Herr Stephan, welches ist das grösste Missverständnis, das Paare in ihrer Beziehung haben?
Ich bin nicht sicher, ob wir von Missverständnis sprechen können. Über eine unglaublich lange Zeit wurde uns vorgegeben, wie eine Beziehung sein soll. All das hat sich im «Kollektiv-Bewusstsein» der Menschheit abgespeichert. Wir verharren immer noch viel zu sehr in dem Glauben, der Partner wäre verantwortlich, mir meine Bedürfnisse zu nähren, mich glücklich zu machen usw.
Das ist gar nicht möglich, diese Verantwortung tragen wir alle selbst, es ist unser eigener Zuständigkeitsbereich und kein Partner hat hellseherische Fähigkeiten. Wenn wir nicht über unsere Bedürfnisse kommunizieren, kann auch niemand Unterstützung bieten.
Beziehungen jeglicher Art sind im Aussen im «integralen Menschenbild». Damit es uns gut geht, müssen wir die Verantwortung für unser Inneres übernehmen. Wenn beide Seiten einer Partnerschaft im Inneren wohl und zufrieden sind, dann kann man gemeinsam im «System» auch wunderschöne Partnerschaften leben.
Warum fällt es so vielen Menschen schwer, offen über ihre Wünsche und Vorstellungen zu sprechen?
Das Grundbedürfnis nach «Zugehörigkeit» ist bei uns sehr ausgeprägt und wenn dann noch eine Kindheit dazu gekommen ist, in der man ausgeschlossen wurde oder einem die Liebe entzogen wurde, wenn man nicht gemacht hat, was man sollte, dann ist der Wunsch danach noch ausgeprägter.
Wenn wir also kommunizieren, dann meist nur so weit, dass wir nicht auf Ablehnung stossen können oder das Gefühl bekommen, wir würden ausgeschlossen. So lässt es sich natürlich nicht offen und ehrlich sprechen.
Mein Tipp: gebt eurem Gegenüber nie das Gefühl, er würde ausgeschlossen oder nicht mehr geliebt, wenn er etwas sagt, das auf eurer Empfängerseite nicht wie gewünscht ankommt. Das, so denke ich, kann man auch einen Teil der «Liebe» nennen.
Was ist dein Tipp für Paare, die sich im Schlafzimmer wieder näherkommen möchten?
Einfach machen, ja genau, machen – und bitte nicht unbedingt im Schlafzimmer, denn das ist ja bekanntlich zum «Schlafen» da…
Seine eigenen Bedürfnisse kennen und auf den anderen eingehen ist sicher hilfreich. Die einen sind gut für die Kommunikation darüber, die anderen nicht. Etwas ausprobieren und dann drüber reden, ist sicher genauso gut wie umgekehrt, es muss für beide stimmen.
Sexualität ist ein «Grundbedürfnis» von Lebewesen, das hängt mit der Reproduktion zusammen. Ich glaube, das ist bei uns nicht ganz so stark ausgeprägt…smile
Sex ist eine reine «Handlung», also eine Strategie, um sich Bedürfnisse zu nähren, egal, welche das sind.
Ganz nach Georges Simenon «Sex ist sehr unkompliziert, wenn man von keinem Komplex, sondern von einem Bedürfnis geleitet wird».
Klaus Stephan
Klaus Stephan hat seit 12 Jahren eine Coachingpraxis in Zürich. Er begleitet hauptsächlich Menschen in Beziehungs- und Paarproblematiken. Zusätzlich zu seinen Coachingausbildungen hat er ein eidg. Diplom in Erwachsenenbildung. Er doziert bei Living Sense und Soul Sense und leitet unter anderem einen Diplomlehrgang zum Beziehungs- & Paarcoach. Er arbeitet nicht nur mit dem «integralen Ansatz», er verwirklicht sein eigenes Leben auch ganzheitlich.
Klaus Stephan | der coach GmbH
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