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Vom Velo zur Ikone: die Geschichte des Jockstraps

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(Bild: dailyjocks.com)
Erst gegen Bostons Kopfsteinpflaster, dann für schwule Männer: 150 Jahre Halt mit drei Riemen.

Boston, 1874. Die Strassen sind mit Kopfsteinpflaster belegt, und darüber holpern Männer auf Velos, die noch keine Federung kennen. Wer so den ganzen Tag unterwegs ist, spürt jeden Stein, und zwar genau dort, wo es am meisten wehtut. Für diese «Bicycle Jockeys» entwarf Charles F. Bennett, Angestellter der Chicagoer Sportartikelfirma Sharp & Smith, eine Lösung aus Gummiband und Stoff: den «Bike Jockey Strap».

Schwulengeschichte · 150 Jahre Jock

Holpern in Boston

Boston, 1874. Die Strassen sind mit Kopfsteinpflaster belegt, und darüber holpern Männer auf Velos, die noch keine Federung kennen. Wer so den ganzen Tag unterwegs ist, spürt jeden Stein, und zwar genau dort, wo es am meisten wehtut. Für diese «Bicycle Jockeys» entwarf Charles F. Bennett, Angestellter der Chicagoer Sportartikelfirma Sharp & Smith, eine Lösung aus Gummiband und Stoff: den «Bike Jockey Strap».

Ein Patent für den Sattel

Ganz neu war die Idee nicht. Ein Suspensorium, also einen stützenden Beutel für die empfindlichste Stelle des Mannes, gab es schon seit den 1820er-Jahren. Bennett machte daraus etwas für den Sattel. 1897 gründete er die Bike Web Company und liess sich am 30. November seinen «Combined Jock Strap and Suspensory» patentieren. Danach lief die Massenproduktion an.

Aus dem «Bike Jockey Strap» wurde bald der «Jock Strap» und schliesslich einfach der «Jock». Im amerikanischen Englisch steht das Wort heute auch für den Sportler selbst, den Typen aus dem Footballteam. Wer den Jock aus unserem Gay Dictionary kennt, weiss jetzt, woher er seinen Namen hat.

Bild: US-Patent 594'673

Breiter Bund, wenig Sexappeal

Verführerisch sahen die frühen Modelle nicht aus. Der Bund war meist 7,5 Zentimeter breit, bei manchen sogar 15, und Beutel und Bund bestanden oft aus demselben derben Gummigewebe. Ein Exemplar aus der Zeit des Ersten Weltkriegs, hergestellt von Hopkin's Bros. in Des Moines, liegt heute im Archiv des San Diego Air & Space Museum.

Verkauft wurde der Jock in Sportgeschäften und Drogerien, oft in bunten Schachteln. Es ging aber auch per Post: Die Walter F. Ware Company aus Philadelphia verschickte ihren «Mizpah No. 44» laut einem Inserat von 1922 für 75 Cent, mit zwei Wochen Probezeit und Geld zurück, falls er nicht passt. Und ein Versprechen, das heute keine Marke mehr macht: Man darf ihn auskochen.

Bild: SDASM Archives
Bild: AdComplete, CC BY-SA 3.0, via Wikimedia Commons
Bild: Wikimedia Commons

Die harte Schale kommt aus Kanada

Für Eishockeyspieler reichte Stoff allein nicht. 1927 setzte die Firma Guelph Elastic Hosiery in Guelph, Ontario, eine harte Schale in den Beutel. Entwickelt hat sie Jack Cartledge, Sohn des Firmengründers und selbst Eishockey-, Fussball- und Footballspieler. Verkauft wurde der Schutz unter dem Namen «Protex», und Guelph bekam den Spitznamen «Jockstrap-Hauptstadt der Welt».

Bild: WAvegetarian, CC BY-SA 3.0, via Wikimedia Commons

Angst vor dem schlappen Jock

Vorne bedeckt, hinten frei

Was für Sportler praktisch war, sahen schwule Männer mit anderen Augen. In den Fünfziger- und Sechzigerjahren zeigten Muskelmagazine wie «Physique Pictorial» durchtrainierte Männer in weissen Jockstraps, und Tom of Finland zeichnete ihn in seine Fantasien. Der Reiz liegt im Schnitt: Vorne wird betont, hinten bleibt alles frei. Dazu kommt das Spiel mit Männlichkeit. Wer einen Jock trägt, holt sich Umkleidekabine und Footballfeld ins Schlafzimmer, also genau die Welt, in der sich viele Schwule damals verstecken mussten.

In den Siebzigern gehörte er längst in Bars, Clubs und die Fetischszene. Der Fotograf Hal Fischer hielt 1977 in seiner Serie «Gay Semiotics» fest, wie Männer im Castro-Viertel von San Francisco mit Kleidung Signale setzten, den Jock inklusive. Im August 1983 fotografierte Andy Warhol den Maler Jean-Michel Basquiat im Jockstrap. Tom Bianchi mit seinen Polaroids von Fire Island und Bruce Weber mit seinen Männerbildern machten ihn endgültig zum Teil der queeren Bildwelt.

Bild: Wikimedia Commons

Totgesagt und zurück

Im Sport wurde es ruhiger um ihn, Kompressionsshorts übernahmen. Russell Athletic kaufte Bike 2003 und erklärte die Marke 2017 für beendet. Eine Investorengruppe um Alex Angelchik holte sie zurück. Wer heute dort bestellt, spielt meist kein Football: Rund 70 Prozent der Kundschaft seien schwule Männer, sagte Angelchik 2024 der Nachrichtenagentur AP, pünktlich zum 150. Geburtstag des Jocks.

Auch die Mode hat ihn entdeckt. Calvin Klein, JW Anderson, Gucci und Rick Owens haben Jockstraps auf den Laufsteg gebracht. Thom Browne hängte im Juni 2022 in Paris fast eine ganze Kollektion daran auf und nannte ihn das ultimative männliche Kleidungsstück. Selbst Kristen Stewart posierte Anfang 2024 im Bike-Jock auf dem Cover des «Rolling Stone».

Am Grundriss hat sich in 150 Jahren erstaunlich wenig geändert: ein Bund, ein Beutel, zwei Riemen. Dazu gibt es heute Mesh, Microfaser, Leder, Neonfarben und Logo-Bünde. Die Velofahrer von Boston hätten sich das wohl nicht träumen lassen: Ihr Schutz gegen das Kopfsteinpflaster ist heute ein Kleidungsstück, das man gerne zeigt.

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Bild: US-Patent 594'673
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Bild: Bike Web Manufacturing Company
Bild: Wikimedia Commons

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Veröffentlicht:

08.11.2026

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