Was in deinem persönlichen Leben und auf deinem beruflichen Weg hat dich dazu gebracht, Musik zu machen?
Dawson: Musik war für mich schon immer ein Rückzugsort. Ein Ort, an dem ich mich sicher, verstanden und akzeptiert gefühlt habe. Sie gab mir den Raum, all das zu fühlen und auszudrücken, was tief in mir verborgen war.
Ich bin in einem Umfeld aufgewachsen, das von Kontrolle geprägt war. Ich durfte nicht wirklich ich selbst sein und hatte wenig Freiheit, meine eigene Meinung zu äussern. Deshalb begann ich schon in jungen Jahren, alles, was ich unterdrücken musste, in Texte zu fassen.
« Schreiben wurde mein Ventil. »
Mit der Zeit habe ich gemerkt, dass darin nicht nur meine eigene Geschichte steckt. Mir wurde bewusst, dass viele Menschen ähnliche Erfahrungen machen und sich in diesen Gefühlen wiederfinden könnten. In diesem Moment wusste ich, dass ich meine Musik irgendwann veröffentlichen muss. Nicht nur für mich selbst, sondern auch, um anderen Menschen Kraft, Trost oder Hoffnung zu geben.
Wie entsteht bei dir ein Song? Was kommt zuerst? Und was inspiriert dich dabei am meisten?
Das ist tatsächlich jedes Mal unterschiedlich. Was aber fast immer am Anfang steht, ist eine persönliche Geschichte oder ein Thema, das mich gerade beschäftigt, mich in der Vergangenheit beschäftigt hat oder mit dem ich mich intensiv auseinandersetzen musste. Meine Songs entstehen selten aus reiner Fantasie. Sie sind meist direkt mit Erlebnissen, Gedanken oder Emotionen verbunden, die ich selbst durchlebt habe.
Solche Themen schreibe ich mir oft in meinem Song- oder Lyrics-Diary auf. Dort sammle ich Gedanken, einzelne Zeilen, Gefühle oder Situationen, die mich bewegen. Häufig komme ich erst Wochen oder sogar Monate später darauf zurück, wenn sich daraus ein konkretes Songkonzept entwickelt.
Ich erstelle dann eine Art Mindmap und arbeite das Konzept aus: Welche Stimmung soll der Song haben? Soll er traurig, wütend, hoffnungsvoll, verspielt oder melancholisch sein? Anschliessend beginne ich, Melodien zu entwickeln und nach einer starken Hook zu suchen. Von dort aus baue ich den Song Stück für Stück auf. Es ist oft ein Prozess voller Ausprobieren, Verwerfen und Neuerschaffen, bis am Ende alles zusammenpasst.
Manchmal läuft es aber auch genau umgekehrt. Dann habe ich plötzlich eine Melodie im Kopf, und die passenden Zeilen suche ich aus meinem Lyrics-Tagebuch heraus. Inspiration kann wirklich überall entstehen, aber am stärksten ist sie immer dann, wenn etwas in meinem Leben eine Spur hinterlassen hat und ich das Gefühl habe, daraus eine Geschichte erzählen zu müssen.
Hast du als queere Person das Gefühl, in der Musikbranche oder allgemein in der Schweiz auf zusätzliche Hürden zu stossen?
Ja, dieses Gefühl habe ich leider oft. Gerade durch die Art, wie ich mich präsentiere, habe ich oft den Eindruck, dass ich nicht immer sofort ernst genommen werde.
« Man wird schnell als „anders“ wahrgenommen und manchmal eher auf das Äussere reduziert, statt auf die eigene Kunst. »
Als unabhängiger Künstler ist es in der Schweiz ohnehin nicht einfach, Auftrittsmöglichkeiten zu finden. Wenn man zusätzlich queer ist, fühlt es sich oft noch schwieriger an. Viele Veranstalter orientieren sich an dem, was sie als massentauglich betrachten, und wer nicht in ein klassisches Bild passt, bekommt manchmal weniger Chancen.
Interessanterweise erlebe ich Herausforderungen auch innerhalb der queeren Szene. Es gibt viele grossartige Drag-Shows und Veranstaltungen, die unglaublich wichtig sind. Gleichzeitig besteht dort oft weniger Bedarf für Live-Gesang oder eigene Musikprojekte. Dadurch ist es auch innerhalb der Community nicht immer leicht, Bühnen zu finden.
Ich bin überzeugt, dass viele queere Künstler*innen in der Schweiz ähnliche Erfahrungen machen. Mein Wunsch wäre, dass Talent, Kreativität und harte Arbeit stärker im Mittelpunkt stehen als Aussehen, Identität oder sexuelle Orientierung.
In deinem Song «Let Me Breathe» sprichst du davon, dich eingeengt zu fühlen und dich nicht frei ausdrücken zu können. Auf welchen Moment in deinem Leben bezieht sich dieser Song?
«Let Me Breathe» basiert auf meiner eigenen Geschichte. Ich bin von meiner Geburt bis zu meinem 21. Lebensjahr in einer sehr religiösen und stark einschränkenden Sekte hier in Zürich aufgewachsen.
Dort hatte ich oft das Gefühl, keine eigene Stimme zu haben. Vieles war vorgegeben: wie man denkt, wie man sich verhält, wie man sich kleidet und wie man sich ausdrücken darf. Das war wohl die intensivste Form von Enge, die ich jemals erlebt habe. Ein sehr erstickendes Gefühl. Und genau dieses Gefühl wollte ich unbedingt in ein starkes Anthem umwandeln, weil mir bewusst wurde, dass dieses Gefühl weit über meine eigene Geschichte hinausgeht. Viele Menschen kennen das Gefühl, sich gefangen zu fühlen. Sei es durch religiöse Zwänge, toxische Beziehungen, gesellschaftliche Erwartungen, Diskriminierung oder die Erfahrung, als queere Person nicht ganz dazuzugehören.
Der Wunsch, einfach frei atmen zu können und endlich man selbst sein zu dürfen, verbindet viele Menschen. Genau diese Reise von der Enge zur Freiheit wollte ich in «Let Me Breathe» festhalten. Vor allem wollte ich Menschen zeigen, dass sie mit diesen Gefühlen nicht allein sind.
Was möchtest du mit deiner Musik erreichen?
Ganz einfach: Ich möchte Menschen Hoffnung, Mut und Zugehörigkeit geben.
Musik hat mir in den schwierigsten Phasen meines Lebens das Gefühl gegeben, verstanden zu werden. Oft genügt ein einziger Song, um sich weniger allein zu fühlen oder neue Kraft zu schöpfen. Genau dieses Gefühl möchte ich weitergeben.
Wenn Menschen sich in meinen Texten wiederfinden, Trost daraus ziehen oder das Gefühl bekommen, Teil einer Gemeinschaft zu sein, dann habe ich mein Ziel erreicht. Ich möchte etwas zurückgeben von dem, was Musik mir selbst über viele Jahre geschenkt hat.
Was hat sich in deinem Leben verändert, seit du offen queer lebst und als Musiker aktiv bist?
Als ich vor viereinhalb Jahren mein Coming-out hatte, wusste ich, dass sich mein Leben verändern würde. Was ich damals noch nicht wusste, war, wie tiefgreifend diese Veränderung tatsächlich sein würde. Es war gleichzeitig eine der schönsten und eine der herausforderndsten Entscheidungen meines Lebens.
« Zum ersten Mal konnte ich aufhören, eine Version von mir selbst zu sein, die den Erwartungen anderer entsprechen sollte. »
Stattdessen durfte ich herausfinden, wer ich wirklich bin. Dieser Prozess war nicht immer einfach, aber unglaublich befreiend.
Durch mein Coming-out und meinen Weg als Musiker habe ich Menschen kennengelernt, die mich genau so akzeptieren und feiern, wie ich bin. Ich habe Freundschaften fürs Leben gefunden, eine Wahlfamilie aufgebaut und Chancen erhalten, von denen ich früher nicht einmal zu träumen gewagt hätte. Vor allem aber habe ich etwas gewonnen, das unbezahlbar ist: die Freiheit, authentisch zu leben.
Gleichzeitig hatte dieser Weg auch seinen Preis. Einige Menschen haben sich von mir distanziert, nachdem ich offen zu mir selbst gestanden bin. Das war schmerzhaft und hat mich zeitweise sehr verletzt. Rückblickend haben mich genau diese Erfahrungen aber gelehrt, wie wichtig es ist, sich selbst treu zu bleiben. Denn echte Beziehungen entstehen nur dort, wo man sich nicht verstecken muss.
Heute weiss ich: Menschen, die mich nicht akzeptieren können, wie ich bin, gehören nicht auf meinen Lebensweg. Diese Erkenntnis hat mir unglaublich viel Frieden gegeben.
Was früher ein Grund für Angst und Unsicherheit war, ist heute eine meiner grössten Stärken. Ich sehe mein Queersein als Geschenk. Es hat mich zu mir selbst geführt, mir eine Stimme gegeben und mir ermöglicht, das Leben zu führen, das ich immer führen wollte. Auf eine gewisse Weise hat es sogar mein Leben gerettet.
