertragung von Syphilis, Herpes und HPV».

Eine weitere Unsicherheit betrifft Lieferengpässe. Als spezialisierte Apotheke verfügen wir über grosse Kontingente, und als Logistiker finden wir in der Regel immer einen Weg, Engpässen mit pragmatischen Lösungen auszuweichen.

Was planst du in deiner Apotheke, um die Community auch weiterhin bestmöglich zu unterstützen?

Bei PrEP sind wir die günstigste Verkaufsstelle der Schweiz: Für Selbstzahler kostet PrEP 49 Franken. Den Krankenkassen gewähren wir 15 Prozent Rabatt auf den offiziellen Verkaufspreis von 72 Franken. Die Rabattierung gilt übrigens für alle kassenpflichtigen Generika. In Zukunft werden auch in der Schweiz sehr wahrscheinlich langwirksame PrEP-Optionen verfügbar sein. Die 2-Monatsspritze (Cabotegravir, Apretude®) ist in der EU bereits als PrEP zugelassen. Eine 6-Monatsspritze (Lenacapavir) befindet sich im Zulassungsprozess. Diese Medikamente werden jedoch sehr teuer sein. Die Diskussion um die Kassenpflicht wird länger dauern. Wir bleiben dran.

Und was möchtest du uns zum Abschluss von dir erzählen?

Ich lebe in einer glücklichen Beziehung mit meinem Partner. Literatur ist mein Steckenpferd. Und ich bin gerne in der Natur – was gibt es in der Schweiz Schöneres als das Gebirge.

▶ Weiterführende Infos: swissprep.ch | platz.ch

Thomas Kappeler steht in der Apotheke und stützt seinen Arm auf den Tresen.

Geschichte der PrEP

2012: Zulassung von Truvada® in den USA als PrEP (Indikationserweiterung). Vorher war das Medikament nur als Therapie für Menschen mit HIV gedacht.

2015: Die WHO empfiehlt PrEP offiziell für Menschen mit erhöhtem HIV-Risiko.

2017: Erste Generika kommen auf den Markt. Das führt zu sinkenden Preisen.

2018: Die Apotheke Schaffhauserplatz verkauft erstmals ein PrEP-Generikum in der Schweiz. Es ist wesentlich günstiger als das Originalmedikament.

2019: Mit der Gründung des Online-Shops swissprep.ch ermöglicht die Apotheke Schaffhauserplatz eine landesweite Versorgung mit PrEP.

2020: Werden erstmals PrEP-Medikamente in der Schweiz durch Swissmedic zugelassen.

2024: Ab 1. Juli wird die PrEP von den Krankenkassen in der Schweiz übernommen.

Eine Hand, die Pillen hält

Mathias Steger

Redaktion
DISPLAY Magazin

Artikel jetzt teilen

Veröffentlicht:

18.06.2026

Weitere Artikel zum Thema

Das Bild zeigt die Brust eines Mannes und seine Hand, die eine Spritze hält.

Gesundheit

Member

Der Konsum psychoaktiver Substanzen im sexuellen Kontext wird häufig skandalisiert oder tabuisiert. Dabei ist das Phänomen längst in verschiedenen Communities angekommen und eng mit Fragen von Intimität, Zugehörigkeit und Selbstwahrnehmung verbunden. DISPLAY befragte

13.05.2026
Eine Person hält eine blaue Tablette zwischen zwei Fingern. Im Hintergrund ist ein Gesicht unscharf zu erkennen.

Medizin

Neue Ergebnisse aus London und San Francisco zeigen, dass HIV bei einzelnen Menschen über Monate oder sogar Jahre ohne antiretrovirale Medikamente kontrolliert werden konnte. Für den Alltag ist das noch keine neue Behandlung.
30.05.2026
Mehr gibt es leider gerade nicht. Wir schreiben fleissig weiter.