Ost-Berlin, Anfang der 1980er-Jahre. Heiko Zolchow ist Bühnenbildner und Maler, verheiratet, Vater zweier Kinder und Teil der Kunstszene. Dann verliebt er sich in den Schauspieler Dirk Nawrocki.
1984 verlassen die beiden die DDR. In den Akten der Behörden klingt das nicht nach Freiheit, sondern nach Abrechnung. Die Männer hätten eine «verfestigte feindlich-negative Grundeinstellung zur DDR», heisst es dort. An anderer Stelle wird ihnen unterstellt, sie würden «zu asozialen Lebensweisen neigen».
Im Westen beginnt für Heiko und Dirk ein neues Leben. Theater, Freundschaften, Sex, Kunst, ein anderes Tempo. Dann kommt Aids. Heiko Zolchow stirbt 1987, Dirk Nawrocki 1994.
Aids als deutsch-deutsche Geschichte
Regisseur Johannes Nichelmann erzählt diese Biografien nicht als private Tragödie allein. «Aids – In Zeiten der Liebe» zeigt, wie unterschiedlich die Bundesrepublik und die DDR auf HIV und Aids reagierten und wie ähnlich die Angst vor der Krankheit am Ende doch funktionierte.
Im Westen wurde Aids früh zum öffentlichen Thema, oft begleitet von Panik, Schuldzuweisungen und offener Homophobie. In der DDR wurde die Krankheit zunächst eher totgeschwiegen. Aids galt als Problem des Westens, während im Hintergrund längst Pläne, Meldesysteme und Kontrollmechanismen entstanden.
Gerade deshalb ist der Blick der Serie so interessant. Sie zeigt nicht nur, wie eine Krankheit Menschen traf. Sie zeigt auch, was Staaten tun, wenn sie Angst bekommen. Und wie schnell aus medizinischer Unsicherheit politische Härte werden kann.
Keine reine Archivdoku
Die Serie arbeitet mit Interviews, Archivmaterial und nachgestellten Szenen. Das kann leicht schiefgehen. Hier hilft es, dass die Reenactments nicht nach grossem TV-Drama schreien, sondern Lücken füllen, für die es keine Bilder mehr gibt.
Zu Wort kommen unter anderem der Regisseur Frank Castorf, der Szenenbildner Karl-Hermann Reith, der Schauspieler Bernd Stegemann, Jean-Claude Kuner und der Historiker Henning Tümmers. Besonders nah kommt einem aber Sabine Zolchow, Heikos frühere Ehefrau. Sie erzählt ohne Bitterkeit von seiner Liebe zu Dirk: «Was hätte ich ihnen vorwerfen sollen? Dass sie schwul sind?»
Gauweiler, Süssmuth und die Angst der Achtziger
Die Doku erinnert auch daran, wie brutal die Debatten damals geführt wurden. Der CSU-Politiker Peter Gauweiler steht in der Serie für jene Politik, die auf Kontrolle, Zwangstests und Abschottung setzte. In einer Talkrunde von 1987 unterstellt er Schwulen ein «hamsterhaftes Sexualleben».
Auf der anderen Seite steht Rita Süssmuth, damals Bundesgesundheitsministerin. Sie setzte stärker auf Aufklärung, Kondome und Zusammenarbeit mit der Deutschen Aidshilfe. Dass sich dieser Ansatz durchsetzte, war keine Selbstverständlichkeit.
Mehr als 150’000 Abrufe
Rund einen Monat nach Veröffentlichung wurde die Dokuserie laut ZDF bereits mehr als 150’000 Mal abgerufen. Die erste Folge ist demnach das bisher erfolgreichste Video des Jahres beim ZDF-Kulturformat «aspekte».
Das ist keine riesige Streamingzahl im Netflix-Sinn. Aber für eine dreiteilige Doku über Aids, DDR-Kunst, Homophobie und Erinnerung ist es ein starkes Zeichen. Vielleicht auch, weil «Aids – In Zeiten der Liebe» nicht versucht, aus Heiko und Dirk nachträglich Heilige zu machen. Die Serie zeigt zwei Männer, die liebten, arbeiteten, feierten, aneckten und zu früh starben.
Alle drei Folgen sind in der ZDF-Mediathek abrufbar. Die erste Folge gibt es auch in voller Länge auf Youtube.
