Frankreichs neue Bürgermeister tilgen queere Symbole aus dem Stadtbild

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Symbolbild. (Bild: Melissa Faust auf Pixabay)

In Elne und Faches-Thumesnil haben neue rechte Bürgermeister Regenbogenfahnen abgehängt und eine Pride-Veranstaltung gestrichen. Sie nennen es Neutralität.

Ende März 2026 fanden in Frankreich Gemeindewahlen statt, bei denen mehrere Städte den politischen Kurs wechselten. In Elne, einer 9700-Einwohner-Gemeinde nahe Perpignan im Département Pyrénées-Orientales, gewann Steve Fortel mit knapp 48 Prozent der Stimmen. Was er danach tat, liess wenig Interpretationsspielraum: Er liess die Regenbogenfahne vom Rathausgiebel entfernen, wo sie fünf Jahre gehangen hatte, und den Regenbogenzebrastreifen vor dem Rathaus weissübermalen. Der Übergang war 2021 während einer Welle von Übergriffen auf Mitglieder der Community eingerichtet worden.

Fortel, den regionale Medien dem rechtsextremen Spektrum zuordnen, obwohl er das selbst bestreitet, begründete die Massnahmen in der Gemeinderatssitzung vom 21. April knapp: Der öffentliche Raum von Elne solle neutral bleiben. Weitere Diskussionen wünschte er nicht.

Ein Wort erledigt viel

Neutralität ist ein nützliches Wort. Es klingt vernünftig, beinahe technisch, und es bringt jede Gegenfrage in Erklärungsnot. Wer Neutralität fordert, braucht keine Position zu begründen, sondern nur eine bestehende wegzudefinieren.

Im Département Pyrénées-Orientales war Elne eine der ersten Gemeinden gewesen, die solche Symbole im öffentlichen Raum zeigte, bevor andere Gemeinden wie Cabestany, Toulouges und Saint-Laurent-de-la-Salanque nachzogen. Sein Vorgänger Nicolas Garcia, kommunistischer Bürgermeister, hatte die Massnahmen als direkte Reaktion auf Diskriminierungsmeldungen eingeführt. Für Alexandra Puig, Co-Präsidentin der Lokalorganisation LGBT+66, ist der entscheidende Punkt nicht das Fehlen der Fahne an sich, sondern das Übermalen: «Was mich stört, ist das Abdecken, das Unsichtbarmachen, das Verbergen.»

Wenige hundert Kilometer nördlich, in Faches-Thumesnil bei Lille, spielte sich Ähnliches ab. Auch dort hatte die Gemeindewahl einen Wechsel gebracht: Brice Lauret, als «divers droite» eingestuft, löste den LFI-Bürgermeister Patrick Proisy ab. Lauret liess die Regenbogenfahne am 16. April unter Berufung auf das Neutralitätsgebot entfernen und sagte am 17. April die sechste Ausgabe der lokalen Fiertés-Veranstaltung ab, die für den 25. April geplant gewesen war. Als Begründung nannte er Organisationsprobleme. Sein Vorgänger widerspricht: Alles sei bereits abgeklärt gewesen.

Kein Einzelfall

Das Collectif Lille Pride, das einen Protestmarsch für denselben Samstag organisierte, nahm die Erklärung nicht ab. In ihrer Stellungnahme, mitunterzeichnet von rund dreissig Verbänden, Gewerkschaften und Parteien, schrieben die Organisatoren, solche Entscheide «nährten einen nationalen und internationalen Anstieg der Gewalt gegen LGBTQIA+-Personen».

Die Zahlen dahinter sind amtlich. Laut dem Statistikdienst des Innenministeriums wurden 2024 in Frankreich 4800 Straftaten mit antiqueerer Motivation registriert, 5 Prozent mehr als im Vorjahr. Seit 2016 ist die Zahl der Vergehen und Delikte in dieser Kategorie im Jahresschnitt um 14 Prozent gestiegen. Der Anteil der Anzeigen bleibt verschwindend klein: Nur etwa 4 Prozent der Betroffenen erstatten überhaupt Anzeige.

Julia Torlet von SOS Homophobie nannte das politische Klima im Mai 2025 «délétère». Politische Akteure multiplizierten antiqueere Aussagen, die Hassakten Legitimität verliehen und sich in die Gesellschaft einschlichen. Was in Elne und Faches-Thumesnil geschah, fügt sich in dieses Klima. Regenbogenfahnen und bemalte Übergänge sind seit Jahren Gegenstand organisierter rechter Gegenmobilisierung. Die Entscheidungen dieser Wochen sind keine Kommunalpolitik wie jede andere. Sie sind Teil einer erkennbaren Linie, die genau weiss, was sie tut, wenn sie sich auf Neutralität beruft.

Maurice Müller

Online Redakteur
DISPLAY Magazin

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Veröffentlicht:

24.04.2026

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