Etwas Besorgniserregendes ist in meinem Freundeskreis passiert. Samstagabends wollen die plötzlich nicht mehr weg. Neu wird sonntagnachmittags gefeiert. Daypartys sind total en vogue. Sehr zu meinem Bedauern. Denn das Publikum besteht aus Influencern, Unternehmensberater:innen und Männern in pastellfarbenen Leinenhemden, bei denen man die Schweissflecken zu gut sieht. Musikalisch erwartet einen immer der gleiche House-Track mit zu viel Saxophon.
Daypartys tun so, als seien sie spontan und frei. In Wahrheit sind sie einfach nur kuratierte Instagram-Kulissen. Man zahlt Festivalpreise für eine Deko bestehend aus zwei Topfpflanzen und einem DJ-Pult auf einem Stapel Europaletten. Alle filmen, niemand tanzt richtig, denn wer um 15 Uhr komplett eskaliert, der wirkt nicht wild, sondern besorgniserregend.
Das Ende ist dann deprimierend. Um 20 Uhr steht man nüchtern mit Sodbrennen an irgendeiner Tramhaltestelle im Zürcher Seefeld und fragt sich, warum man 72 Franken für lauwarmen Rosé bezahlt hat.
Aber scheiss drauf, Malle ist nur einmal im Jahr
Seit Jahrhunderten finden Partys primär nachts statt und zwar aus einem triftigen Grund: Im Dunkeln sehen wir alle besser aus. Sonnenlicht zerstört jede Illusion von Coolness. Es sei denn, man ist um die 22ig, leicht gebräunt und mit einem Körperfettanteil von 11 Prozent gesegnet.
Als ich knackige 22ig war, da fand ich Daypartys toll. Die waren quasi mein Warm-up für die Party am Abend. In den frühen 2000ern flog ich mit fünf meiner besten Freunde an den Ballermann auf Mallorca. Jeden Tag pilgerten wir zur Openair-Disco Megapark, um uns bei 35 Grad im Schatten die Rübe mit Sangria zu fluten. Die kam in einer 1 Meter langen Säule mit Früchten, die wahrscheinlich schon während der letztjährigen Saison im Rotwein mariniert wurden. Aber das war uns völlig schnuppe. Hauptsache Party.
Sonnenbrand und schwimmende Essensreste
Meine letzte Dayparty feierte ich mit 29 in Sydney, Australien. Die Tanzfläche befand sich im Hinterhof eines Clubs, in ihrer Mitte stand ein Aufblaspool. Der Pool präsentierte den Badewilligen auf der Wasseroberfläche eine bunte Mischung aus Plastikflamingos und undefinierbaren Essensresten. Während durchtrainierte Typen in Tanktops mit einer Flasche Rosé durch die Menge tanzten, suchte ich krampfhaft nach einem schattigen Plätzchen, um nicht bereits vor 15 Uhr sonnenverbrannt zu enden.
Ich schwor mir, dass das mein letzter Daydance sei. Und tatsächlich habe ich seither keinen mehr besucht. Ich lehne Alkohol tagsüber nicht prinzipiell ab. Viele Dinge machen nur dank Alkoholkonsum vor Mittag Spass. Flugreisen zum Beispiel. Beerdigungen oder Filme mit Vin Diesel. Trotzdem finde ich nichts schlimmer, als leicht einen sitzen zu haben, und mich dann über Immobilienprojekte unterhalten zu müssen. Wenn ich leicht angesoffen Networken will, gehe ich an eine Hochzeit. Falls du demnächst gefragt wirst, ob du an einen Daydance mitkommen möchtest, sag Folgendes:
«Ich habe das mit meinem Dermatologen besprochen und er ist dagegen. Er hat mir direkte Sonneneinstrahlung und Afrohouse verboten.»
Ganz wichtig: Danach nicht lächeln. Beginne stattdessen direkt ein Gespräch über Kryptowährungen. In der Regel reicht das, um den Sonntagnachmittag freizukriegen.
Frank Richter ist mit seinem vierten Soloprogramm unterwegs. Ehrlicher, direkter und wandlungsfähiger denn je. #Lovemyjob ist ein wilder Ritt zwischen messerscharfer Alltagsbeobachtung und rabenschwarzem Humor.
Daten: frankrichter.ch
