Der Sommer 2026 steht für ein neues Unbehagen, für eine Gleichzeitigkeit verschiedener Strömungen. Auf dem Filmfestival von Locarno warnt ein Ted-Redner, wie schwierig die Zeiten geworden sind: «Power dictates everything, profit dictates everything, patriarchy dictates everything.» In den Niederlanden hingegen strahlt der neue schwule Posterboy Rob Jetten.
Der Ministerpräsident inszeniert sich als Vorzeigefigur eines modernen, liberalen Europas – posestark und immer perfekt ausgeleuchtet. Er vermittelt die Botschaft: Wir haben gewonnen, die Vielfalt ist im Herzen der Macht angekommen.
Doch die Realität ist nüchtern. In Zürich fand die Pride deutlich kleiner statt als sonst. Den Veranstaltern fehlte schlicht das Geld. Viele Unternehmen haben ihre Kulturbudgets und Sponsoringgelder für Events der Community drastisch gekürzt oder komplett gestrichen. Der Grund heisst Donald Trump.
Unter dem Druck rechtskonservativer Kampagnen und der US-Regierung rollen multinationale Konzerne ihre Diversity-, Equity- and Inclusion-Programme (DEI) leise wieder zurück. Was vor wenigen Jahren noch begehrtes Markenmarketing war, ist plötzlich ein betriebswirtschaftliches und politisches Risiko. Sobald der Profit bedroht ist, offenbart sich das Regenbogen-Engagement vieler Firmen als Pinkwashing.
«Die Ehe für alle ist seit fünf Jahren Realität, und die damals angedrohte Zerstörung des Abendlandes ist schlicht ausgeblieben.»
Gleichzeitig kocht im deutschsprachigen Raum eine absurde Leihmutterschaftsdebatte hoch. CDU-Fraktionschef Jens Spahn stolpert nicht über fragwürdige Maskendeals in der Corona-Zeit, sondern über sein Privatleben. Die grösste Partei Deutschlands, die bei drängenden Zukunftsfragen kaum noch sprechfähig ist, zeigt sich bei Symbolpolitik plötzlich erschreckend lautstark und einig.
Immerhin: Jens Spahn brachte das Thema Leihmutterschaft in aller Ambiguität auf die politische Bühne. Was dabei viel zu kurz kommt, ist: Leihmutterschaft ist keine Frage von homo oder hetero – die meisten Kund*innen von Leihmüttern sind heterosexuelle Paare, deren Kinderwunsch nicht erfüllt werden kann. Und Leihmutterschaft ist auch keine Frage von links oder rechts. Dennoch entzündet sich der öffentliche Moralismus verlässlich an zwei Vätern.
Der Schweizer Bundesrat hat das Thema jahrelang gemieden. Das letzte einschlägige Papier des Bundesamts für Justiz stammt aus dem Jahr 2013 – eine UraltAntwort auf einen Vorstoss von Jacqueline Fehr. Seither hat sich einiges verändert: Die Ehe für alle ist seit fünf Jahren Realität, und die damals angedrohte Zerstörung des Abendlandes ist schlicht ausgeblieben.
Wie verlogen die Leihmutterschaftsdebatte geführt wird, zeigt die Reaktion von AfD-Chefin Alice Weidel. Obwohl sie selbst in einer gleichgeschlechtlichen Partnerschaft in der Schweiz lebt und gemeinsam mit ihrer Partnerin Kinder aufzieht, positionierte sie sich scharf gegen Spahn und das Modell der Leihmutterschaft. Es ist die ultimative Form der Selbstgefälligkeit und queerfeindlichen Asymmetrie: Die eigene privilegierte Lebensform wird beansprucht, während man populistisch die traditionelle Familie beschwört.
«Konservative Elternvereine und rechte Parteien versuchen, Themen wie vielfältige Familienformen, Identität und sexuelle Gesundheit wieder aus den Lehrplänen zu verbannen.»
Der Druck kommt keineswegs nur auf gesellschaftlicher Ebene, sondern greift tief in den Bildungsbereich ein. Europaweit formiert sich ein Backlash an Schulen. Konservative Elternvereine und rechte Parteien versuchen, Themen wie vielfältige Familienformen, Identität und sexuelle Gesundheit wieder aus den Lehrplänen zu verbannen.
Wie diese Politik in der Praxis aussieht, zeigt Italiens Ministerpräsidentin Giorgia Meloni: Unter ihrer Regie werden Regenbogenfamilien gezielt aus dem öffentlichen und rechtlichen Raum gedrängt. Nichtbiologische Mütter wurden nachträglich aus den Geburtsurkunden ihrer Kinder gestrichen – erst das Verfassungsgericht stoppte die umstrittene Praxis. Dafür beginnt nun nach den Sommerferien eine neue Zeitrechnung bei der Sexualkunde: Sie ist an Kindergärten und in der Primarschule verboten. In höheren Klassen darf Sexualkunde nur noch mit ausdrücklicher Zustimmung der Eltern unterrichtet werden.
Noch bedrohlicher wird die Gemengelage, wenn physische Gewalt dazukommt. Der islamistische Anschlag von Berlin, der gezielt die queere Community zum Ziel machte, gehört massiv verurteilt – richtig so!
Der Hass von IS-Terroristen auf queeres Leben ist eine reale, lebensbedrohliche Gefahr.
Doch die politische Instrumentalisierung liess nicht lange auf sich warten. SVP-Nationalrat Andreas Glarner, der sonst jede Gelegenheit nutzt, um auf Social Media Stimmung gegen Gender-Themen, Drag-Readings und LGBT*-Rechte zu machen, verurteilte den Anschlag auf X. Nicht, weil er plötzlich queere Anliegen teilt, sondern um gegen den Islam Stimmung machen zu können. Queer-Sicherheit wurde für ihn über Nacht zum billigen Vehikel für rassistische und migrationsfeindliche Hetze. Wie wenig ihm die tatsächliche Unversehrtheit von Opfern bedeutet, zeigte sein eisernes Schweigen zu einem skandalösen Fall in den eigenen Reihen: Als bekannt wurde, dass sein Aargauer Ex-Parteifreund Patrick F. drei Frauen – darunter eine Minderjährige – betäubt und missbraucht hatte, verlor Glarner kein einziges Wort.
Absurd auch, welche Wellen die Berner Marzilibad-Diskussion schlug. Was ursprünglich als safe space vor männlichen Blicken konzipiert war, ist zum Schauplatz einer Sommerloch-Debatte über den Zugang von trans Frauen geworden. Ist es feministisch oder reaktionär, trans Frauen auszuschliessen? Wie soll sich die queere Community verhalten?
Das Marzilibad zeigte im Kleinen, was im Grossen droht: Von heute auf morgen kann eine Grundsatzdebatte entfacht werden. Aus einem pragmatischen Umgang entsteht eine reaktionäre Spaltung. Schwule, die Sündenböcke von gestern, taugen dabei nicht mehr als Feindbild (sie wählen zum Teil gerne Rechtspopulisten). Trans Personen sind das neue Feindbild.
Das alles fügt sich im Sommer 2026 zu einem diffusen Gesamtbild zusammen. Auf der einen Seite Optimismus (Niederlande – und ja: Ungarn ist auch wieder besser geworden). Doch dann gibt’s den Backlash: Sponsoren, die beim ersten Gegenwind zusammenbrechen, Politiker, die Stimmung machen. Und Lücken im Rechtssystem, die noch nicht geschlossen sind.
Fünf Jahre nach der Ehe für alle zeigt sich: Die Stimmung kann verdammt schnell kippen. Es bleibt viel zu tun.
Ein Essay von Raphael Rauch
