Vielleicht sollten wir wieder lernen, uns zu begegnen

Lifestyle

Bild: Alessia Elia | Pexels
Wir sind ständig miteinander verbunden – und werden trotzdem immer schlechter darin, uns wirklich zu begegnen.

Jemanden kennenlernen, ohne vorher sein Gesicht auf Instagram gesehen, seine Dating-App-Bio gelesen und die letzten 37 Fotos analysiert zu haben? Klingt heute fast schon radikal.

Dabei scheint genau das wieder attraktiver zu werden: «Organic Dating», also Menschen im echten Leben kennenlernen, statt zuerst durch einen digitalen Katalog potenzieller Partner zu scrollen.

Dating-Apps haben gerade für queere Menschen vieles einfacher gemacht. Sie schaffen Zugang, Community und die Möglichkeit, Menschen kennenzulernen, die man offline vielleicht nie treffen würde. Aber die endlose Auswahl hat auch eine seltsame Nebenwirkung: Wir behandeln Menschen zunehmend wie Optionen, wie Produkte.

Vielleicht ist dieser Match doch nicht ganz mein Typ. Vielleicht kommt noch jemand Besseres. Attraktiveres. Lustigeres. Emotional Verfügbareres. Also weiterwischen.

Und weiterwischen.

Und weiterwischen.

Die Gen-Z-Paradoxie

Wir wollen Nähe – aber wir wollen möglichst vermeiden, dabei verletzlich auszusehen. Eine aktuelle Hinge-Erhebung unter mehr als 30’000 Gen-Z-Dater zeigt: 84 Prozent wünschen sich mehr emotionale Nähe, gleichzeitig fällt es vielen schwer, bereits beim Dating tiefere Gespräche zu beginnen.

Kein Wunder. Online kann man kontrollieren, wie man erscheint. Im echten Leben gibt es keine Bearbeiten-Taste.

Dazu kommt unser Dauerbeschuss mit perfekten Gesichtern und Körpern. Die St.Galler Jugendstudie 2025 zeigt, dass sich 43 Prozent der Gen Z häufig oder sehr häufig mit anderen vergleichen. Durchschnittlich verbringen die Befragten 5 Stunden und 24 Minuten täglich an digitalen Geräten – mehr als drei Stunden davon in sozialen Medien.

Was passiert, wenn man täglich hunderte optimierte Menschen sieht? Der echte Mensch daneben wirkt plötzlich… erstaunlich menschlich.

Mit Poren. Augenringen. Einem Bauch. Einer schiefen Nase. Und einem Gesicht, das nicht bei jedem Licht wie eine Parfümwerbung aussieht.

Vielleicht ist genau das aber der Punkt.

Chemie lässt sich nicht swipen.

Attraktivität entsteht manchmal erst durch eine Stimme, einen Blick, einen schlechten Witz oder die Art, wie jemand lacht. Dinge, die kein Profilfoto und kein Algorithmus zuverlässig abbilden können.

Natürlich sollten wir Dating-Apps deshalb nicht verteufeln. Für queere Menschen sind sie oft wichtig – manchmal sogar unverzichtbar. Aber vielleicht müssen wir nicht zwischen «online» und «offline» wählen.

Vielleicht sollten wir nur wieder etwas mehr Platz für das Ungeplante lassen.

Das Handy einmal in der Tasche lassen. Einen Blick nicht sofort wegwischen. Ein Gespräch führen, ohne bereits zu überlegen, ob irgendwo noch eine bessere Option wartet.

Denn vielleicht ist das grösste Problem beim modernen Dating gar nicht, dass wir zu wenige Menschen kennenlernen.

Sondern dass wir zu viele sehen – und niemandem mehr genug Zeit geben, interessant zu werden.

Wir haben auch verlernt, wie viel Mut ein simples «Hey» manchmal braucht. Die Angst, beurteilt zu werden, peinlich zu wirken oder abgewiesen zu werden, hält uns davon ab, überhaupt den ersten Schritt zu machen. Dabei beginnt genau dort das echte Leben: wenn wir uns zeigen, obwohl wir nicht wissen, wie es ausgeht.

Wenn wir ein kleines Risiko eingehen, uns verletzlich machen und für einen Moment nicht alles unter Kontrolle haben. Vielleicht kassieren wir eine Abfuhr. Vielleicht gewinnen wir aber auch einen neuen Freund – oder treffen ausgerechnet den Menschen, mit dem wir den Rest unseres Lebens verbringen.

Beides beginnt mit demselben kleinen, mutigen Schritt: Hallo zu sagen.

DISPLAY Online

Redaktion
DISPLAY Magazin

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Veröffentlicht:

01.10.2026

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