In den USA wurden in diesem Jahr mehr als 700 Gesetzesentwürfe eingebracht, die Rechte der LGBTIQ-Community beschneiden. Von Verboten für queere Themen im Unterricht bis hin zu gekürzten Fördermitteln für Projekte wie die Pride Study an der Stanford University in Kalifornien. Auch in der Schweiz zeugen der zähe Widerstand gegen das Verbot von Konversionsmassnahmen und die zahlreichen Vorstösse zu Behandlungsverboten für trans Personen davon, wie stark queerfeindliche Gruppen weiterhin gegen Fortschritt und Gleichstellung arbeiten.
Tabea Hässler hält eine Professur im Bereich Sozialpsychologie und Gruppenbeziehungen an der Universität Zürich. Die 37-jährige Person sieht angesichts dieser Entwicklungen in den Staaten eine reale Gefahr: «Wer den Begriff FLINTA als Woke-Wahnsinn abtut, vergisst, dass schwule Männer lange Zeit in der Schweiz kriminalisiert und pathologisiert wurden.»
Für Tabea ist FLINTA* deshalb eine notwendige Sichtbarmachung aller, die unter Sexismus leiden. Hässler wünscht sich, dass die verschiedenen Gruppen in der Community und nach aussen aktiv sichtbar gemacht und in Leitungspositionen vertreten werden. Gleichzeitig brauche es gruppenspezifische Rückzugsorte und Austauschmöglichkeiten. Die in Zürich wohnende Person plädiert dafür, gemeinsam gegen die Hetze gegen queere Menschen und andere Minderheiten einzutreten und sich nicht spalten zu lassen, «damit sich alle sicher fühlen und gesehen werden».
Dass Sichtbarkeit dringend nötig ist, zeigt sich im Handwerk. Der feministische Verein «Gemeinsam Bauen wir Neu» wurde 2023 in Zürich gegründet und zählt aktuell 22 Mitglieder. Der Verein zur Stärkung von FINTA*-Personen im Handwerk organisiert inklusive Bau-Workshops wie beispielsweise für den Pavillon fürs Zürcher Theater Spektakel mit einer barrierefreien Seerampe in den Zürichsee, alles kollektiv und normenkritisch.
«Wir sind ein feministischer Verein und hinterfragen, wie wir in einer Welt, die nicht feministisch ist, besser leben können», erklärt Maria Bazzicalupo. Die 33-jährige Italienerin im Vorstand kritisiert, dass FINTA*-Personen sich ständig mit einem System auseinandersetzen müssten, das weder von ihnen noch für sie konzipiert wurde. Sie fordert deshalb einen fundamentalen Systemwechsel durch kollektive Räume ohne patriarchale Bewertung.
Das umkämpfte «L»
Bereits im Akronym selbst liegt Sprengstoff: Welchen Begriff soll man wählen? FLINTA oder FINTA? Beim letzteren Begriff wird das «L» für Lesben von manchen weggelassen, mit dem Argument, Lesben fielen ja ohnehin unter «F» für Frauen; das Akronym solle Geschlechtsidentitäten bündeln, nicht sexuelle Orientierungen. Doch in Teilen der lesbischen Community gilt das als Affront, als «Lesbian Erasure», die systematische Unsichtbarmachung von Lesben.
Brigitte Röösli, Stadträtin von Illnau-Effretikon und frühere Co-Präsidentin der Lesbenorganisation LOS, bringt es auf den Punkt: «Es spricht praktisch niemand mehr nur von den Lesben.» Sie sieht deshalb eine deutliche Abnahme der lesbischen Sichtbarkeit.
Alessandra Widmer, Co-Geschäftsleiterin der LOS und Linguistin, setzt dem entgegen: «Lesbische Sichtbarkeit leidet nicht durch den Sammelbegriff FLINTA. Er ist kein Ersatz für ‹Lesbe›, sondern eine mögliche Art, sichtbar zu machen, wer alles unter sexistischer und geschlechtsbasierter Diskriminierung leidet und dementsprechend mehr Schutz und Förderung benötigt.»
Gerade in feministischen Kontexten, wo der Begriff hauptsächlich genutzt werde, sei er ein Zeichen von Vielfalt und Solidarität. Alessandra, die zu feministischer Sprachkritik geforscht hat, findet die Debatte um Begriffe angesichts drängender politischer Bedrohungen ohnehin wenig zielführend.
Als zu männlich wahrgenommen
Aber auch innerhalb der FLINTA-Community kommt es zu Konflikten. Vorfälle bei FLINTA-Partys in Zürich und Bern, bei denen trans Frauen der Zutritt verweigert wurde, weil sie vom Türpersonal als «zu männlich» wahrgenommen wurden, zeigen, dass selbst innerhalb von Safer Spaces neue Ausschlussmechanismen entstehen können. Dies befeuert die Debatte um die Definition von «Weiblichkeit» weiter.
Die Diskussion kommt aber auch langsam im Alltag an. Stelleninserate schreiben Funktionen explizit für FLINTA-Personen aus, auf Wohnungsplattformen häufen sich entsprechende Inserate. Ein junger bisexueller Zürcher Student berichtet, wie er bei der Wohnungssuche monatelang an FLINTA-Inseraten scheiterte. Er versteht sich eigentlich als Teil der Lösung; als ein Mann, der bereit ist, Privilegien zu hinterfragen und aktiv an einem Wandel mitzuarbeiten. Doch durch den expliziten Ausschluss bei der Zimmersuche werde er wieder zum Teil des Problems degradiert
Jann Kraus, Vorstandsmitglied von Transgender Network Switzerland TGNS, gibt zu bedenken, wie ungleich und unverhältnismässig über dieses Thema argumentiert wird. Es sei sehr wichtig, Vielfalt von struktureller Diskriminierung zu unterscheiden, sonst würden wir beides gefährden.
Die Community sei voller Nischenangebote, um allen sehr unterschiedlichen Bedürfnissen gerecht zu werden. «Wir haben Stammtische speziell für Bisexuelle und Gruppen für Angehörige von trans Menschen, die sich nur an cis Personen richten, und Schwulensaunen, in denen Frauen wohl kaum willkommen sind», so Jann. Diese Angebote zu schützen und gleichzeitig unsere Solidarität und Offenheit zu verbessern, sei harte Arbeit.
Eine Stelle nur für Flintas
Auch im Verein Zurich Pride werden solche Ausschluss-Gefühle sichtbar: Ein Stelleninserat für das Ressort Politik (siehe unten) suchte im letzten September ausschliesslich nach «FLINTA*-Personen», was bei einigen für Unmut sorgte.
LOS-Frau Alessandra geht davon aus, dass das Inserat zu einem Zeitpunkt erschien, als der Pride-Vorstand alles andere als ausgewogen war. «Es geht ja nicht darum, dass keine schwulen cis Männer mehr dabei sein sollen, sondern darum, das Ungleichgewicht auszugleichen.» In einem solchen Fall könne sie solche Ausschreibungen nachvollziehen. «So konsequent angewendet wird das in der Community aber eher selten», gibt Alessandra zu.
Den Wunsch nach einem vielfältigen OK kann Network-Präsident Andy Künzler gut nachvollziehen. Er habe selbst im Vorstand der EuroGames und der BernPride 2023 mitgearbeitet und auch dort habe man versucht, ein möglichst diverses OK zu bilden. Das sei aber jeweils schwierig gewesen. «Diversität ist unbestrittenermassen wichtig. Wenn Funktionen jedoch ausdrücklich nur für FLINTA-Personen ausgeschrieben werden, ist das aus meiner Sicht der falsche Weg.»
Es sei verständlich, dass sich cis Männer angesichts solcher Inserate ausgeschlossen fühlten. «Als queere Community kämpfen wir seit Jahrzehnten gegen Ausgrenzung, deshalb sollten wir nicht selbst neue Ausschlüsse schaffen», so der Berner.
Bei der Zurich Pride handle es sich zudem um die Organisation einer enorm grossen Veranstaltung. Dafür brauche es vor allem Menschen mit Organisationstalent, Erfahrung und Engagement. «Mir ist bewusst, dass unterrepräsentierte Gruppen oft mit Mehrfachdiskriminierung konfrontiert sind und deshalb weniger Ressourcen haben, sich zusätzlich zu engagieren.» Umso wichtiger sei es deshalb, aktiv zur Mitarbeit einzuladen und Barrieren abzubauen, ohne andere Gruppen auszuschliessen.
Tabea Hässler gibt zu bedenken, dass Network und einige andere Netzwerke innerhalb der queeren Community für Frauen auch nicht zugänglich sind. So gäbe es Frauen, die sich an Network gewendet hätten, weil sie dem Verein gerne beigetreten wären. «Ich empfinde, dass auch hier eine Reflexion nötig wäre, ob man professionelle Netzwerke nicht für die ganze queere Community öffnen möchte.»
Jann von TGNS fügt hinzu: «Es wäre insgesamt eine grosse Erleichterung, wenn wir uns auf gemeinsame, solidarische Lösungen und neue Ansätze konzentrieren könnten. Wenn FLINTA* nicht funktioniert, was dann? Wie werden wir den Leuten gerecht, die auch in unserer Community noch lange nicht gleichberechtigt sind?»
FINTA-lastige Pride-Broschüre
Bei der Zurich Pride werden weitere Grenzen sichtbar. Vincenzo Paolino, Gründungsmitglied von Network und ehemaliger Co-Präsident des CSD Zürich (1999–2003), sieht in der 30-Jahr-Jubiläumsbroschüre der Zurich Pride ein tieferes Problem. Er kritisiert, die indirekt von der Stadt Zürich finanzierte Broschüre sei «frauenlastig» und stelle die damalige Realität «zum Teil falsch, oft ungenau und bisweilen verzerrt» dar.
Vincenzo führt aus, dass die Pionierarbeit von Network sowie die Rolle vieler Männer, die den CSD durch das Abklappern von Bars und Clubs finanziell absicherten, schlicht übergangen wurden. Stattdessen würden Frauen hervorgehoben, an die sich damalige Leitungsmitglieder kaum erinnern könnten.
Die lesbische Politikerin Brigitte Röösli teilt die Ansicht der Frauenlastigkeit in der Broschüre zwar, bewertet sie aber völlig anders: «Es hat mich gefreut, dass Frauen mehr zu Wort gekommen sind. Lange Zeit waren sie nicht sichtbar.» Für sie ist der Fokus auf Frauen kein Ausschluss, sondern ein längst fälliges Sichtbarmachen jener, die bisher eher im Verborgenen mitwirkten.
Network-Präsident Andy Künzler kann nachvollziehen, dass einzelne Personen wie Vincenzo irritiert sind. «Sie haben in der Gründungsphase sehr viel für die Zurich Pride respektive den CSD geleistet.» Wenn dieses Engagement in einer historischen Rückschau nicht erwähnt werde, könne das enttäuschend sein.
Ob die Broschüre insgesamt tatsächlich FLINTA-lastig sei, könne er selbst nicht abschliessend beurteilen. «Wichtig ist aus meiner Sicht, dass die Geschichte der Zurich Pride möglichst vielfältig erzählt wird und die Beiträge der unterschiedlichen Menschen sichtbar macht, die sie über die Jahre geprägt haben.»
Zum Thema Network sagt der 40-Jährige, dass der Verein schwuler und bisexueller Führungskräfte sich damals selbst in der Gründungsphase befand. Network feiert dieses Jahr auch den 30. Geburtstag. In ihren Anfängen wollte die Organisation noch nicht öffentlich auftreten. Man habe damals nicht einmal darüber sprechen dürfen, wer Mitglied ist.
Gleichzeitig habe Network schon früh einen Pool von Menschen mit Managementerfahrung, Organisationstalent und juristischem Wissen angeboten. Diese Personen hätten bei der Pride dazu beigetragen, dass die grösste queere Veranstaltung der Schweiz überhaupt möglich wurde.
Sichtbar seien heute vor allem Organisationen, die besonders laut auftreten, während die stillen Macher:innen im Hintergrund oft übersehen würden: «Vielleicht wird aus der Broschüre ja einmal ein Buch, das solche Zusammenhänge auch beleuchtet», so Andy.
Die Historikerin Gioia Jöhri, die die Broschüre historisch recherchiert hat, ordnet sachlich ein: «Solche Aushandlungsprozesse hat es zwischen den Untergruppen schon immer gegeben.» Die Pride sei diverser geworden, weshalb heute mehr Gruppen um einen Platz am Tisch kämpften.
Solidarität oder Spaltung?
Jann Kraus warnt vor einer künstlichen Spaltung der Community: «Es gibt keine reale Konkurrenz zwischen uns, sondern nur Leute, die davon profitieren, uns gegeneinander auszuspielen.»
Ständig würden wir unbewusst Schlagzeilen von Hassgruppen konsumieren, die mittlerweile in den Medien als Teil der Community auftreten dürfen. «Die werden damit nicht aufhören, nur weil wir ein Akronym abschaffen oder weniger Sichtbarkeit für Frauen dulden», so Kraus.
Der 34-Jährige erinnert daran, dass bisexuelle und lesbische Frauen, trans und cis, die Pride von Beginn an massgeblich mitgeprägt haben. «Es gibt genug zu tun. Statt sich über die Vergabe von einem einzelnen Posten zu zerstreiten, fühlt man sich weniger ausgeschlossen, wenn man einfach anpackt, wo es gerade Hilfe braucht.»
Er verweist zudem auf den sogenannten «Glass Cliff», ein Phänomen, bei dem Frauen oft erst dann in Führungspositionen gerufen werden, wenn eine Situation besonders riskant oder krisenhaft ist und Männer die Verantwortung eher meiden.
Doch führen exklusive Räume wirklich zum Ziel oder schwächen sie den Zusammenhalt der gesamten Bewegung? Bruno Sonderegger, Experte für Transkulturalität, der zu diesem Thema auch Firmen coacht, warnt vor einer zu starken Fixierung auf Unterschiede. «Druck erzeugt immer Gegendruck», gibt er zu bedenken. Wenn man Menschen nur noch über ihre Gruppenzugehörigkeit definiere – alle Männer so, alle Frauen so –, werde man der Realität nicht gerecht.
Bruno Sonderegger betont, dass wir alle, egal ob cis Männer oder FLINTA-Personen, immer auch Teil ganz anderer Kollektive sind: So seien wir beispielsweise auch Stadtbewohner:innen, Vereinsmitglieder, Eltern, Arbeitskolleg:innen oder eben Queers. Vor allem in letzterem teilen zum Beispiel schwule cis Männer oft die gleiche Sicht auf die Welt wie FLINTA-Personen.
Statt nach Unterschieden zu suchen, sollte man sich demnach eher an kulturellen Gemeinsamkeiten orientieren, die allen Queers Sinn und Halt geben und ihre Identität stärken.
Mehr als ein Akronym
Hinter dem Begriff FLINTA* verbirgt sich ein Kollektiv von Menschen, die durch das herrschende Patriarchat benachteiligt werden. Es ist ein Versuch, jene zu vereinen, die nicht der Norm des weissen cis Mannes entsprechen.
F steht dabei für Frauen, sowohl cis als auch trans Frauen.
L steht für Lesben, um deren spezifische Geschichte der Unsichtbarkeit zu würdigen.
I steht für intergeschlechtliche Personen, die körperliche Merkmale haben, die von den typischerweise erwarteten Merkmalen männlicher oder weiblicher Körper abweichen.
N steht für nicht-binäre Menschen, die ausserhalb dieser Pole ihren Platz finden.
T steht für trans Personen, die eine Identität leben, die vom Geburtsgeschlecht abweicht.
A steht für agender Personen, die sich gar keinem Geschlecht zugehörig fühlen.
Das Sternchen am Ende dient als offene Tür für alle weiteren Identitäten, die in keine dieser Schubladen passen.
