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Pierre de Maere über Lady Gaga und Coming-out

Musik

Pierre de Maere sitzt im rot-schwarz gestreiften Pullover vor einer türkisfarbenen Wand und schaut in die Kamera
Mit 25 eine der spannendsten Stimmen des französischsprachigen Pop: Pierre de Maere. (Bild: Marcin Kempski)
Der belgische Pop-Dandy über die katholische Schule, die grosse Liebe und «Ave de Maere».

Pierre de Maere wurde im Brüsseler Umland geboren und wuchs auf dem Land auf. Vor fünf Jahren gelang ihm mit «Un jour je marierai un ange» ein erster grosser Hit. Jetzt, mit 25, gehört er zu den spannendsten Stimmen der neuen französischsprachigen Popmusik. Er mischt Chanson mit Clubsounds und geht mit seinem gerade veröffentlichten zweiten Album «Ave de Maere» auf Tournee.

Wir unterhielten uns mit ihm per Video. Pierre sitzt im Auto auf dem Weg zur Tourprobe und wirkt etwas zerknautscht. Die Nacht sei nach einem fröhlichen Abend mit Freunden kurz gewesen, bester Laune ist er dennoch.

Das Interview

Pierre, warst du eigentlich schon als Kind ein Bühnenmensch?

Ja, total. Schon mit neun oder zehn habe ich auf dem Schulhof Lady-Gaga-Songs gesungen, und die anderen haben einen Kreis um mich gebildet. Mein armer grosser Bruder hat sich ein bisschen für mich geschämt, fürchte ich, aber da musste er durch. Zu Hause ging es weiter. Ich habe für meine Mutter und meine Schwester Shows gegeben, mit 13 fing ich im Schultheater an.

Du hast vor zwei Jahren schon mit Dua Lipa an «These Walls» zusammengearbeitet. Wärst du denn bereit für ein Duett mit Gaga?

Ich würde es lieben! Wenn das passiert, kann ich mich danach ins Bett legen, Bücher lesen und wäre bis in alle Ewigkeit glücklich mit meinem Leben (lacht).

Dass du mal etwas mit Musik und Kunst machst, war immer schon klar, oder?

Jedenfalls wollte ich nie Anwalt oder sonst irgendetwas Herkömmliches werden. Ich habe mich auch für Fotografie und Mode interessiert. Als Teenager habe ich Mitschüler fotografiert, die mir 50 Euro für ein Facebook-Profilbild gezahlt haben. Das war mein kleines Business. Die Musik war jedoch immer meine grösste Liebe, und heute bin ich überzeugt, dass sie das ist, wofür ich geboren wurde. Wenn ich Musik mache, fühle ich mich frei.

Pierre de Maere im schwarz-beige gestreiften Pullover mit rotem Rollkragen
Schon als Kind ein Bühnenmensch. (Bild: Marcin Kempski)

Man hört diese Freiheit auf «Ave de Maere». Genres jucken dich nicht, du vermischst fröhlich Electropop, Chanson und Disco. Wie ist dein Stil entstanden?

Ich kann das gar nicht so gut beantworten. Ich denke, er ist aufgrund dessen entstanden, was ich gehört habe. Sébastien Tellier hat mich stark inspiriert, denn er verbindet Electro und Chanson. «La grande vie» etwa ist ein bisschen R&B, «Mon paradis» und «Je m’en souviendrai» sind klassische französische Chansons. Der erste Impuls kam sicher von meinen Eltern. Sie liebten die 80er-Jahre und haben danach keine neue Musik mehr gehört. Ich kannte also die 80er- und die 2010er-Jahre aus meiner eigenen Kindheit, aber nichts dazwischen.

Dank der Musiker in meiner Band, die Anfang bis Mitte 30 sind, entdecke ich gerade die 90er- und 2000er-Jahre, vor allem die grandiose französische Musik aus dieser Zeit. Von Daft Punk kannte ich vorher zwei Songs, jetzt kenne ich alles und denke: Was für Genies! Früher war ich nicht besonders neugierig, das hat sich geändert. Heute versuche ich, so viel wie möglich aufzusaugen.

Pierre de Maere im schwarzen Sakko mit braunem Hemd und gepunkteter Krawatte
Electropop, Chanson, Disco: Genres sind ihm egal. (Bild: Marcin Kempski)

Wie war dein Coming-out?

Das war okay. Ich hatte richtig schöne Momente mit meinen Eltern, voller Liebe und Zuneigung. Meine Freunde waren auch sehr offen. In der Schule hätte ich es nie gewagt, etwas zu sagen. Das wäre mein sozialer Tod gewesen, also habe ich bis zum letzten Schuljahr gewartet.

Was war der Auslöser, es zu erzählen?

Die Liebe. Mit 18 habe ich meinen Eltern nicht gesagt: «Ich bin schwul», sondern: «Ich habe mich verliebt, und es ist ein Junge.» Ich bin unendlich froh und dankbar, dass ich den Mut fand, mich zu öffnen. Aus der Sache wurde nichts, aber danach, in Antwerpen, holte ich alles nach: die ersten Partys, das erste Mal Sex, Spass haben. Man fasst alles an, ohne zu wissen, was es ist, und verletzt sich dabei.

«Ein Teenager ist ein Eroberer, der unbekanntes Terrain betritt. Er tut so, als wüsste er über alles Bescheid, aber das macht er sich natürlich nur vor.»

Pierre de Maere im grauen Pullover mit buntem Rautenmuster über einem karierten Hemd
In Antwerpen holte er alles nach. (Bild: Marcin Kempski)

Viele deiner Songs wirken sehr nah an der Wirklichkeit, etwa «J’aurais fini par» über unerwiderte Liebe oder «Quasi mon parfait», in dessen Text du dich für den anderen verbiegst.

Das ist mir alles passiert. Ich habe damals meine Frisur und meine Kleidung verändert, statt Zara plötzlich Massimo Dutti getragen und mich bewusst verstellt. Das ist ein Fehler, denn:

«Am attraktivsten ist ein Mensch, der sich selbst treu bleibt.»

Aktuell sollst du in einer glücklichen Beziehung mit dem in Hamburg lebenden Tänzer und Fotografen Jack Rexhausen sein.

Wir waren ein Jahr lang zusammen, das ist aber seit ein paar Monaten vorbei. Wir verstehen uns weiterhin sehr gut, nur die Liebe ist weg. Das mit Jack war die schönste Liebesgeschichte meines Lebens, weil ich zum ersten Mal geliebt habe und geliebt wurde. Wir haben uns gegenseitig aufgebaut. Ich habe ihm meine Stadt Paris gezeigt, ihn Leuten vorgestellt und ihm Jobs vermittelt. Deshalb ist «Je m’en souviendrai» der letzte Song des Albums, ein Liebeslied und ein Dankeschön.

«Nach den schlechten Beziehungen, in denen ich fast Sklave meiner eigenen Begierde war, hat er mir Hoffnung gegeben.»

Ist Paris jetzt deine Heimat?

Paris ist meine Lieblingsstadt. Es gibt hier ein grosses queeres Leben und viele Schwulenclubs, was Spass macht. Dazu kommen die vielen kreativen Leute, meine beste Freundin zum Beispiel, eine Regisseurin, die viele meiner Videos gedreht hat, zuletzt «Je pense à vous», gemeinsam mit meinem Ex. Die Stadt ist wunderschön, voller Museen und Kultur, und die Menschen sind weniger unfreundlich, als ihr Ruf vermuten lässt. Ich bleibe sicher noch mindestens zehn Jahre. Wenn es mir hier zu viel wird, verbringe ich ein paar Wochen im Haus meiner Eltern in der Bretagne. Dort habe ich meine Ruhe.

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Mehr Informationen
«Opinel» aus dem Album «Ave de Maere»: das offizielle Video. (Video: Pierre de Maere | YouTube)

Mehr zum Album: Erste Liebe, Coming-out, Begehren: Pierre de Maere holt seine Jugend nach

Interview: Steffen Rüth | Fotos: Marcin Kempski

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Veröffentlicht:

04.11.2026

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