Wes Streeting ist vieles: Politiker, ehemaliger Gesundheitsminister und seit Kurzem Grossbritanniens erster offen schwuler Verteidigungsminister. Dass er schwul ist, sollte dabei eigentlich keine grosse Nachricht mehr sein. Für seine homophoben Kritiker offenbar schon.
Streeting berichtet von einer «unglaublichen Menge» homophober Anfeindungen, seit er das Verteidigungsressort übernommen hat. Eine solche Welle habe er in seiner bisherigen politischen Karriere noch nicht erlebt.
Dabei steht seine Ernennung für einen bemerkenswerten Wandel. Noch bis ins Jahr 2000 durften homosexuelle Menschen in den britischen Streitkräften nicht offen dienen. Wer als schwul oder lesbisch bekannt wurde, riskierte den Ausschluss aus dem Militär. Heute steht ausgerechnet ein offen schwuler Mann an der Spitze des britischen Verteidigungsministeriums.
Streeting selbst betrachtet es als Zeichen des Fortschritts, dass seine sexuelle Orientierung in der politischen Berichterstattung kaum eine Rolle spielt. Er wolle schliesslich nicht auf seine Homosexualität reduziert werden.
Die Reaktionen zeigen allerdings, dass gesellschaftlicher Fortschritt nicht überall angekommen ist. Für einige scheint die Vorstellung eines schwulen Mannes in einer der mächtigsten und traditionell männlich geprägten Positionen des Landes noch immer eine Provokation zu sein.
Besonders bemerkenswert ist der Kontrast zur jüngeren Geschichte des britischen Militärs. Ein Mitarbeiter des Verteidigungsministeriums soll Streeting erzählt haben, wie viel es ihm bedeute, einen schwulen Verteidigungsminister zu erleben – gerade weil er sich noch an eine Zeit erinnert, in der Homosexualität im Militär Konsequenzen für die eigene Karriere haben konnte.
Vom Ausschluss zur Spitze: Innerhalb einer Generation hat sich die Position queerer Menschen in den britischen Streitkräften grundlegend verändert. Dass Streeting heute trotzdem Ziel massiver homophober Angriffe wird, macht deutlich, dass rechtliche Gleichstellung und gesellschaftliche Akzeptanz zwei verschiedene Dinge sind.
Streetings Geschichte erzählt deshalb von beidem: davon, wie weit sich Grossbritannien verändert hat – und davon, wie viel Homophobie noch immer sichtbar wird, sobald queere Menschen Macht und Autorität übernehmen.
