Männer, die auf Männer stehen, sich aber mit der schwulen Community möglichst wenig identifizieren wollen: Die «Straight Acting Brotherhood» sorgt online für Diskussionen. Ihr Selbstverständnis ist klar: maskulin, ambitioniert und weit weg von dem, was sie als typische schwule Kultur wahrnehmen. Dazu zählen für sie offenbar Pride, Regenbogenästhetik, Partys und eine Datingkultur, die sie auf unverbindliche Hook-ups reduzieren.
Mitbegründer Jonny Cutuli kritisiert, was er als problematische Entwicklungen in der schwulen Welt bezeichnet. Er wolle einen Ort für maskuline, ambitionierte Männer schaffen, die mehr vom Leben erwarten als Partys und schnellen Sex. Was zunächst nach einer legitimen Suche nach Gleichgesinnten klingt, offenbart bei genauerem Hinsehen ein problematisches Weltbild: Schwulsein scheint hier zwar akzeptiert, solange es sich möglichst wenig queer zeigt.
Dabei übersehen sie einen entscheidenden Punkt: Das Bild vom schwulen Mann, von dem sie sich distanzieren, ist selbst ein homophob geprägtes Klischee, das der tatsächlichen Vielfalt schwulen Lebens kaum gerecht wird. Wer glaubt, sich davon abgrenzen zu müssen, übernimmt ausgerechnet jene Vorurteile, die von aussen an die Community herangetragen wurden.
Denn seit wann stehen Hook-ups für die gesamte schwule Community? Und seit wann sind offene Beziehungen eine Voraussetzung, um dazuzugehören? Monogamie, feste Partnerschaften und der Wunsch nach Familie sind genauso Teil schwulen Lebens wie offene Beziehungen, sexuelle Freiheit und unverbindliche Begegnungen. Keine dieser Lebensformen ist per se besser oder schlechter. Sie sind unterschiedliche Entscheidungen – und niemand muss sich dafür rechtfertigen.
Genau darin liegt der Widerspruch: Die Brotherhood fordert offenbar mehr Vielfalt für Männer, die sich nicht mit klassischen schwulen Klischees identifizieren, grenzt sich dabei aber selbst von anderen Lebensentwürfen ab. Wer sich als besonders maskulin, seriös oder beziehungsorientiert positioniert, indem er andere Schwule als oberflächlich, promiskuitiv oder zu feminin darstellt, schafft keine neue Freiheit. Er reproduziert alte Vorurteile in neuem Gewand.
Vielleicht erleben wir hier eine neue Generation der Homophobie. Nicht mehr unbedingt jene, die gleichgeschlechtliche Anziehung grundsätzlich ablehnt, sondern eine subtilere Variante:
Du darfst Männer lieben, aber bitte nicht queer sein.
Du darfst schwul sein, aber nicht «fruity».
Du darfst dazugehören, solange du dich von allem distanzierst, was andere an schwuler Kultur sichtbar, laut oder unangepasst macht.
Natürlich muss niemand Pride feiern, Glitzer tragen, Clubs besuchen oder seine Sexualität politisch in den Vordergrund stellen. Auch Maskulinität ist nichts, wofür man sich rechtfertigen müsste. Aber Freiheit bedeutet eben auch, anderen dieselbe Freiheit zuzugestehen: dem femininen Mann, dem Partygänger, dem sexuell experimentierfreudigen Menschen und all jenen, die mit klassischen Geschlechterrollen wenig anfangen können.
Die Frage ist deshalb nicht, ob Männer Männer begehren dürfen, ohne sich schwul zu nennen. Natürlich dürfen sie das. Die Frage ist, weshalb sie offenbar eine Community brauchen, die ihnen versichert, dass sie nicht wie die anderen sind.
Denn wer Schwulsein nur dann akzeptiert, wenn es nicht zu schwul aussieht, hat das Problem vielleicht nicht mit den Klischees, sondern mit der eigenen Vorstellung davon, was es bedeutet, queer zu sein.
